Berlin/Duisburg - Vor zehn Jahren starb im Berliner Zoo ein kleiner Pelztier-Star namens Knut. Seine Geschichte hat viele Menschen bewegt, weltweit schlossen Tierliebhaber den kleinen Eisbären und dessen Pfleger ins Herz. Das lag auch an der besonderen Aufzucht: Nachdem Knuts Mutter ihren Nachwuchs nicht angenommen hatte, wurde das Jungtier rund um die Uhr vom 2008 verstorbenen Thomas Dörflein umsorgt, der eigens ein Zimmer im Zoo bezog, um Knut alle vier bis sechs Stunden mit Nahrung versorgen zu können.

Dank der Anwesenheit von Kamerateams konnte man das Heranwachsen des Tieres, die Beziehung, die zwischen ihm und einem Menschen entstand, so nah verfolgen wie noch nie zuvor. Es ist eine Berliner Ausnahmegeschichte, die sich in dieser Form wohl nicht wiederholen wird. Aber ein Blick nach Duisburg, genauer gesagt ins Koala-Gehege des dortigen Zoos, weckt doch zumindest ein paar Erinnerungen, was die Handaufzucht und die Hinwendung von Tieren zum Menschen angeht.

In Duisburg nämlich macht Revierleiter Mario Chindemi schon seit Wochen die Nächte durch, weil er sich im heimischen Wohnzimmer um das Koala-Baby Eerin kümmert. Deren Mutter Eora hatte Probleme, ihr Jungtier zu versorgen. Haare hatten sich um ihre Zitze im Beutel gewickelt und so die Milchzufuhr blockiert. Daher nahm ihre Tochter nicht so an Gewicht zu, wie es nötig gewesen wäre. Die in Zoos äußerst selten gehaltenen Koalas sind bei der Geburt nur so groß wie ein Gummibärchen und wiegen nach den ersten Lebensmonaten nur wenige Hundert Gramm. Sie müssen jeden Tag deutlich zulegen.

Foto: dpa/Roland Weihrauch
Ein Herz und eine Seele: Koala-Baby Eerin wird von Tierpfleger Mario Chindemi zur Mutter zurückgebracht.

Chindemi nahm den kleinen Koala kurzerhand mit nach Hause und legte Betreuungs-Nachtschichten ein. Er fütterte Eerin spritzenweise Spezialmilch, die dankbar aufgesaugt wurde. Inzwischen zeigt die Waage 1228 Gramm an – ein gutes Gewicht für das zierliche, rund neun Monate alte Koala-Weibchen. Eerin ist über den Berg – auch dank Chindemi. „Wir mussten Starthilfe geben, sonst hätte sie es nicht geschafft“, sagt der 56-Jährige.

Tagsüber lebt Eerin bei ihrer Mutter im Koala-Haus, wird von ihr umhergetragen und liebevoll umsorgt. Immer wieder kommen Pfleger vorbei und füttern Milch zu. Zum Abend schlüpft dann Chindemi in die Rolle der Koala-Mutter, bietet immer wieder die Milch sowie Eukalyptus an und trägt die Kleine im selbst genähten Beutel umher.

Seit 1994 wurden im Duisburger Zoo mehr als 30 Jungtiere der grauen Beutelsäuger erfolgreich aufgezogen. „Jede Geburt und jede Aufzucht ist etwas Besonderes, man kann sich noch immer an jedes einzelne Tier erinnern“, so Revierleiter Chindemi. Die Zucht der sensiblen Koalas ist sehr aufwendig, da die Tiere ausschließlich Eukalyptus-Blätter fressen – und zwar jeden Tag frische und unterschiedliche Sorten. Die Blätter müssen im Winter und Frühjahr aus Miami eingeflogen werden.

Eerin wird schon sehr bald dauerhaft in der Koala-Gruppe des Zoos leben. Sein Pfleger wird den Schützling sicher besonders im Blick behalten: „Wir beide sind schon ein Kopf und ein Arsch geworden“, bilanziert er.