LondonDass die Welt ohne den Einfluss des Menschen anders aussähe, steht außer Frage. Zu den Tiergruppen, deren potenzielle Entwicklung Homo sapiens gehörig ausbremste, gehören Forschern zufolge flugunfähige Vögel. Mindestens vier Mal so viele Arten hätten sich ohne menschlichen Einfluss weltweit entwickelt, berichten sie im Fachmagazin Science Advances. Flugunfähige Eulen, Spechte und Ibisse wären dann wohl selbstverständlich.

Flugunfähige Spezies hätten sich bei den Vögeln im Verlauf der Evolution weitaus häufiger entwickelt, als ihr geringer Anteil bei den heutigen Arten vermuten lasse, erläutern die Wissenschaftler um Ferran Sayol vom University College London und der Universität Göteborg in Schweden. „Der Einfluss des Menschen hat die meisten Ökosysteme weltweit wesentlich verändert und das Aussterben Hunderter Tierarten verursacht“, so Sayol. Evolutionsmuster könnten dadurch verändert werden, insbesondere, wenn Merkmale wie die Flugunfähigkeit Arten anfälliger machten. „Wir erhalten ein verzerrtes Bild davon, wie die Evolution wirklich abläuft.“

Heute nur noch 60 Arten

Für ihre Analyse hatten die Forscher die bekannten seit dem Aufstieg des Menschen ausgestorbenen Vogelarten berücksichtigt: 581 Arten vom Spätpleistozän vor etwa  126.000 Jahren bis zur Gegenwart, bei denen das Aussterben fast immer wahrscheinlich auf menschliche Einflüsse zurückzuführen ist. 166 der Arten waren den verfügbaren Daten zufolge nicht oder kaum flugfähig – flugunfähige Arten seien im Verhältnis viel häufiger ausgestorben als flugfähige. Hätten sie überlebt, wäre die Vielfalt flugunfähiger Spezies heute demnach wesentlich größer, als sie ist. Aktuell existieren weltweit noch etwa 60 flugunfähige Vogelarten.

Mitautor Tim Blackburn vom University College London erklärt, dass es für Vögel vorteilhaft sein kann, auf die Fähigkeit zu fliegen zu verzichten: „Das Fliegen verbraucht eine Menge Energie, die Vögel für andere Zwecke nutzen können, wenn sie nicht in die Luft gehen müssen.“ Darum seien Vögel in Regionen ohne Raubtiere wie vielen Inseln häufig flugunfähig geworden. „Leider werden sie dadurch aber leichter zur Beute, wenn plötzlich Menschen – und die mit ihnen assoziierten Ratten und Katzen – auftauchen.“

Auf den meisten Inselgruppen weltweit gab es den Forschern zufolge vor Ankunft des Menschen flugunfähige Vögel. Sie hätten oft ökologische Nischen besetzt, die andernfalls von Säugetieren besetzt worden wären – mit Hotspots in Neuseeland (26 Arten wie der ausgestorbene Moa) und Hawaii (23 ausgestorbene Arten wie die Riesen-Hawaii-Gans).

Als naiv karikiert

Flugunfähige Arten wie der Dodo (Raphus cucullatus) würden oft als naive Tiere karikiert, deren unausweichliches Schicksal es war, auszusterben, heißt es in der Studie. Stattdessen seien solche einzigartigen Lebensformen als großartiges Beispiel für die evolutionäre Anpassung an neue Umweltbedingungen anzusehen.

Viele besondere Merkmale seien durch das vom Menschen verursachte Aussterben weitgehend ausgelöscht worden. Und das Aussterben flugunfähiger Arten werde sich wahrscheinlich weiter fortsetzen, so die Forscher. Sie seien auf den weltweiten Listen bedrohter Tiere im Verhältnis stärker vertreten als andere Vögel.

Die Studie zeige, dass die Evolution der Flugunfähigkeit bei Vögeln eigentlich ein weitverbreitetes Phänomen ist, so Sayol. Heute seien die meisten flugunfähigen Arten Pinguine, Rallen oder Strauße und es gebe nur noch 12 Vogelfamilien mit flugunfähigen Arten. Bevor der Mensch das Aussterben verursachte, seien es mindestens 40 gewesen. „Ohne diese Ausrottungen würden wir uns den Planeten mit flugunfähigen Eulen, Spechten und Ibissen teilen, aber all diese Arten sind jetzt leider verschwunden.“ (dpa/fwt)