Penryn - In manchen Jahren schwärmen Millionen von Distelfaltern (Vanessa cardui) im Frühjahr nach Westeuropa und nach Deutschland. Ursache dieser spektakulären Masseneinflüge seien außergewöhnlich feuchte Wetterbedingungen in Afrika südlich der Sahara im vorangegangenen Winter, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachjournal PNAS. Dadurch könnten reichlich Pflanzen wachsen, auf denen sich die Larven der Schmetterlinge gut entwickelten. Mit geeigneten Winden überquerten die Falter dann die Sahara.

„Unsere Entdeckung der zentralen Bedeutung der Subsahara-Generationen für die Größe der europäischen Populationen zeigt, dass die jährliche Wanderung der Distelfalter – eine jährliche Rundreise von etwa 12.000 bis 14.000 Kilometern zwischen dem tropischen Westafrika und Skandinavien die längste regelmäßige Insektenwanderung ist, die derzeit bekannt ist“, schreiben die Forscher.

Die Wanderwege sehen so aus: Im Frühjahr schlüpft eine Generation der Falter in der Maghreb-Region, also in Marokko, Algerien und Tunesien. Sie fliegt in den Mittelmeer-Raum, wo sofort eine neue Generation produziert wird, die dann über die Alpen nach Deutschland und andere Länder Mittel- und Nordeuropas zieht. Die Schmetterlinge gelangen bis nach Großbritannien und Irland, einige gar bis Nordschweden und Finnland. Im Herbst machen sie sich dann auf den Weg zurück nach Nordwest- und Subsahara-Afrika. Während der gesamten Reise werden sechs oder mehr Generationen von Distelfaltern produziert.

In manchen Jahren kommt es zu einem Massenauftreten der Falter, bei denen Millionen von ihnen über den Himmel ziehen. Bisher sei unklar gewesen, inwieweit die Wintergeneration südlich der Sahara die Stärke der Frühjahrsgeneration im Maghreb beeinflusst, schreiben die Forscher um Jason Chapman von der University of Exeter im britischen Penryn. Sie werteten Monitoring-Daten zu Populationsgrößen der Falter aus dem Zeitraum von 1994 bis 2015 aus. Außerdem analysierten sie Umweltdaten aus den Lebensräumen entlang der Reiseroute der Schmetterlinge.

Die Analyse zeigte, dass das Massenauftreten im Untersuchungszeitraum von 22 Jahren keinem zeitlichen Trend folgte, also nicht regelmäßig im Abstand einiger Jahre vorkam. Die Stärke der Frühjahrspopulation im Maghreb wurde hauptsächlich beeinflusst durch die Vegetationsdichte im Winterlebensraum der Tiere südlich der Sahara. Waren die Niederschlagsmengen dort in einem Jahr ungewöhnlich hoch, erreichten überdurchschnittliche viele Tiere die Maghreb-Region und dann auch den Mittelmeerraum und Nordeuropa.

Tatsächlich waren den Jahren mit einem Massenauftreten der Schmetterlinge in Europa verhältnismäßig feuchte Winter in der Subsahara-Region vorangegangen. Pflanzen würden daraufhin rasch wachsen und nicht nur den Larven als Futter dienen, sondern vermutlich auch ausgewachsenen Tieren Nektar zur Stärkung bieten, schreiben die Forscher. Weitere Analysen zeigten, dass immer wieder Windbedingungen aufträten, dank derer die Schmetterlinge in etwa vier Tagen die Sahara überqueren könnten.