Berlin/Berchtesgaden - Mit fast drei Metern Flügelspannweite gehört der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt – eine wahrlich beeindruckende Erscheinung. Als „Lämmergeier“ lange vom Menschen gefürchtet, wurde Gypaetus barbatus nachgesagt, Vieh, Wild und selbst kleine Kinder davonzutragen und zu töten. Die damit verbundene Verfolgung führte dazu, dass der Bartgeier zu Beginn des 20. Jahrhunderts im gesamten Alpenraum und somit auch in Deutschland ausgerottet wurde.

Angedichtet wurde dem Greifvogel gar Schauerliches. Der Theologe Friedrich von Tschudi etwa hielt Mitte des 19. Jahrhunderts fest: „Im Urnerlande lebte noch 1854 eine Frau, die als Kind von einem Lämmergeier entführt worden war. In Hundwyl (Appenzell) trug ein solcher verwegener Räuber ein Kind vor den Augen seiner Eltern und Nachbarn weg. Auf der Silberalp (Schwyz) stieß ein Geier auf einen auf einem Felsen sitzenden Hütebuben, begann ihn sogleich zu zerfleischen und stieß ihn, ehe die herbeieilenden Sennen ihn vertreiben konnten, in den Abgrund.“ Gruselig – vor allem für den Bartgeier, der tatsächlich ein harmloser, auf Aas spezialisierter Vogel ist. Er wurde einer rigorosen Bejagung ausgesetzt, Prämien für seine Tötung ausgelobt.

Heute ist der Greifvogel in Afrika ebenso zu finden wie in den Pyrenäen, einigen Bergregionen Südeuropas, in Gebirgen des südwestlichen und zentralen Asiens, der Mongolei und Zentralchinas. Im Alpenraum aber musste man ihn mühsam wieder ansiedeln – auch hierzulande gibt es entsprechende Versuche.

Und so kamen zu Beginn dieser Woche endlich zwei spanische Bartgeier aus Andalusien in Nürnberg an – zwei Hoffnungsträger für die Rückkehr der Tiere nach Deutschland. Die Jungvögel wurden in der Quarantänestation des Tiergartens Nürnberg zur späteren Wiedererkennung beringt, mit einem kleinen GPS-Satellitensender ausgestattet und einzelne Federn mit einem Bleichmittel markiert. 

„Während Bartgeier 112 deutlich größer, dafür aber leichter ist und die Prozedur eher entspannt über sich ergehen ließ, ist 113 sehr mobil und war von der Aktion eher weniger begeistert“ , schreiben die Biologen Toni Wegscheider und David Schuhwerk vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) in ihrem Auswilderungs-Blog.

dpa
Bartgeier in Berlin

Der Tierpark Berlin hält die faszinierenden Bartgeier bereits seit 1956, im Zoo Berlin leben die Greifvögel seit 1973. Beide Einrichtungen engagieren sich seit über 30 Jahren für die Wiederansiedlung der Bartgeier in den Alpen, den Cevennen und in Andalusien – mit Erfolg. Bis 2020 wurden aus Berlin mehr als 30 Bartgeier an ein Auswilderungsprojekt übergeben. Seit Beginn des Projekts sind bereits wieder rund 300 Jungvögel in freier Wildbahn geschlüpft.

Die Auswilderung ist ein historisches Ereignis und zählt zu den spektakulärsten deutschen Naturschutzprojekten des Jahres. Am heutigen Donnerstag tragen Projektmitarbeiter die etwa 100 Tage alten Geier in speziell angefertigten Holzkisten zu Fuß über den Halsalmweg in Richtung Freilassungsnische im Nationalpark Berchtesgaden. Die Vögel sollen, so die Hoffnung, nach ihrer Vagabundenzeit nach Bayern zurückkehren und dort mit ihren Partnern Nachwuchs großziehen.

Die Berchtesgadener Jägerschaft hat auf bleifreie Munition umgestellt

Das Konzept ist erprobt, seit 1986 wurden im Alpenraum rund 230 Bartgeier ausgewildert. Die Überlebensquote beträgt im ersten Jahr 88 Prozent, im zweiten gar 96 Prozent – für in der Wildnis geschlüpfte Vögel unerreichbare Werte. Doch später geht es rapide abwärts: „Wir nehmen an, dass im Alpenraum 30 Prozent aller Bartgeier elendig an Bleivergiftung sterben“, berichtet Wegscheider. Die Geier nehmen das Nervengift mit Aas auf, das mit bleihaltiger Munition geschossen wurde.

Bleibt zu hoffen, dass nun in Bayern alles gut geht. Die Berchtesgadener Jägerschaft hat jedenfalls schon mal auf bleifreie Munition umgestellt. Auch darüber hinaus brauchen die Tiere anfangs viel menschliche Unterstützung: Im Morgengrauen werden die Betreuer rund 1,5 Stunden aufsteigen und den noch schlafenden Tieren Futter in die Nische werfen. Nach drei bis vier Wochen starten die Junggeier mit Flugübungen.

Wer möchte, kann das Projekt hautnah miterleben. Der Nationalpark hat auf seiner Facebook-Seite ab 13 Uhr einen Livestream zur Auswilderung eingerichtet. Auf der Homepage des LBV kann man via Webcam live die ersten Wochen der jungen Bartgeier in ihrer Auswilderungsnische verfolgen. Es bleibt spannend!