PotsdamEs läuft fast überall auf der Welt nach diesem Schema ab: Sobald es einem Land wirtschaftlich einigermaßen gut geht, ändern sich die Ernährungsgewohnheiten. Mehr Fleisch, mehr Milch, mehr Fertigprodukte – und überhaupt von allem reichlich. Auf diese Weise wächst mit dem Wohlstand auch der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen. Das Problem ist im Prinzip bekannt.

Eine aktuelle Studie untermauert nun diesen Zusammenhang – und zeigt eindrücklich, wohin eine solche Entwicklung auf Dauer und global betrachtet führt. Forscher um Benjamin Bodirsky vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) haben zusammengetragen, wie sich die Ernährungsgewohnheiten in den einzelnen Ländern in den vergangenen Jahren entwickelt haben, und geprüft, ob sie im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den Übergewichtsraten stehen. Für ihre jetzt im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichte Analyse nutzten die Wissenschaftler Daten der Welternährungsorganisation und einer großen medizinischen Datenbank, in der Risikofaktoren wie Adipositas und Bluthochdruck dokumentiert werden, die zu sogenannten nicht-übertragbaren Krankheiten wie Schlaganfall und Diabetes beitragen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: PIk

„Das Muster, das wir dabei gefunden haben, war sehr stark: In fast allen Ländern haben sich die Menschen gleich verhalten: Sobald die wirtschaftliche Entwicklung ansetzte, veränderten sich die Essgewohnheiten und in der Folge stieg der Anteil der Übergewichtigen“, berichtet Bodirsky. Auf dem Teller bedeutet dies konkret: In ärmeren Ländern dominieren zum Beispiel Reis und Linsen, mit wachsendem Einkommen kommen Obst und Gemüse hinzu. Und wenn es weiter bergauf geht mit der Wirtschaft, kommen immer häufiger auch Milch, Fleisch, Eier sowie hochverarbeitete Lebensmittel auf den Tisch. Deutschland erwies sich dabei gemessen an seinem ökonomischen Entwicklungsstand als überdurchschnittlich fleischlastig – Schweinshaxe und Currywurst sind also nicht nur ein Klischee.

Unterernährung bleibt ein Problem

Mit dem gesammelten Wissen haben die Potsdamer Forscher versucht, in die Zukunft zu blicken. Sie haben berechnet, welche Folgen es hat, wenn sich der ökonomische Aufwärtstrend in vielen Ländern fortsetzt. Ihre Analyse, an der sie einige Jahre gearbeitet haben, zeichnet ein bedenkliches Szenario: „Im Jahr 2050 könnten 45 Prozent der Weltbevölkerung übergewichtig sein, davon 16 Prozent sogar so stark, dass sie als fettleibig gelten“, berichtet der Ökonom Bodirsky, der sich am PIK in der Forschungsgruppe Landnutzung und Resilienz mit dem globalen Ernährungssystem befasst.

Trotz der zunehmenden Schlemmerei bleibt jedoch das Problem am anderen Ende der Skala, der Hunger: Im Jahr 2050 gebe es weiterhin etwa 500 Millionen Menschen auf der Welt, die unterernährt sind, schreiben die Forscher. Und auch die Lebensmittelverschwendung verschärfe sich: Derzeit landen global etwa 25 Prozent der erzeugten Nahrungsmittel im Abfall statt im Magen, in dreißig Jahren könnte der Anteil auf 33 Prozent ansteigen.

Klar ist: Derartige Ernährungsgewohnheiten schaden auch dem Planeten. Die Berechnungen der PIK-Forscher zeigen, dass die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln zwischen 2010 und 2050 um etwa 50 Prozent steigen könnte und dass sich die Nachfrage nach tierischen Produkten wie Fleisch und Milch ungefähr verdoppelt. „Diese Entwicklungen führen dazu, dass wir die Umweltfolgen unseres Agrarsystems nicht mehr beherrschen können“, sagt Bodirsky. „Ob Treibhausgase, Stickstoffverschmutzung oder Entwaldung: Wir gehen an die Belastungsgrenzen unseres Planeten – und darüber hinaus“, warnt er.

Noch dazu erfordert die wachsende Lust auf Fleisch, Milch und Co. immer mehr Land. Denn pro Hektar Agrarfläche lassen sich viel mehr pflanzliche Nahrungsmittel produzieren als tierische. „Wenn immer mehr Menschen immer mehr Fleisch essen, gibt es weniger pflanzliche Nahrung für die anderen – und wir brauchen mehr Land für die Nahrungsmittelproduktion, was dazu führen kann, dass Wälder abgeholzt werden. Die vermehrte Tierhaltung erhöht in der Folge den Ausstoß von Treibhausgasen“, erläutert Co-Autor Alexander Popp, Leiter der Forschungsgruppe Landnutzungsmanagement am PIK.

Auch ökonomische Anreize sind erforderlich. Gesunde Ernährung muss günstiger sein als ungesunde.

Benjamin Bodirsky, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten gehen auch auf Kosten der Gesundheit. Durch die Verlagerung der Ernährung von pflanzlicher, wenig verarbeiteter Kost hin zu unausgewogenen, hochverarbeiteten Speisen, durch einen wachsenden Konsum von tierischem Eiweiß, Zucker und Fett anstelle von Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten steigt das Risiko für eine ganze Reihe chronischer Krankheiten – beispielsweis Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

„Ungesunde Ernährung ist das weltweit größte Gesundheitsrisiko“, sagt Co-Autorin Sabine Gabrysch, Leiterin der Forschungsabteilung Klimaresilienz am PIK. „Wir brauchen dringend politische Maßnahmen, um eine Ernährungsumgebung zu schaffen, die gesundes Essverhalten fördert“, fordert sie. Als Beispiele nennt sie verbindliche Vorschriften, die die Werbung für ungesunde Snacks regulieren sowie nachhaltige und gesunde Mahlzeiten in Schulen, Krankenhäusern und Kantinen sicherstellen. Eine stärkere Konzentration auf Ernährungsbildung sei ebenfalls wichtig – von der Früherziehung im Kindergarten bis zur Beratung durch Ärzte und Krankenschwestern. Gabrysch: „Was wir essen, ist von entscheidender Bedeutung – sowohl für unsere eigene Gesundheit als auch für die unseres Planeten.“

Auch Benjamin Bodirsky sieht Möglichkeiten, die ungesunde Entwicklung einzudämmen. „Jeder sollte sich bewusst machen, welche Folgen ungesunde Ernährung für die Gesundheit und auch für die Umwelt hat“, sagt er. Darüber hinaus seien ökonomische Anreize erforderlich. „Gesunde Ernährung muss günstiger sein als ungesunde“, sagt der Ökonom. Für viele Verbraucher und Verbraucherinnen sei inzwischen Bequemlichkeit beim Essen wichtiger als der Preis. „Deswegen sind ungesunde Snacks, Fertigmahlzeiten und Lieferdienste so erfolgreich.“ Das räche sich jedoch langfristig, auch für die Gesundheit. „Wir müssen daher eine Kultur der Wertschätzung fürs Essen entwickeln, mit Spaß am gemeinschaftlichen Kochen und mit Tischgesprächen über den Geschmack – und auch über die Nachhaltigkeit“, sagt der Wissenschaftler.

Dass es sich rundum lohnt, die fatale Entwicklung zu stoppen, hat die sogenannte EAT-Lancet-Kommission gezeigt, zu der PIK-Direktor Johan Rockström und der Ernährungswissenschaftler Walter Willett von der Harvard Medical School im amerikanischen Boston gehören. Die Berliner Zeitung hatte im Juli über die Erkenntnisse berichtet. Der Report „Food in the Anthropocene“ zeigt, dass es tatsächlich möglich ist, zehn Milliarden Menschen nachhaltig und gesund zu ernähren. Allerdings erfordert diese planetenfreundliche Diät Umstellung auf allen Ebenen: Die Verbraucher müssen anders essen, die Landwirte müssen anders produzieren – und die Politik muss den Wandel dirigieren.