Farbiger MRT-Scan des menschlichen Kopfes.
Foto: imago images/Science Photo Library

BerlinMeist sind es Patienten, die der Arzt beispielsweise wegen Nebenhöhlenproblemen, Schwindelattacken oder chronischen Kopfschmerzen zu einer Kernspinuntersuchung des Schädels schickt. Bei der Auswertung der Bilder entdecken die Radiologen dann plötzlich als Nebenbefund eine Aussackung an einem kleinen Blutgefäß im Gehirn. „Diese Aussackungen sind meist reine Zufallsbefunde“, erklärt Marius Hartmann, Chefarzt der Neuroradiologie am Helios Klinikum in Berlin-Buch. „In der Regel verursachen sie keine Symptome. Nur ganz selten treten Sehstörungen oder Kopfschmerzen auf. In vielen Fällen sind diese Aneurysmen aber harmlos, wenn sie sehr klein und regelmäßig geformt sind und an ungefährlichen Stellen sitzen. Da muss man erst mal nichts machen. Meist reicht es, wenn man sie ab und zu mit einer Kernspinuntersuchung kontrolliert.“

Trotzdem machen sich viele Patienten Sorgen. Denn manchmal können diese Ausbuchtungen an den Arterien platzen, wenn sie größer werden und die Gefäßwände mit steigendem Alter ihre Elastizität verlieren. Das hätte dramatische Folgen. Ein Riss ist hier lebensbedrohlich oder kann zu schweren Ausfallerscheinungen und bleibenden Behinderungen führen.

Das Risiko dafür steigt, wenn die Betroffenen rauchen, unter Bluthochdruck oder zu hohen Cholesterinwerten leiden. Oder wenn bereits Eltern oder Geschwister davon betroffen sind oder waren.

Die Chancen auf einen solchen Zufallsbefund sind allerdings gar nicht mal so gering. Denn etwa drei Prozent aller Erwachsenen entwickeln Hirnaneurysmen. Allein in Berlin wären das rund 100.000 Menschen. „Wir entdecken aber nur wenige von ihnen, weil eben keine Symptome auftreten und die meisten Betroffen sich keiner Kernspinuntersuchung aus anderen Gründen unterziehen müssen“, sagt Georg Bohner, Leiter des Instituts für Neuroradiologie der Charité in Berlin. Auch er gehört zu den erfahrensten Spezialisten für diese Erkrankung.

In den meisten Fällen sind Gehirnaneurysmen also ungefährlich. Trotzdem erleiden statistisch gesehen jedes Jahr etwa 500 Berliner eine Hirnblutung aus einem Aneurysma. „Das kann unter körperlicher Belastung passieren, aber genauso gut auch in völliger Ruhe“, so Bohner. Jeder einzelne dieser Fälle ist immer ein katastrophales Ereignis. Denn 20 bis 30 Prozent der Patienten kommen nicht rechtzeitig in eine spezialisierte Klinik und sterben.

Erfahrene Spezialisten können anhand der Kernspinaufnahmen und der persönlichen Umstände jedes einzelnen Patienten zum einen das individuelle Risiko für ein Einreißen und zum anderen auch das Risiko einer Behandlung abschätzen und eine Empfehlung geben.

Tritt eine Hirnblutung auf, muss immer sofort operiert werden, solange der Patient noch lebend das Krankenhaus erreicht.

Doch nicht nur in diesen Notfällen, sondern auch im Vorfeld können Ärzte diese Erkrankungen der Hirngefäße erfolgreich behandeln. Das ist immer dann ratsam, wenn die Untersuchungen gezeigt haben, dass bei den Gefäßausbuchtungen ein erhöhtes Risiko für ein Platzen und eine Hirnblutung vorliegt. „Das ist etwa bei der Hälfte der Patienten mit einem entdeckten Aneurysma der Fall“, so Neuroradiologe Bohner.

Allerdings gab es diese Möglichkeit bisher nicht für alle Fälle: Liegt das Aneurysma tiefer im Gehirn, an kleinen, unübersichtlichen oder stark verzweigten Gefäßen, gilt die Gefäßschädigung als schwer und nur mit hohem Risiko operierbar.

„Speziell diese kleinen, nur ein bis zwei Millimeter großen Miniaussackungen“, so Bohner, „sind in der Regel nur mit hochauflösenden MRT-Geräten zu erkennen.“

Grifik: BLZ/Hecher

Noch bis vor 20 Jahren mussten nahezu alle Patienten vom Neurochirurgen operiert werden. Er öffnete den Schädel und klemmte die Gefäßaussackung mit Metallklammern ab. Dieses sogenannte Clipping ist heute aber nur noch bei akuten Notfällen oder in besonders schwierigen Situationen nötig.

Heute ist zur Therapie jedoch oft nicht einmal eine neurochirurgische Operation nötig. Viele Aneurysmen lassen sich besonders schonend durch einen Katheter ausschalten. Dieses Spezialgebiet der Medizin, im Fachjargon Neuroradiologie genannt, hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Je nach Klinik werden mittlerweile 60 bis 90 Prozent der Patienten minimalinvasiv mit einem Katheter behandelt. Der Schädel muss dazu nicht mehr geöffnet werden.

„Wir führen dazu unter Röntgenkontrolle einen weniger als einen Millimeter dünnen Mikrokatheter von der Leistenschlagader über verschiedene Arterien bis an die betreffende Stelle im Gehirn vor“, erklärt Georg Bohner. „Dort füllen wir das Aneurysma mit kleinen Platinspiralen aus. Durch diese sogenannten Coils kann kein Blut mehr hineinströmen. Es gerinnt zwischen den vielen Platinfäden in der Erweiterung und kann keine Blutung mehr verursachen.“

In den letzten Jahren haben sich auch weitere schonende Verfahren etabliert. Anstelle der Platinspiralen bringen die Neuroradiologen je nach Größe, Form und Lage der Ausbuchtungen spezielle Mikrostents und unterstützende Systeme durch den Katheter ein. Sie schienen die kleinen Arterien oder Gefäßaufzweigungen genau an der Stelle, aus der das Aneurysma hervorgeht.

Gerade bei sehr kleinen und tief liegenden Aneurysmen, die bisher nur schwer zugänglich waren, bieten neue innovative Implantate Hoffnung auf einen schonenden und erfolgreichen Kathetereingriff. Über den Katheter setzt der Arzt flusssteuernde Miniimplantate (Flow Diverter) ein, die den Blutstrom vom Aneurysma wegleiten und so dafür sorgen, dass die Schwachstelle ausheilen kann. „Diese Diverter“, so Bohner, „sind viel enger gewoben als ein Stent und wirken wie eine zweite Gefäßwand. Das Blut strömt zwar nicht mehr zu stark in die Ausbuchtung ein, trotzdem kann es noch in andere wichtige Gefäße gelangen, die an der betreffen Stelle abzweigen. Das sorgt für einen intelligenten und bedarfsgerechten Blutfluss. Das Aneurysma selbst trocknet dabei aus.“

Damit können jetzt auch Patienten behandelt werden, für die es wegen der ungünstigen Lage der Gefäßerweiterungen bisher keine Therapiemöglichkeit gab.