Eckart von Hirschhausen
Foto: WDR/Ben Knabe  

BerlinMit dem Anspruch, medizinische Inhalte humorvoll zu vermitteln, wurde Eckart von Hirschhausen bekannt, veröffentlicht Bücher, ist im Radio zu hören, tritt auf der Bühne und im Fernsehen auf. Aber es gibt auch die ernsthafte Seite des studierten Mediziners und Wissenschaftsjournalisten. So trat er am Montag beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam auf, um über die Frage, warum Würde, Zuwendung und Humor anlog bleiben sollten, zu reden. Ein Gespräch über traditionelle Ärzte, Künstliche Intelligenz und den Humor der Menschen.

Herr von Hirschhausen, in Japan werden in der Pflege Roboter erfolgreich eingesetzt. Was macht Sie so sicher, dass Zuwendung analog bleiben wird?

Menschen sind soziale Wesen, wir alle brauchen Aufmerksamkeit und körperlichen Kontakt, um gesund zu werden. Das können Roboter nicht leisten.

Die Technik, gerade im Robotik-Bereich, bewegt sich aber immer mehr auf den Menschen zu, was Sprachsteuerung und Bilderkennung angeht.

Menschen im Gesundheitswesen bewegen sich aber gerade wieder weg vom Computer.

Pflegekräfte können aber alleine doch die Erwartungen nicht erfüllen, wenn sie weiterhin so schlecht behandelt werden.

Wo ich kann, weise ich deshalb auf die desaströse Lage in der Pflege hin, indem ich positive Beispiele zeige. In meiner dreiteiligen ARD-Doku über den Beginn, die Mitte und das Ende des Lebens wollten wir auch zeigen, wie viele engagierte Menschen Tag und Nacht für andere da sind. Und wie wir durch mehr Wertschätzung, faire Arbeitsbedingungen, eine bundesweite Pflegekammer und auch ein soziales Jahr für alle mehr Menschen in diesen Beruf bekommen können. Wenn wir aktuell in vielen Regionen der Welt  nach Pflegekräften suchen, übersehen wir vielleicht das im wahrsten Sinne Naheliegende: Enorm viele in Deutschland ausgebildete Muttersprachler arbeiten in der Schweiz. Wenn wir ähnlich gute Bedingungen schaffen würden wie dort, kämen die gerne zurück. Und die aus Norwegen auch. Die Heilserwartung an die Digitalisierung sind übrigens maßlos überzogen.

Wie kommen Sie darauf?

Ein echtes Aha-Erlebnis hatte ich, als ich eine befreundete Ärztin in Basel besuchte. Sie arbeitet im Management-Team mit an der Idee, die Prozesse im Krankenhaus auf ihre Sinnhaftigkeit für den Patienten neu auszurichten. Ich traute meinen Augen kaum, als da auf dem Flur Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten zusammenkamen und eben nicht auf einen Computerbildschirm starrten, sondern auf eine abwischbare Tafel. Für jeden Patienten und jedes Zimmer wurde eine Priorität für den Tag definiert, die wichtigsten Infos für die folgende Schicht ausgetauscht und nach wenigen Minuten gingen alle zufrieden auseinander.

Was war der Vorteil des Treffens?

Die Ärztin sagte mir, dass nicht alle wichtigen Informationen, die im Rechner notiert worden waren, auch bei allen ankamen. Das leuchtet ein: Damit Menschen etwas auf dem Schirm haben, reicht es nicht, es auf dem Schirm zu haben.

Was macht eigentlich einen guten Arzt in digitalen Zeiten aus?

Zwei Grundsätze der medizinischen Ethik lauten seit der Antike: Bemühe dich mehr zu nutzen als zu schaden. Und: Das Wohl des Kranken ist das höchste Gesetz. Beide werden jeden Tag mit Füßen getreten, wenn Untersuchungen und Eingriffe vorgenommen werden, die definitiv für den Patienten nicht sinnvoll sind, aber lukrativ für die Leistungserbringer.

Kann Digitalisierung da helfen?

Ja, wenn Patienten dadurch besser informiert und mehr in Entscheidungen auf Augenhöhe einbezogen sind. Ein vielversprechendes Projekt erforscht „Shared Decision Making“ – also gemeinsame Entscheidungsfindung. Dafür werden Pflege und Ärzte in Kommunikation geschult und für die Patienten passende Erklärvideos zur Verfügung gestellt. So kann der Patient sich schlau machen, dann läuft das Gespräch mit dem Arzt auf einer viel fundierteren und breiteren Basis.

Ginge es noch besser?

Mein Traum wäre, dass wir solche Kommunikationstrainings verpflichtend machen für alle Ärzte. Bei kleinen und langsam wachsenden Prostata-Krebsen sind Operation, Strahlentherapie und Abwarten gleich gut. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Urologe, der gerne operiert, ausführlich darüber spricht, dass man das bei gleicher Prognose auch sein lassen kann? Hier kann Digitalisierung einen echten Unterschied machen: Power to the Patient! Und Schwung kommt in die Sache, wenn die Fallpauschale erst bezahlt wird, wenn belegt werden kann, dass der Patient über andere Möglichkeiten ausreichend aufgeklärt wurde.

Und was ist mit Online-Sprechstunden?

Die können sehr sinnvoll sein. Wenn es um Verlaufskontrollen geht, braucht für einen Blick auf eine heilende Wunde keiner Fahrt- und Wartezeiten in Kauf nehmen. Online steckt man sich auch weniger an, es sei denn mit Computerviren.  

Künstliche Intelligenz ist ein großes Thema zurzeit. Die Bilderkennung schafft es schon jetzt, Tumorzellen besser zu erkennen als der Mensch. Macht Ihnen das Angst?

Das ist doch schön. In der Bilderkennung sehe ich den größten realen Nutzen für Maschinenlernen. Wenn man aber eine Nadel in einem Heuhaufen sucht, wird die Chance auf Erfolg nicht größer, wenn man den Heuhaufen vergrößert. Das heißt: Es ist ein Trugschluss, dass Datenmengen per se einen Vorteil bieten. Bevor ein Computer ein Problem lösen kann, muss der Mensch es erstmal durchdrungen und richtige Fragen gestellt haben.

Die Schlagworte zeigen, dass die Digitalisierung für Umbrüche sorgt. Was sehen Sie als die größte Aufgabe im Bereich der Medizin?

Gesundheit ist kein digitales oder analoges Produkt, sondern ein Menschenrecht. Und die Grundlage von Gesundheit sind keine Tabletten, Operationen und sonstige Eingriffe, sondern: sauberes Wasser, saubere Luft, etwas zu essen und erträgliche Außentemperaturen. Mit einem Satz: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Je mehr man von virtuellen Welten redet, desto mehr vergisst man, dass hinter dem Worldwideweb ein gewaltiges System aus Rechenzentren, Datenleitungen und Knotenpunkten steht, mit einem unstillbaren Hunger auf Energie. Solange der Strom dreckig in der Herstellung ist, ist es auch seine Nutzung.  

Zum Schluss: Sie haben auch gesagt, dass Humor analog bleibt. Wie lange noch?

Wir können uns nicht selbst kitzeln. Humor ist ein soziales Phänomen, die sozialen Medien nicht. Wenn Sie diesen Text bis hierhin gelesen haben, haben Sie eine Aufmerksamkeitsspanne, die über dem Durchschnitt liegt. Darf ich gratulieren? Und einen Lieblingswitz verschenken?   

Klar, und wie geht der?

Kommt ein Dalmatiner an die Supermarktkasse. Fragt ihn die Kassiererin: Sammeln Sie Punkte?

Ich sammle übrigens keine Punkte.

Auch gut. Falls Sie bisher geglaubt haben sollten, Humor wäre nicht nachhaltig: Wenn Sie das nächste Mal an einer Kasse stehen und jemand fragt „Sammeln Sie Punkte“, werden Sie an mich denken müssen. Und an den Dalmatiner.

Das Gespräch führte Jörg Hunke.