Beatmungspatienten leiden häufig an Vorerkrankungen. Die Pflegekräfte müssen eine Vielzahl an Parametern überwachen.
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BerlinIn Corona-Krisenzeiten soll möglich werden, was sonst nicht geht: massive Investitionen in die Kliniken und insbesondere in die Intensivpflege, wo in den kommenden Wochen wahrscheinlich zehntausende Covid-19-Patienten versorgt werden müssen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte vor einigen Tagen an, die Zahl der Intensivbetten in Deutschland solle auf 60.000 verdoppelt werden. Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) erklärte in dieser Woche, die Zahl der Intensivbetten mit Beatmungsgeräte in der Hauptstadt solle auf rund 2000 verdoppelt werden. Und der Klinikkonzern Helios will die Zahl seiner Intensivbetten von 900 auf 1500 erhöhen. 

Pflege-Experten bewerten diese Ankündigungen skeptisch. Die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, Irene Maier, sagte der Berliner Zeitung: „Wir gehen nicht davon aus, dass sich dieses Versprechen zeitnah und vollständig realisieren lässt.“ Eine gewisse Steigerung der Kapazitäten sei sicherlich möglich. „Aber um die Intensivpflege auf dem bestehenden qualitativen Niveau zu ermöglichen, fehlen schlicht die erfahrenen, qualifizierten Mitarbeiter.“

Berliner Intensivstationen konnten Betten nicht belegen

Maiers Äußerung ist zu verstehen vor dem Hintergrund eines zähen politischen Streits. Nach langen Protesten gelten seit vorigem Jahr für bestimmte Abteilungen, auch für die Intensivstationen, Mindestwerte für die Besetzung mit Pflegekräften. So darf im Intensivbereich eine Pflegekraft maximal zweieinhalb Patienten betreuen. Kann die Klinik das Personal nicht zur Verfügung stellen, so muss sie die Anzahl ihrer Betten reduzieren. In Berlin konnten 2019 im Durchschnitt sieben Prozent der Intensivbetten wegen Personalmangels nicht belegt werden.

Im Zuge der Corona-Krise hat Spahn die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung jedoch außer Kraft gesetzt. Ein Schritt, der aus Sicht von Irene Maier zu Lasten des Patientenwohls geht. „Wir müssen uns bewusst sein, dass die Krankenhäuser in den kommenden Wochen im Krisenmodus agieren“, sagte sie. „Aber auch in einer solchen Situation brauchen die Intensivpfleger Menschen an ihrer Seite, die sich tatsächlich auskennen. Sie können weniger erfahrene Pflegefachkräfte nicht erst vor Ort anlernen.“

Zum Wenden braucht es vier Pflegekräfte

Tatsächlich bemühen sich zahlreiche Krankenhäuser derzeit, Pflegekräfte aus anderen Bereichen für die Pflege von Covid-Patienten und für die künstliche Beatmung zu qualifizieren. Allerdings sei diese Aufgabe besonders komplex, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege, Lothar Ullrich, der Berliner Zeitung: „Diese Patienten stellen höchste Ansprüche an das betreuende Personal.“

Die Beatmung erfolge in vielen Fällen nicht über Masken, sondern per Tubus. Bei diesem Verfahren muss auch das Lungensekret abgesaugt werden – damit geht eine besondere Infektionsgefahr einher, da Aerosole direkt aus dem Entzündungsherd freigesetzt werden können. Die Patienten müssten regelmäßig von der Rücken- in die Bauchlage gewendet werden, damit Durchblutung und Durchlüftung der gesamten Lunge gesichert sind. Alleine für das Wenden seien im Normalfall vier Pflegekräfte erforderlich. Dabei ist höchste Vorsicht geboten, weil die Patienten an zahlreichen Schläuchen hängen. Zudem ist ständig eine Vielzahl von Parametern zu überwachen.

Ullrich glaubt, dass der Personalbedarf teilweise mit Anästhesiepflegekräften gedeckt werden kann, die in den Operationssälen derzeit nicht gebraucht werden. Es gäbe zudem viele Teilzeitkräfte, die temporär Mehrarbeit leisten könnten. Ohne Improvisation werde es an vielen Stellen aber nicht gehen. Pflegerat-Vizepräsidentin Maier mahnte eine Wende in den Krankenhäusern an: „Wir müssen Lehren ziehen aus dieser Notlage. Denn ich glaube nicht, dass es das letzte Mal sein wird, dass wir eine solche Pandemie erleben.“