Berlin - Eine Krankschreibung per Videochat? Was vor einem Jahr noch undenkbar schien, ist in der Corona-Krise möglich geworden. Der digitale Kontakt zum Arzt soll helfen, dass die Patienten zu Hause bleiben können und keine Plätze in den  Wartezimmern beanspruchen müssen. Seit Juli dürfen sich Patienten bis zu sieben Tage per Ferndiagnose krankschreiben lassen. Auch nach der Corona-Zeit soll das möglich bleiben, teilte das Bundesgesundheitsministerium im November mit. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde bereits auf den Weg gebracht. 

Die Video-Krankschreibung ist nur ein Beispiel dafür, dass die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche durch die Pandemie einen enormen Schub erhalten hat. Laut der Studie „Future of Health“ des Beratungsunternehmens Roland Berger soll sich der Digitalisierungsprozess im Gesundheitswesen in der Pandemie um rund zwei Jahre beschleunigt haben. Außerdem prognostizieren die Experten dem digitalen Gesundheitsmarkt in Europa bis 2025 ein Wachstum auf 232 Milliarden Euro – ein Plus von fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

Entwickler und Start-ups profitieren von der Krise

Insbesondere App-Entwickler und Start-ups im E-Health-Bereich profitieren stark von der Krise. E-Health, Electronic Health, ist der Sammelbegriff für den Einsatz von Technologien im Gesundheitswesen. Es ist eine Wachstumsbranche, sind sich die Experten sicher. Einen „echten Boom“ hat unter anderem das Berliner Unternehmen Amboss in der Pandemie erlebt, erzählt Gründer Sievert Weiss. Das Unternehmen existiert schon seit 2012. Das Prinzip von Amboss: sämtliches medizinisches Fachwissen zu digitalisieren, auf das Ärzte in Sekundenschnelle via Smartphone zugreifen können. Allein in den vergangenen sechs Monaten sei der Zugriff von Medizinern auf covidspezifische Inhalte von 500 auf 22.000 pro Tag gestiegen, so Weiss.

Insgesamt haben mehr als 1,5 Millionen Mediziner inzwischen auf die Corona-Inhalte von Amboss zugegriffen, davon stammen knapp 50 Prozent aus dem Ausland. „Die Krise war der Katalysator für diese Entwicklung“, sagt Weiss. „Es gibt eine tägliche Informationsflut und unterschiedliche Empfehlungen zu Covid. Wir sortieren die Informationen und bereiten sie für Mediziner weltweit auf.“ Die Infos zu Corona werden bereits in sechs Sprachen angeboten. Insgesamt arbeiten 400 Mitarbeiter für Amboss, ein Drittel davon sind Ärzte.

Auch Weiss ist Arzt, er kennt die zunehmende Überbelastung in Krankenhäusern und Praxen aus eigener Erfahrung. Alleine 2019 kam es in Deutschland zu knapp 1600 medizinischen Behandlungsfehlern. Die Gründe für die Fehler sind unter anderem Zeitmangel und veraltetes Fachwissen. Technologien könnten helfen, die Mediziner und Pfleger zu unterstützen und Fehler in Zukunft zu verringern.

Digitalisierung soll Effektivität in der Medizin verbessern

„Wir müssen die Effektivität in der Medizin verbessern – mithilfe der Digitalisierung“, sagt Weiss. Das deutsche Gesundheitswesen müsse in Sachen Digitalisierung allerdings noch einiges nachholen. Bisher kam der Prozess nur sehr schleppend voran. Viele Informationen zu Patienten werden immer noch telefonisch abgefragt, Befunde werden gefaxt. „Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt Weiss. „Das medizinische Wissen nimmt exponentiell zu. Dem Arzt wird durch das digitalisierte Wissen, das wir bereitstellen, viel abgenommen. Er kann sich dann wieder mehr auf die Patienten konzentrieren.“ Die Digitalisierung mache die Medizin daher in Zukunft nur menschlicher.

Foto: Amboss
„Wir müssen die Effektivität in der Medizin verbessern“, sagt Amboss-Gründer und Arzt Sievert Weiss.

Weitere Bereiche im E-Health-Sektor, die stark wachsen, sind etwa Plattformen für die Online-Terminvereinbarung, wie Doctolib oder Clickdoc. Auch die Diagnostik mittels Künstlicher Intelligenz wird immer beliebter, so auch die App Ada Health, die bei der Diagnose von körperlichen Symptomen hilft. Nicht nur junge Start-ups, auch große Konzerne wie Amazon steigen auf den E-Health-Zug auf. Denn es locken Milliardengeschäfte. So hat Amazon etwa mitten in der Pandemie die Online-Apotheke Amazon Pharmazy ins Leben gerufen. 

E-Health ist eine Zukunftsbranche, meint auch Jörg Debatin, Radiologe und Leiter des Health Innovation Hub (hih) des Gesundheitsministeriums. „Ausgerechnet die Pandemie hat der Digitalisierung des Gesundheitswesens Rückenwind verliehen“, so der Mediziner. Ob das Wartezimmer nun ganz abgeschrieben werde? „Nein“, antwortet Debatin. „Der Gang zur Praxis ist weiterhin wichtig. Die Videosprechstunde ist nur ein Zusatzangebot.“ Gerade für chronisch erkrankte Patienten sei diese Form der Kommunikation besonders geeignet. Denn oft werde nur ein neues Rezept benötigt.

Die elektronische Patientenakte (ePA), die 2021 starten soll, ist der zentrale Schritt im Bereich der Digitalisierung in der Medizin. „Die Krankengeschichte eines Patienten zu verstehen, ist nicht einfach, wenn man keine Informationen, geschweige denn Daten von vergangenen Befunden, OPs und Erkrankungen vorliegen hat“, sagt Debatin. „Wir müssen die Medizin papierfrei gestalten, damit Ärzte effektiver arbeiten können. Auch für Patienten würde alles sicherer, schneller und bequemer verlaufen.“

Gesundheitsdaten müssen geschützt werden

Die ePA müsse allerdings verständlich für Ärzte und Patienten  aufbereitet sein. Dabei unterliegen die Daten in der elektronischen Patientenakte auch strengen Datenschutzregeln. Zahlreiche Datenschützer schlagen bereits Alarm und befürchten einen Handel von Daten. 

Ein Problem ist außerdem der zunehmende Datenklau im Gesundheitswesen. Oftmals stecken hinter solchen Datenlecks gezielte Hackerangriffe. Gerade Gesundheitsinformationen und andere persönliche Daten sind für Kriminelle ein lukratives Geschäft. Das Problem: Patientendaten sind in zahlreichen Praxen laut des Fraunhofer Instituts nur ungenügend geschützt.

Erst im Januar 2020 wurde etwa eine Festplatte mit Patientendaten in einem Berliner Krankenhaus bei einem Einbruch in einem Dienstraum gestohlen. Auch der ePA stehen zahlreiche Ärzte und Patienten skeptisch gegenüber. Sie befürchten, dass es Hackern gelingen könnte, Informationen über Patienten abzugreifen und dann weiterzuverkaufen. „Gesundheitsdaten sind sensible Daten, sie müssen daher dringend und mit größter Sorgfalt vor Datenmissbrauch geschützt werden“, so Debatin.

2021 wird außerdem das elektronische Rezept in Deutschland eingeführt, das per Smartphone verschickt und in der Apotheke eingelöst werden kann. Debatin: „Die Digitalisierung ist ein dynamisches Feld. Wir dürfen nicht stehen bleiben.“

Für Digitalisierungsprozesse sind Investitionen notwendig. Gerade kleinere Praxen und Pflegedienste können sich diese allerdings oft nicht leisten. Das Problem kennt Reik Hoffmann von der Seniorenpflege Birkholz in Berlin nur zu gut. Dass er nun doch in eine Buchhaltungs- und eine Dokumentationssoftware für die Pflege investieren konnte, hat er vor allem dem Wirtschaftsförderprogramm „Digitalprämie Berlin“ zu verdanken. Dieses wurde vom Land Berlin in der Pandemie ins Leben gerufen. Das Ziel: Den Mittelstand bei den Digitalisierungsprozessen in der Krise zu unterstützten.

„Wir nutzen die Corona-Krise als Turbo für die Digitalisierung. Denn die Berliner Unternehmen sollen aus dieser Krise besser gerüstet herausgehen“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Es habe bereits 3046 Förderanträge gegeben. „Die große Nachfrage nach unserem Förderprogramm zeigt, dass viele Unternehmen die aktuelle Pandemie auch als Chance sehen, um ihre Geschäftsmodelle auf ein neues digitales Level zu heben“, so Pop.

„Der Bedarf an einer Dokumentationssoftware war schon vor der Pandemie da“, sagt Hoffmann von der Seniorenpflege Birkholz. Auch die Buchhaltungssoftware sei längst fällig gewesen. Sie ermöglicht etwa, elektronische Rechnungen zu verarbeiten. Ohne die Förderung hätte Hoffmann das alles nur schwer umsetzen können.

Doch die beiden Softwares sind nur ein erster Schritt in die digitale Zukunft. „Man könnte die Datenerfassung, wie etwa die Temperaturmessung, automatisieren. Die Geräte könnten die Ergebnisse selbst auf das Dokumentationssystem übertragen“, so Hoffmann. Er habe zahlreiche Ideen für weitere Digitalisierungsprojekte. Doch sie hängen alle vom Geld ab, das zur Verfügung steht. „Je mehr wir digitalisieren, desto weniger Arbeit haben die Pflegekräfte am Computer“, so Hoffmann. „Sie haben dann wieder mehr Zeit für die Patienten - und darum geht es doch in der Pflege.“