Berlins größtes Krankenhaus, die Charité in Mitte. 
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BerlinLiebe Charité,

Du bist das größte Krankenhaus der Stadt. Gerade erst wurdest Du zu einem der besten Krankenhäuser der Welt gewählt. Gratulation.

Ich muss mir immer wieder vergegenwärtigen, wie groß Du eigentlich bist. Du beschäftigst über 18 000 Menschen. Auf Deiner Webseite führst Du auf, dass im Jahr 5644 Kinder in Deinen Häusern geboren wurden. Durch Deine Ärzte haben 152 693 Menschen eine stationäre Behandlungen und 692 920 ihre ambulante Betreuung bekommen.

Mann, was für ein Koloss Du bist. Und so wichtig für diese Stadt, für das ganze Land. Wenn ich eine schlimme Erkrankung hätte, Du wärst meine erste Adresse. In einem Moment würde ich allerdings ungern in deinen Hallen verweilen. Nämlich dann, wenn es ans Sterben geht. Vielleicht nicht mal explizit das Sterben, sondern eher sogar das Totsein. Vielleicht hast Du es nicht mehr auf dem Schirm, aber Du hast Dein sogenanntes Verstorbenenmanagement ausgelagert. Das heißt, die Abholung der Verstorbenen von den Stationen und die Herausgabe an Bestatter machst Du nicht mehr selber.

Ich verstehe das sogar. Der Kostendruck wird immer höher, Fallpauschalen, Krankenkassen, die sich ab dem Zeitpunkt des Versterbens eines Menschen nicht mehr verantwortlich fühlen. Das ist anstrengend. Sachen mit denen man kein Geld verdient, möchte man wegsortieren. Aber es hat sich in den letzten Jahren etwas Wichtiges geändert: Angehörige interessieren sich immer mehr dafür, was mit ihren Verstorbenen geschieht. Menschen wollen ihre Verstorbenen noch mal sehen oder bei wichtigen Schritten dabei sein, dem Einkleiden, auch dem Verbrennen im Krematorium. Du bist ein Krankenhaus und kein Hospiz.

Aber vielleicht kannst Du bei den Hospizen ein bisschen spicken. Da ist es selbstverständlich, dass Menschen noch in ihren Zimmern bleiben, bis alle Verwandten da waren. Klar das geht nicht, wenn jemand in einem dringend benötigten Intensivbett liegt. Aber schau zum Beispiel zum Krankenhaus Havelhöhe. Dort hat man extra Räume geschaffen, in denen Verstorbene noch lange bleiben dürfen, und man kann zu ihnen, wann immer man will. Ganz wichtig ist: Verstorbene gehören in einen würdigen Zustand. Immer wieder kommt es vor, dass Verstorbene noch Zugänge haben oder Ähnliches.

Wenn Menschen ihre Verstorbenen begleiten und sehen wollen, macht das nicht besten Eindruck von Dir, und um den geht es mir: den besten Eindruck vom besten Krankenhaus der Stadt. Vielleicht denkst Du ja einfach grundsätzlich noch mal um. Selbst, wenn Du oder Dein Dienstleister das hinbekommen würden mit der Würde, dann kannst Du Dir immer noch nicht vorstellen, wie erschrocken Angehörige sind, wenn ihnen Deine Mitarbeiter auf den Stationen sagen, dass der oder die Verstorbene jetzt beim Bestatter Grieneisen sind, Deinem Dienstleister. Sind sie natürlich nicht, sie sind bei Dir in der Pathologie, aber so wird es eben in der Schnelle gerne erzählt.

Gerade Menschen, die ihre Verstorbenen lange und bewusst begleitet haben, ist es ein Graus, ihre Omas, Opas, Vater, Mütter, Frauen, Männer und Kinder in den Händen eines Versicherungskonzerns zu wissen. Grieneisen ist die Tochter eines Versicherungshauses. Wusstest Du doch, oder? Damit das Geld, was erst in Sterbegeldversicherungen eingenommen wurde, danach auch im Hause im bleibt, hat man den Bestattungsladen gleich noch drangehängt. Nicht das sympathischste Konstrukt. Aber so ist die Welt.

Aber ich will nicht nur meckern. Wäre es nicht eine Idee, ein paar Deiner vielen Medizinstudenten in der Pathologie anzustellen, als Studentenjobs. Die kosten nicht so viel, und sie lernen dabei noch was. Die jungen Mediziner sehen noch mal mit aller Deutlichkeit, was auch großer Bestandteil ihres Berufes ist: den Tod. Und Dein Ruf wird noch mal besser, weil nun endlich fantastisch mit Verstorbenen umgegangen wird. Und drei, vier Zimmer, in denen man Verstorbene noch länger aufbahren könnte, findest du doch bestimmt auch noch.

Bis bald auf einen Kaffee,

Dein Eric