In Deutschland gibt es unter zig Millionen Impfungen pro Jahr – die Zehntausende Leben retten – nur einzelne Schäden.
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BerlinEs ist seltsam. Die Welt sehnt sich nach einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus, das sich zurzeit global verbreitet. Die Bedrohung durch Covid-19 ist konkret, die Aussicht auf einen Impfschutz verheißungsvoll. Das Bedauern ist groß, dass es ihn noch nicht gibt.

Und genau in diesem Moment läuft ein Film in rund dreißig Kinos in Deutschland an – am Wochenende auch in Berlin –, in dem Impfungen als eines der größten Menschheitsverbrechen der Neuzeit dargestellt werden. Ist das unfreiwillig komisch? Ist es zynisch? Oder einfach nur dämlich?

Amerikanischer Kreuzzug gegen das Impfen

„Vaxxed 2“ ist ein Film, in dem Impfungen als massenhafte vorsätzliche Schädigung von Kindern dargestellt werden. Beim Impfen gehe es darum, Menschen „so früh und so oft wie möglich“ zu schädigen und die Gesellschaft zu spalten. Das sagt eine in der Impfgegnerszene bekannte Verschwörungsgläubige. Und andere selbst ernannte Experten schließen sich dieser irreleitenden Grundthese an.

In „Vaxxed 2“ kommt mehr oder weniger die ganze Prominenz der amerikanischen Antivaxx-Community zu Wort. Natürlich Robert Kennedy jr., der seit Jahren mit leuchtenden Augen einen Kreuzzug gegen das Impfen führt. Natürlich Andrew Wakefield, der vor mehr als 20 Jahren die falsche Behauptung in die Welt setzte, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln stehe im Zusammenhang mit dem Entstehen von Autismus.

Wakefields Forschungsarbeit wurde vor genau zehn Jahren von der Medizinzeitschrift Lancet, in der er publiziert hatte, zurückgezogen. Denn seine Untersuchungsergebnisse waren manipuliert. Wakefield verlor seine Approbation als britischer Arzt und wanderte in die USA aus.

Manipulierte Untersuchungsergebnisse

Als Wakefield vor einigen Jahren den Vorgängerfilm „Vaxxed“ produzierte, war der Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus – nach ernsthafter und genauer Prüfung – längst widerlegt. Das hinderte ihn nicht, seine falsche Behauptung weiter zu verbreiten. Dass seine Manipulationen aufgedeckt wurden und er dafür zur Rechenschaft gezogen wurde, ist für Wakefield und seine Anhänger selbstverständlich nur Beleg für die Hetzjagd gegen sie und die Wahrheit.

Die Verunsicherung, die Andrew Wakefield durch seine manipulierten Veröffentlichungen hervorgerufen hat, hat indes zu keinem Rückgang von Autismus geführt – sehr wohl aber zu vielen vermeidbaren Masernfällen, zum Teil mit schweren Krankheitsverläufen und einzelnen Todesfällen.

Kennedy, Wakefield, die anderen Pseudoaufklärer – sie sind schlimm genug. Sie haben keine zusätzliche Aufmerksamkeit verdient. Wer nicht total vernagelt ist, findet vernünftige, unaufgeregte Information, die ihren Unsinn entkräftet.

Emotionale Bilder verzerren Wirklichkeit

Aber „Vaxxed 2“ zündet eine zweite Stufe der wahrheitsverdrehenden Propaganda. Die Macher von „Vaxxed“ gingen in den USA mit ihrem Film auf Tour. Sie fuhren monatelang mit einem Bus durchs Land und suchten all die Menschen auf, die vermeintlich durch Impfungen Schäden erlitten haben.

Über anderthalb Stunden kommen Mütter und Väter, Kinder und Ärzte zu Wort, die von schrecklichen Schicksalen berichten: geistige und körperliche Behinderung, plötzliche Verhaltensänderungen, Schmerzen, Kindstod und Selbstmord.

Das Perfide daran: Jeder, der ein Herz hat, lässt sich von den Bildern und Schilderungen berühren. Der Film gewinnt dadurch eine suggestive Kraft. So viele Fälle? So schreckliche Schicksale? Muss da nicht was dran sein?

Der Film macht sich nicht die Mühe, die einzelnen Fälle detailliert darzulegen. Es reicht immer, die Verbindung zwischen Impfung und Erkrankung zu behaupten. Jeder Fall ist schließlich Beleg für die propagierte „Wahrheit“, dass Impfungen schädlich sind. Das ist nicht Aufklärung, das ist Manipulation.

Es gibt Fälle von Impfschäden - doch sie sind sehr selten

Es ist wahrscheinlich, dass unter den präsentierten Fällen tatsächlich einzelne echte Impfschäden zu finden sind. Es gibt sie. Und das ist nicht schön, im konkreten Fall entsetzlich und traurig. Aber diese Fälle sind sehr, sehr selten. In Deutschland gibt es unter zig Millionen Impfungen pro Jahr (die Zehntausende Leben retten) buchstäblich nur einzelne Schäden. Und dass es so wenige sind, liegt nicht daran, dass hier ein gigantischer Vertuschungsapparat arbeitet.

Im Gegenteil: Hierzulande werden alle gemeldeten Verdachtsfälle genau untersucht. Jeder kann Verdachtsfälle melden – online und anonym. Das Paul-Ehrlich-Institut geht jedem Hinweis nach. Und Richter, die über Entschädigungen zu entscheiden haben, urteilen im Zweifel für den Antragsteller. So gibt es manchmal auch Entschädigungen für Fälle, in denen ein Zusammenhang nach bestem wissenschaftlichen Wissen nicht hergestellt werden kann.

Denn es gibt häufig einen zeitlichen Zusammenhang. Beispielsweise fällt der typische Zeitpunkt für eine Autismusdiagnose mit dem Termin der Masernschutzimpfung zusammen, die erstmals im Alter zwischen 11 und 14 Monaten empfohlen wird. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Veränderungen im Nervensystem eines autistischen Kindes beginnen schon im Mutterleib – lange vor der ersten Impfung. Autistische Kinder entwickeln sich meist normal und unauffällig bis ins zweite Lebensjahr. Dann kommt es zu Entwicklungsverzögerungen oder Rückschritten.

Forcierte Spaltung: Oben und unten, Elite und Provinz

Eltern suchen für eine solche Diagnose einen Grund. Woran liegt es? Was haben wir getan? Dass es genetisches Schicksal sein könnte, reicht vielen nicht als Erklärung. Und dann erscheint es plötzlich ganz schlüssig, dass die bestürzende Veränderung auf eine Impfung folgte, die Tage, Wochen oder Monate vorher verabreicht wurde.

„Vaxxed 2“ lässt diesen Gedanken des zufälligen Zusammentreffens zweier Ereignisse überhaupt nicht zu. Der Film geht den Weg des modernen Populismus. Er konstruiert einen falschen Gegensatz zwischen Oben und Unten, zwischen einfachen Leuten und korrupten Wissenschaftlern, zwischen Provinz und Washington. Im Film kommt ständig „das amerikanische Volk“ zu Wort. „Die Menschen von Amerika erzählen es uns“, heißt es gleich zu Beginn.

Einer der angeblichen Experten im Film sagt: „Ob es nun Anekdoten sind oder nicht, es gibt viel zu viele Fälle von neurologischen Beschwerden, nachdem diese Impfung gegeben wurde.“ Das ist auf unfreiwillige Weise erhellend. Denn eben genau so funktioniert es nicht. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, zwischen Anekdote und Fakten zu unterscheiden. Der Mensch neigt leider dazu, die Anekdote über die nüchterne Datenlage zu stellen. Wissenschaftler müssen diesen Fehler ausgleichen.

Evidenzbasierte Medizin ist gefragt zu entschärfen

Es gibt einen Weg, zu überprüfen, ob Dinge, die gleichzeitig auftreten, miteinander zu tun haben. Das ist die evidenzbasierte Medizin. Gibt es unter Geimpften mehr Geschädigte als unter Ungeimpften? Treten nach einer Impfung bestimmte Krankheiten häufiger auf? Das prüfen Evidenzmediziner in aufwendigen Studien. Das Ergebnis ist: Es gibt unter Geimpften nicht mehr Autismus, Allergien oder plötzliche Kindstode.

Ein Problem ist, dass wissenschaftliche Evidenz das Leid des Einzelnen nicht lindert. Deshalb ist das Schicksal all der im Film gezeigten Familien so berührend. Sie sind Opfer. Von Krankheit, Behinderung und Tod. Und nun sie sind auch noch Opfer propagandistischer Filme- und Geschäftemacher geworden.

Unser Autor Sven Siebert ist Biologe und Journalist. Er hat zusammen mit dem Kinderarzt Thomas Schmitz, Oberarzt an der Charité Berlin, das Buch „Klartext: Impfen“ (Verlag Harper Collins, 2019) geschrieben.