Berlin/Bleckhausen - Vielleicht ist an diesem Trend ja auch ein bisschen Judith Rakers schuld. Die TV-Moderatorin und „Tagesschau“-Sprecherin ist eine erklärte Natur-, Garten- und Tierliebhaberin. Auf ihrem Instagram-Account zeigt sich die 45-Jährige gern von ihrer landwirtschaftlichen Seite, herzt Pferde und Katzen, präsentiert die üppig grüne Spinaternte, schwingt gummibestiefelt den Spaten. Vor gut einem Jahr ist Rakers aufs Huhn gekommen. Zahllose Social-Media-Impressionen von frisch gelegten Eiern, Federvieh-Fütterungen und stolz geschwollenen Hahnenkämmen zeugen davon.

Die gebürtige Paderbornerin sagt über ihre Hühner: „Sie sind wie Haustiere für mich, haben sogar Namen.“  Als sie sich im März 2020 für die Anschaffung entschied, teilte Rakers das freudige Ereignis in höchster Euphorie mit ihren 177.000 Instagram-Followern: „Die Hühner sind eingezogen. Ich freue mich schon jetzt so sehr auf die ersten Eier. Ich werde das so feiern!!!!“

Den Tieren hat die Moderatorin, die in einem Haus mit Garten am Stadtrand von Hamburg lebt, auch einen prominenten Platz in ihrem kürzlich erschienen Buch „Homefarming“ eingeräumt. Darin schreibt Rakers über ihre junge Liebe zum Gärtnern und Gemüseanbau. Und natürlich über die Hühner. Mit ihrer Leidenschaft ist die Moderatorin nicht allein. Auch ihre Kollegin Barbara Schöneberger geht morgens nach dem Aufstehen im Nachthemd in den Hühnerstall, wie kürzlich in einer TV-Doku zu sehen war.

Hühnerhalten liegt bundesweit seit längerem im Trend. Frische Eier von den eigenen Hühnern: Den Wunsch verwirklichen sich auch Menschen in Städten immer häufiger und legen sich privat Hühner zu. Wer will, kann die Haltung auch erst einmal testen und Hühner mieten.

Das geht auch in Berlin: Auf der Internetseite huhn-to-go.com kann man für Garten, Schule oder Altersheim Hühner mieten oder Küken aufziehen. „In Berlin und Umgebung ist die Nachfrage sehr groß. Seit ich im letzten Jahr angefangen habe, auch hierhin zu fahren, sind die Kalender voll. Alle unsere Wagen sind bis zum Oktober voll und wir arbeiten an neuen Gruppen für frühere Termine“, sagt Unternehmensgründer Elias Spalik, der mit seiner Vermietung in Sachsen-Anhalt ansässig ist. Die „Hauptstadthühner“ seien sehr legefreudig und pflegeleicht. Das kleinste Nutzvogelpaket – vier Hühner für zwei Wochen inklusive Stall, Futter und Umzäunung sowie Endreinigung – kostet 140 Euro. 

Neben Familien entdeckten auch immer mehr Einrichtungen die Hühnerhaltung für sich. „So haben wir viele Altenheime, Behinderteneinrichtungen sowie ein Hospiz als Kunden“, berichtet Spalik. Viele Mieter seien auf der Suche nach einem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Eierskandale und Zustände in Legebetrieben hätten für ein Umdenken gesorgt. „Das eigene Ei von den eigenen Hühnern ist ein toller Schritt gegen diesen Zustand. Mich freut dabei speziell, dass die Leute durch uns die Haltung erst mal testen.“

Huhn to Go
Stall, Zaun, Hühner, Futter: Bei der Vermietung gibt’s ein Komplettpaket zur Probe. So kann man testen, ob die Tiere in den Alltag passen.

Leider ist die Haltung in Berlin momentan erschwert: Hausgeflügel muss wegen der Geflügelpest derzeit weggesperrt werden. Bis Mitte Mai ist es in geschlossenen Ställen oder unter einer Vorrichtung zu halten, teilt die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz mit. In Berlin sind derzeit fast 1400 Geflügelhaltungen registriert. Die meisten Bestände sind private Kleinhaltungen.

Frische Eier und weniger Stress

Dabei geht es nicht nur um frische, unbelastete Frühstückseier ohne Legebatteriehintergrund. Hühner seien auch gut gegen Stress, sagt Jutta Schneider. Die 57-Jährige lebt in dem kleinen Ort Bleckhausen in der Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz. In Bleckhausen hat man nicht einfach eine Henne für sich, die Dorfhühner dort sind für alle Bewohner da – ein besonderes Projekt mit Ausnahmecharakter. 

17 Hennen und zwei Hähne laufen im Hühnerstall munter umher, es wird eifrig gegackert, gekräht und in Körnern, Salat oder Karottenstückchen gepickt. Um den Zaun herum ist immer Bewegung. Es kommen Leute jeden Alters aus dem Dorf zum „Hühnerdienst“, zum Beobachten – oder einfach zum Quatschen. Eine Idee von Jochen Dostal und seiner Frau, die vor ein paar Jahren aus Essen nach Bleckhausen gezogen waren und sich privat Hühner anschafften. Aus Spaß habe man dann mal im Dorf vorgeschlagen, sich gemeinsam mehr Hühner zuzulegen. Die Begeisterung sei groß gewesen. In Eigenregie haben die Hühnerfans dann 2020 am alten Sportplatz ein Hühnerhaus mit Gehege gebaut, im Herbst zogen die ersten Tiere ein.

dpa/Harald Tittel
Im rheinland-pfälzischen Bleckhausen füttert die kleine Antonia die Dorfhühner.

Die rund 400 Quadratmeter Fläche hat das Dorf zur Verfügung gestellt. Die Hühner seien ein absoluter Gewinn für die rund 300 Einwohner, sagt Ortsbürgermeister Markus Göbel, 40. Das Engagement für und der Austausch über die Hühner stärke das Gemeinschaftsgefühl. „Es gibt viele aus dem Dorf, die einen Spaziergang zu den Hühnern machen und sich dort auf die Bank setzen.“ Auch im Ort seien die Hühner Thema. „Man fragt sich: Wie geht es den Hühnern? Warst du heute schon da?“

Er könne sich gut vorstellen, dass ein solches Dorfhühner-Projekt auch anderswo gut ankomme. Auch wegen der artgerechten Haltung der Tiere und des guten Geschmacks der Eier. Er habe bereits Anfragen von Interessierten aus anderen Teilen Deutschlands bekommen, zum Beispiel aus Thüringen und Hessen. „Ich war überrascht über den Zulauf an Anfragen“, sagt Göbel.

Bei den Bleckhausener Hühnern hat jeden Tag jemand anderes aus der Gruppe Dienst: Dann muss man misten, die Tiere füttern – und darf sich die Eier, die die Hennen an dem Tag gelegt haben, für 25 Cent pro Stück mitnehmen. Das sind zwölf bis 16 Eier pro Tag, sagt Jutta Schneider, die gerade im Dienst ist. Sie erinnert sich noch gut daran, dass es früher, als sie Kind war, im Dorf überall Hühner gegeben habe. Nach und nach seien sie aus dem Dorfbild verschwunden. „Das hat mir immer sehr leid getan.“ Sie habe sich gerne welche anschaffen wollen, aber sie sei viel unterwegs und daher sei es schwierig gewesen, sagt die Kita-Erzieherin. Das Projekt sei daher für sie perfekt. Sie komme oft nach der Arbeit vorbei und setze sich auf die Hühner-Guck-Bank. „Und dann schaue ich den Hühnern einfach nur zu. Das beruhigt. Herrlich.“ 

Corona hat den Sog zu den Hühnern noch verstärkt

Simone Borsch will vor allem wegen ihrer sechs und neun Jahre alten Kinder in den Hühnerdienst einsteigen. „Einfacher kann man kein Haustier haben. Den Kindern tut es in der heutigen Zeit gut, sich mit Tieren zu beschäftigen, mal geduldig zu sein“, sagt sie. Corona habe den Sog zu dem Platz mit den Hühnern noch verstärkt, meint Ortsbürgermeister Göbel. Man könne dort auch coronakonform gut Abstand halten.

Die Hühnerfans haben viel Energie in die Anlage gesteckt. Es gibt einen quer aufgehängten Ast als Hühnerschaukel, ein Weiden-Tipi, ein Klettergerüst und ein Sandbad gegen Milben. Über Solarpanels und Lichtsensor wird die Hühnerklappe am Haus gesteuert. Und bald kommt noch mehr Federvieh: Langfristig will man in Bleckhausen auf 30 Hühner aufstocken. (mit dpa)