Beschaulich: Blick von der Boselspitze ins Elbtal mit den Dörfern Sörnewitz, Brockwitz und der Kreisstadt Coswig.
Foto: imago/ Hanke

BröckwitzDas mehr als 1000 Jahre alte Dorf Brockwitz zwischen Coswig und Meißen hat schon viel erlebt. In den letzten beiden Jahrzehnten aber waren es vor allem die Hochwasser der ein paar Hundert Meter weiter südlich vorbeifließenden Elbe, die dem Dorf zusetzten. Es traf vor allem die elbwärts gelegene sogenannte Niederseite des Ortes, die gut zwei Meter tiefer liegt als der nördliche Teil der Gemeinde.

 Sowohl 2002 als auch 2013 waren dort Grundstücke überschwemmt worden, in den Häusern hatte die braune Brühe Keller und Erdgeschoss geflutet. Doch wenn alles gut geht, könnten in den nächsten Jahrhunderten alle Brockwitzer Bürger trockene Füße behalten, wenn die Elbe mal wieder über die Ufer tritt – weil die Niederseite einfach angehoben werden soll.

Häuser auf Pfählen

Vor einigen Tagen hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, in den kommenden Jahren insgesamt zehn Millionen Euro in ein Vorhaben namens HUeBro zu stecken. Hinter der Abkürzung verbirgt sich das Modellprojekt „Haushebung in Ueberschwemmungsgebieten am Beispiel des Elbe-Dorfes Brockwitz“. Wenn der Bundestag an diesem Donnerstag den Empfehlungen des Ausschusses folgen und den Bundeshaushalt beschließen wird, soll das Geld ab 2020 verteilt über sechs Jahre in das Projekt fließen. Und damit den Traum von Olaf Lier und seinem Sohn Martin wahr werden lassen.

Olaf Lier ist der Ordnungsamtsleiter der Stadt Coswig, zu der Brockwitz seit den 1950er-Jahren gehört. Gern erzählt er, wie er während des letzten Elbehochwassers 2013 mit seinem Sohn Martin auf der heimischen Terrasse saß und über die verschiedenen Möglichkeiten debattierten, Siedlungen wie Brockwitz vor Hochwasserfluten zu schützen.

Da habe er plötzlich einen Geistesblitz gehabt, sagt Olaf Lier: Wenn die „Niederseite“ von Brockwitz zu tief liegt – warum hebt man sie dann nicht einfach an? „Mein Sohn hatte damals gerade sein Stadtplanungsstudium in Nordrhein-Westfalen begonnen“, erzählt Lier. „Er fand die Idee genial, und gemeinsam machten wir uns daran, ein Modell zu basteln, an dem sich die Anhebung der südlichen Dorfseite einleuchtend darstellen lässt.“

Bedrohlich: Im Jahr 2013 stand Brockwitz unter Wasser.
Foto: dpa

Die Idee von Vater und Sohn klingt ebenso einfach wie kühn, und sie fand sehr schnell viele Anhänger. Wissenschaftler und Behörden aus ganz Deutschland befassten sich mit dem Projekt, die Bundesregierung schoss Forschungsgelder zu, sogar die EU ließ sich unterrichten. Allen war klar, dass die – wie Lier sie nennt – „verrückte Idee“, ein Dorf anzuheben, den Hochwasserschutz in Deutschland revolutionieren könnte. „Inzwischen haben wir alle auf unserer Seite – Wissenschaftler, Denkmalschützer, Naturschützer“, sagt Lier. „Und nun auch die Politik.“

Wenn das Projekt umgesetzt wird, müssen in den kommenden Jahren zwischen 50 und 60 Gebäude in Brockwitz – Wohnhäuser, Scheunen, denkmalgeschützte Fachwerkbauten – rund zwei Meter angehoben werden.

Rein bautechnisch betrachtet ist das eher simpel. Die Bewohner können währenddessen sogar im Gebäude wohnen bleiben. Nur der Keller muss beräumt werden, weil darin die Zylinder und Zugstangen durch Bohrungen in den Boden eingebracht werden, über die die Bodenplatte mitsamt dem darauf stehenden Haus hydraulisch hochgefahren wird. Das Haus ruht dann plötzlich auf 20 Pfählen und schwebt millimeterweise nach oben. Der entstehende Freiraum darunter wird sofort mit Beton verfüllt, so dass man am Ende praktisch eine mehr als zwei Meter dicke Bodenplatte hat.

Bröckwitz liegt unweit von Dresden an der Elbe.
Graphik: Berliner Zeitung/ Hecher

Nur drei bis vier Tage dauert es, dann steht das Haus zwei Meter höher. So etwas lässt sich sogar mit den Fachwerkhäusern in Brockwitz machen, die keine Bodenplatte haben – sie werden entweder über die Außenwände hochgehoben, oder man gießt eine neue tragfähige Bodenplatte darunter. Ist die fertig, wird das Gebäude über die neue Platte nach oben gezogen.

Aber mit dem Anheben der einzelnen Gebäude allein ist es nicht getan, weil diese dann wie Inseln aus der Niederseite herausragen würden. Für die Denkmalschutzbehörde wäre das eine inakzeptable Vorstellung, wie Nils M. Schinker sagt. Der Architekt arbeitet am Institut für Baugeschichte, Architekturtheorie und Denkmalpflege der TU Dresden. „Brockwitz ist ein über Jahrhunderte organisch gewachsener Ort, solche ,Hausinseln‘ würden das gesamte Dorfbild völlig verändern“, sagt er. Deshalb sei es unumgänglich, nicht nur einzelne Häuser, sondern auch das gesamte sie umgebende Gelände anzuheben – also Grundstücke, Mauern, Gehwege und Straßen samt aller darin befindlichen Rohr- und Kabelleitungen.

Ein Deich ist keine Lösung

Das klingt zunächst alles viel teurer und aufwendiger als ein Deichbau, ist es aber nicht. „Der Bau eines Deiches ist sehr zeit- und kostenaufwendig und löst längst nicht alle Probleme“, sagt Robert Schwarze vom Institut für Hydrologie und Meteorologie der TU Dresden. „In Brockwitz würde, selbst wenn der Deich den Fluten standhält, das Grundwasser trotzdem die Gärten und Hauskeller überschwemmen.“ Hinzu kommt, dass das kleine Dorf bei Meißen vermutlich noch Jahrzehnte auf einen Deich warten müsste.

Die Bewohner der Brockwitzer Niederseite sind von der Idee sehr angetan, auch wenn noch nicht feststeht, wie viel sie aus eigener Tasche beitragen müssen. Das wird Gegenstand künftiger Verhandlungen sein, sagt Olaf Lier. „Viel kann sicher durch Eigenleistungen abgefangen werden, etwa eine neue Pflasterung für den Hof oder die Bepflanzung der neuen Gärten.“ Einig seien sich jedenfalls alle darin, dass das alte Brockwitz in seinem Kerncharakter erhalten bleiben muss und eine auch schon ins Gespräch gebrachte Umsiedlung der Niederseite nicht in Frage kommt. „Denn wenn wir die Kulturlandschaft Elbe erhalten wollen, brauchen wir auch die Dörfer dazu“, sagt Lier.