Ein Tierpfleger lockt mit gutem Futter: das Nashornweibchen Najin kurz vor dem Eingriff zur Eizellentnahme.
Foto: Ami Vitale  

BerlinEs geschah über Weihnachten: Forschern des Projekts BioRescue, an dem auch das Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) maßgeblich beteiligt ist, haben es erneut geschafft, einen Embryo eines Nördlichen Breitmaulnashorns per künstlicher Befruchtung herzustellen. Damit liegen nun drei winzige Hoffnungsträger auf Eis, denn im August gab es schon einmal zwei solche Erfolge. Die Embryos sollen im Laufe des Jahres in eine Leihmutter übertragen werden, teilte das IZW mit. Denn das Nördliche Breitmaulnashorn braucht dringend Nachwuchs.

Das Nördliche Breitmaulnashorn wurde unter anderem durch Wilderrei ausgerottet. In freier Wildbahn kommt es nicht mehr vor. Weltweit existieren nur noch zwei Tiere der Art: die beiden Weibchen Najin und Fatu. Sie leben im Wildtierreservat Ol Petaja in Kenia und können alters- und krankheitsbedingt selbst keinen Nachwuchs mehr austragen. Sudan, der letzte Bulle dieser Spezies, die von manchen Experten lediglich als Unterart angesehen wird, war im März 2018 im Alter von 45 Jahren gestorben.

Kleiner Zellhaufen, große Hoffnung: Die Entwicklung des Embryos Nummer drei wurde akribisch überwacht.  
Foto:  Cesare Galli/Avantea

Forscher des IZW arbeiten nun zusammen mit Kollegen aus Tschechien, Italien und Kenia daran, den beiden Tieren Eizellen zu entnehmen und mit tiefgefrorenem Sperma bereits verstorbener Bullen zu befruchten. Dreimal waren ihre Bemühungen nun schon erfolgreich. Im August 2019 hatten die Forscher erstmals Eizellen entnommen und daraus zwei Embryonen erzeugt. Am 17. Dezember starteten sie den nächsten Versuch. Sie entnahmen neun unreife Eizellen – drei von Najin und sechs von Fatu mit einem selbst entwickelten medizinischen Spezialgerät. Bei einer der Eizellen, sie stammte von Fatu, verlief die Befruchtung erfolgreich. 

Ein Weibchen der eng verwandten Art Südliches Breitmaulnashorn soll die Embryos austragen. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits. Aus einer Gruppe Südlicher Breitmaulnashörner im Ol-Pejeta-Reservat werde derzeit ein passendes Weibchen als Leihmutter ausgewählt, teilte das IZW mit.

Um die bestmöglichen Ergebnisse für die Arbeit mit den Nördlichen Breitmaulnashorn-Embryos zu erzielen, stütz sich das BioRescue-Team auf seine bisherigen Erfahrungen im Embryotransfer bei Südlichen Breitmaulnashörnern in Europäischen Zoos. Diese werden  vorgenommen, um Reproduktionsprobleme von Südlichen Breitmaulnashörnern in europäischen Zoos zu beheben. Obwohl noch Forschungsbedarf besteht, rechnet das Team damit, dass ein erster Transfer eines Nördlichen Breitmaulnashorn-Embryos Ende 2020 erfolgen kann.

„Unser erneuter Erfolg bei der Erzeugung von Embryos aus Eizellen von Fatu zeigt, dass das BioRescue-Programm auf dem richtigen Weg ist“, sagt Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung für Reproduktionsmanagement am IZW. Nun werde das Team alles daransetzen, das gleiche Ergebnis auch für die ältere, 30-jährige Najin zu erreichen, bevor es für sie zu spät ist. „Wir wissen nicht, wie viele Embryos wir für eine erfolgreiche Geburt eines Nördlichen Breitmaulnashornkalbes benötigen. Deshalb ist jeder Embryo so wichtig“, ergänzt Jan Stejskal, vom Dvur-Králové-Zoo in Tschechien.

Doch auch wenn die künstliche Befruchtung und der Embryotransfer optimal laufen, wird das für die Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns wohl nicht ausreichen. Denn das eingefrorene Sperma stammt von nur vier Bullen und die beiden überlebenden Weibchen sind Mutter und Tochter. Eine ausreichend große genetische Vielfalt wird sich auf diesem Weg also nicht zurückgewinnen lassen.

Umprogrammierte Hautzellen

Deshalb verfolgen die Forscher im Rahmen des BioRescue-Projekts noch einen zweiten, futuristischeren Ansatz, um das Überleben der Unterart insgesamt zu ermöglichen. Ein Team um Sebastian Diecke vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin will Körperzellen so umprogrammieren, dass aus ihnen Eizellen und Spermien werden. Auf diese Weise stünde mehr Material für künstliche Befruchtungen zur verfügung. 

In den Kühltruhen des IZW und des Zoos von San Diego noch Hautproben von weiteren Nördlichen Breitmaulnashörnern. Den ersten Schritt haben Micha Drukker und seine Kollegen vom Helmholtz-Zentrum München schon geschafft. Aus Bindegewebszellen der Nashornkuh Nabire haben sie sogenannte pluripotente Stammzellen gewonnen, die sich zu sämtlichen anderen Zelltypen weiterentwickeln können.

Im Labor von Sebastian Diecke wurden die Zellen charakterisiert und in verschiedene andere Gewebearten – zum Beispiel Herzmuskelzellen – gereift. Am Ende soll eine sich selbst erhaltende, genetisch gesunde Population des Nördlichen Breitmaulnashorns stehen, die in der Wildnis überleben kann. Das ist ein ehrgeiziges Ziel.