Eine CAR-T-Zelle in einer Illustration. Die gentechnisch veränderten Immunzellen tragen Oberflächenmoleküle, mit denen sie Krebszellen erkennen und vernichten können. 
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BerlinAb Mittwoch treffen sich im Berliner City-Cube in Charlottenburg mehr als 10.000 Wissenschaftler, Ärzte und Pflegekräfte, um sich über die neuesten Erkenntnisse der Krebsmedizin auszutauschen. Dabei wird es viel um kleine Moleküle gehen, sagt Kongresspräsident Andreas Hochhaus von der Universität Jena. Denn vor allem diesen neuen Wirkstoffen sei es zu verdanken, dass die Heilungsraten von Krebs ansteigen.

Herr Professor Hochhaus, wie gut ist die Krebsmedizin mittlerweile? Hat die einst so gefürchtete Krankheit durch neue Therapien viel von ihrem Schrecken verloren?

Für jeden Patienten und seine Angehörigen ist die Diagnose Krebs ein gravierender Einschnitt ins Leben, der Angst macht. Krebserkrankungen sind aber inzwischen gut behandelbar. Wichtig ist eine qualitativ hochwertige Behandlung, zum Beispiel an zertifizierten Zentren. Dort diskutieren alle beteiligten Experten – also Chirurgen, Strahlentherapeuten, Spezialisten für die medikamentöse Tumortherapie, Radiologen, Pathologen und Pflegekräfte – die Befunde gemeinsam und einigen sich auf eine Therapieempfehlung. Auch Psychoonkologen übernehmen eine wichtige Rolle: als Ansprechpartner für die seelischen Belastungen, die die Erkrankung mit sich bringt.

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Der Kongresspräsident

Prof. Dr. Andreas Hochhaus leitet die Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Jena. Darüber hinaus ist er Sprecher des UniversitätsTumorCentrums Jena und Prodekan für Forschung der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 

Der 34. Deutsche Krebskongress findet vom 19. bis 22. Februar im Berliner City-Cube statt. Es werden mehr als 10.000 Teilnehmer erwartet. Auf dem Programm stehen mehr als 300 SItzungen über neueste Erkenntnisse der Krebsmedizin.

Bei welchen Krebsarten sind die Heilungsraten besonders stark gestiegen?

Verbesserungen hat man zum Beispiel bei bestimmten Formen von Lungenkrebs und schwarzem Hautkrebs erzielen können. Gerade Tumore, deren Zellen in ihrem Erbgut spezifische genetische Veränderungen aufweisen, lassen sich durch zielgerichtete Therapien inzwischen sehr viel besser behandeln als noch vor einigen Jahren. Zum Einsatz kommen dabei sogenannte small molecules, auf Deutsch kleine Moleküle, oder Antikörper. Kombiniert man sie mit anderen Therapien, verbessert das in einigen Fällen die Heilungschancen weiter. Große Fortschritte haben wir auch bei der chronischen myeloischen Leukämie, kurz CML, erzielt. Dank neuer, ebenfalls zielgerichtet wirkender Medikamente leben inzwischen zehn Jahre nach der Diagnose mehr als 80 Prozent der Patienten. Daran war vor zwanzig Jahren noch nicht zu denken.

Gibt es Veränderungen der Neuerkrankungsraten?

Insgesamt steigt die absolute Zahl der jährlichen Krebsneuerkrankungen weiter an. Das liegt vor allem daran, dass die Bevölkerung immer älter wird. Bei den Männern wird insbesondere ein Anstieg von Tumoren der Prostata und der Lunge erwartet. Bei Frauen werden die stärksten Fallzahl-Steigerungen voraussichtlich bei Brust-, Darm- und Lungenkrebs auftreten.

Wodurch zeichnen sich die innovativen Therapien aus?

Die small molecules – man erkennt die Wirkstoffe übrigens daran, dass ihr Name auf -mib oder -nib endet – richten sich spezifisch gegen Genveränderungen, die das Wachstum der Krebszellen begünstigen. Die Medikamente greifen gezielt in das Stoffwechselgeschehen des Tumors ein und attackieren ihn auf diese Art und Weise. Da Krebszellen infolge neuer Mutationen allerdings rasch gegen die Wirkstoffe resistent werden können, ist in der Regel eine Kombination mehrerer Präparate und Behandlungsansätze erforderlich.

Welche Krebspatienten profitieren von den zielgerichteten Therapien ganz besonders?

Inzwischen gibt es solche Wirkstoffe für viele Krebsarten. Beim nicht kleinzelligen Lungenkrebs gelingt es mittlerweile durch eine qualitativ hochwertige molekulargenetische Diagnostik sehr gut, diejenigen Patienten zu identifizieren, die auf eine entsprechende zielgerichtete Therapie gut ansprechen.

Im Jahr 2018 ging der Medizin-Nobelpreis an die Entdecker der Checkpoint-Inhibitoren, die das Immunsystem dabei unterstützen, Krebszellen effizient anzugreifen. Wie hat sich diese Therapie entwickelt?

Die Immuntherapien sind eines der Highlights unserer Tagung. Hier gibt es eine Reihe unterschiedlicher Ansätze, mit denen zuletzt gute Erfolge erzielt werden konnten. Bei den Checkpoint-Inhibitoren, kurz CI, handelt es sich um moderne Antikörper, die bestimmte Signale der Krebszellen blockieren, mit denen die Zellen das Immunsystem ausbremsen. Checkpoint-Inhibitoren lösen diese Bremse. Eine weitere wichtige Form der Immuntherapie ist die Behandlung mit CAR-T-Zellen. Dabei handelt es sich um gentechnisch veränderte Immunzellen, die über spezielle Oberflächenmoleküle Krebszellen erkennen und attackieren. Sie sind insbesondere bei fortgeschrittenen B-Zell-Leukämien und anderen Formen von Blutkrebs zugelassen, wenn keine andere Behandlung mehr anschlägt. Bislang kommt diese Therapie aber nur für sehr wenige Patienten in Frage. An ihrer Weiterentwicklung wird jedoch intensiv geforscht.

Welche Probleme gilt es noch zu lösen?

Wir brauchen insbesondere noch feinere diagnostische Methoden, um vor Beginn der Behandlung besser abschätzen zu können, welcher Patient von der Therapie profitiert und welcher nicht – vor allem um den Betroffenen unnötige Nebenwirkungen zu ersparen. Noch wissen wir nicht so recht, wodurch sich die Tumore, die auf die Behandlung ansprechen, von anderen unterscheiden. Wir müssen also in erster Linie noch mehr darüber herausfinden, bei welchen Tumorarten – und auch in welchen Kombinationen mit anderen Behandlungsansätzen – die Immuntherapien optimal wirken. Darüber hinaus wäre es erstrebenswert, unerwünschte Wirkungen auf das Immunsystem zu reduzieren. Bei den CI sind das insbesondere Autoimmunreaktionen, durch die es zu Entzündungen zum Beispiel der Schilddrüse, Leber und Lunge kommen kann. Bei der CAR-T-Zelltherapie können im gesamten Organismus schwerwiegende Entzündungsreaktionen auftreten. Auch sehen wir neurologische Begleiterscheinungen mit teilweise tödlichem Verlauf. Diese Nebenwirkungen müssen wir besser in den Griff bekommen.

Werden künftig alle Krebspatienten, deren Tumor für eine Behandlung mit den neuen Wirkstoffen infrage kommt, eine solche Therapie auch tatsächlich erhalten?

Solche hochkomplexen neuen Ansätze wie die CAR-T-Zelltherapie sollten an ausgewählten spezialisierten Zentren vorgenommen werden, die über das entsprechende Know-how verfügen und auch bereit sind, das Verfahren noch weiter zu erforschen. Für die Patienten hat das den Vorteil einer qualitativ hochwertigen Behandlung, auch wenn sie dafür vielleicht längere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. Damit bei Bedarf tatsächlich jeder Patient von den modernen Therapien profitieren kann, brauchen wir eine gute Vernetzung zwischen dem behandelnden Onkologen vor Ort und diesen Innovationszentren. Um die zielgerichteten Therapien gewinnbringend einsetzen zu können, muss das Tumorgewebe des Patienten zunächst genetisch analysiert werden. Diese Untersuchungen werden inzwischen von vielen Krankenkassen bezahlt. Allerdings müssen sie vorab beantragt werden.

Was können Patienten tun, um bestmöglich behandelt zu werden?

Sehr hilfreich ist es, wenn man sich über seine Krankheit auch selbst informiert. Die dazu erforderlichen Strukturen werden derzeit weiter ausgebaut. Das Infonetz Krebs etwa, das die Deutsche Krebsgesellschaft und die Stiftung Deutsche Krebshilfe gemeinsam betreiben, bietet eine telefonische Hotline. Kostenfreie Beratung bei psychischen Belastungen oder sozialrechtlichen Fragen bekommt man auch bei den Krebsberatungsstellen der Landeskrebsgesellschaften.

Infotag für Patienten am Sonnabend

Patienten, Angehörige und andere Interessierte können sich beim  Krebsaktionstag am Samstag, 22. Februar, zwischen 8.30 und 17.30 Uhr im City-Cube der Messe Berlin über das Thema Krebs informieren. Auf dem Programm stehen Vorträge zu verschiedenen Krebsarten und zu übergreifenden Themen wie Bewegung, Ernährung und unterstützenden Behandlungsmaßnahmen. Außerdem gibt es zahlreiche Informationsstände. Experten und Selbsthilfevertreter beantworten den Besuchern gern spezielle Fragen. Die Teilnahme am Krebsaktionstag ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Werden wir uns die vielen innovativen Therapien, die teilweise ja sehr teuer sind, überhaupt leisten können?

Tatsächlich sind einige der neuen Therapien recht kostspielig. So schlägt eine Behandlung mit CAR-T-Zellen derzeit mit gut einer viertel Million Euro zu Buche. Die Einrichtung weiterer spezialisierter Innovationszentren, die über viel Know-how verfügen und sich zudem zur Forschung verpflichten, wird aber dazu beitragen, mehr Wissen über innovative Behandlungen zu sammeln. Und das wiederum wird helfen, den tatsächlichen Patientennutzen besser zu beurteilen und unnötige Ausgaben zu vermeiden.