Große Hoffnung liegt zurzeit auf der schnellen Entwicklung eines Impfstoffs gegen Corona.
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BraunschweigWeltweit findet zurzeit ein regelrechtes Rennen um einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 statt, mit weit über hundert Impfstoffprojekten. Noch vor einiger Zeit hätte es von der Virusanalyse bis zur Zulassung des Impfstoffs viele Jahre gedauert. Heute geht es wesentlich schneller. Außerdem werden viele verschiedene Ansätze verfolgt. Der Forscher Carlos A. Guzmán vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sieht darin auch Probleme.

Herr Professor Guzmán, ein Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus muss her. Und es gibt viele Ideen dafür: Die einen wollen den Schutz mithilfe der Erbsubstanzen RNA oder DNA aufbauen, andere nutzen  virusartige Partikel oder sogenannte Vektorviren. Ist es sinnvoll, so viele verschiedene Impfstofftypen voranzutreiben?

Forscher arbeiten weltweit an neuen Ansätzen, weil damit - besonders am Anfang - die Impfstoffentwicklung beschleunigt werden kann. Für einen DNA- oder RNA-Impfstoff etwa muss man noch nicht einmal das Virus im Labor halten. Es reicht, die Buchstabenfolge der Erbsubstanz zu kennen. Deshalb gehören die Erbsubstanz-Vakzinen zu den ersten, bei denen die klinischen Tests starten konnten. Das bedeutet aber noch längst nicht, dass sie jemals zugelassen werden.

Sind Impfstoffe aus Erbsubstanz bedenklich?

Bei diesen Impfstoffen wird ein Teil der Erbsubstanz, die dem des Virus entspricht, in den Körper injiziert. Daraus stellen unsere Zellen die Virusproteine selbst her, die uns gegen Covid-19 schützen können. Das Risiko einer Impfung mit RNA wird gering eingeschätzt, denn sie gelangt nicht in den Zellkern und wird relativ schnell abgebaut. Anders bei DNA-Impfstoffen. Bei denen könnte man befürchten, dass sie sich eventuell ins Genom integrieren.


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Zur Person

Der Argentinier Carlos Guzmán ist international ausgewiesener Experte der Impfstoff-Entwicklung. Als Professor am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI) ist er einer der wenigen auf seinem Gebiet, die außerhalb der Industrie wirklich am Thema Impfstoffentwicklung forschen. Einst studierte er Medizin an der Nationalen Universität von Rosario in Argentinien und spezialisierte sich auf Medizinische Bakteriologie. Er forschte am Institut für Mikrobiologie und zog 1994 nach Deutschland, wo er Leiter der Impfstoff-Forschungsgruppe am HZI wurde. Guzmán entwickelte Impfstoff-Kandidaten gegen verschiedene Infektionskrankheiten mit und hält als Erfinder zahlreiche internationale Patente.

So gesehen klingt der RNA-Impfstoff recht sicher.

Bei der WHO sind 133 Impfstoffentwicklungen registriert - zehn werden bereits am Menschen getestet. Eine besteht aus DNA, zwei aus RNA, eine aus Protein, vier aus abgetöteten Sars-CoV-2-Viren und zwei aus Vektoren, also harmlosen Viren, in die das Erbgut von Sars-Cov-2 eingebaut wurde. Fünf von diesen Verfahren sind als präventiver Impfstoff gegen Infektionen beim Menschen neu. Es sind bahnbrechende Technologien mit einem enormen Potenzial. Aber in der klinischen Entwicklung ist es immer risikoreicher, eine Technologie anzuwenden, mit der wir keine Erfahrung haben. Und wir müssen immer im Blick behalten, dass wir manche sehr seltene Nebenwirkungen erst werden beobachten können, wenn die Vakzine zugelassen ist und wir eine große Zahl von Menschen impfen.

Haben die fünf anderen Impfstoff-Kandidaten bessere Chancen?

Das sind konventionelle Vakzine, bestehend aus Virusbestandteilen oder aus Viren, die inaktiviert und dann Probanden gespritzt werden. Bei der Inaktivierung muss man die Viren kultivieren, unschädlich machen und reinigen können. Das ist ein Standardverfahren. Da diese Impfstoffe schon getestet werden, sieht man, dass diese Herstellungsschritte sowie die Qualitätssicherung etabliert und anscheinend kein Problem sind. Außerdem kann man besser einschätzen, welche möglichen Probleme bei ihrer Implementierung für größere Impfkampagnen auftauchen könnten.

Für diese Art von Impfstoffen gibt es weltweit Fabriken. Warum beschränkt man sich nicht auf diese einfachsten Verfahren?

Covid-19 ist eine neue Erkrankung, verursacht durch ein völlig neues Virus, das sich weltweit verbreitet hat. Es stellt damit eine enorme Gefahr für die Weltbevölkerung dar. Wir brauchen Interventionen, die uns erlauben, die Pandemie schnellstmöglich unter Kontrolle zu bekommen. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, welche Impfstrategie schließlich von Erfolg gekrönt sein wird. Außerdem könnten einige Impfstoffarten nicht geeignet für bestimmte Individuen sein, zum Beispiel Lebendimpfstoffe mit abgeschwächten Viren oder Vektoren. Daher ist es sinnvoll, verschiedene Strategien parallel zu verfolgen.

Ab wann können wir realistisch mit einem Impfstoff rechnen?

Die normale Entwicklungszeit für einen Impfstoff beträgt ungefähr zehn Jahre. Wenn man den bürokratischen Teil strafft, kann man das auf acht oder neun Jahre verkürzen. Der absolute Rekord für die Entwicklung eines Impfstoffs war vier Jahre. Jetzt ist geplant, dass wir in der zweiten Jahreshälfte 2021 den Impfstoff haben. Die Zeitreduktion wäre also mehr als 80 Prozent. Das ist ohne Beispiel und nur durch die außergewöhnliche internationale Zusammenarbeit sowie die Mobilisierung enormer Ressourcen möglich.

Viele Menschen beschweren sich trotzdem, dass es so lange dauert.

Der Druck der Öffentlichkeit, die Zeit bis zur Zulassung zu verkürzen, ist enorm. Ich habe Angst, dass so viel Druck ausgeübt wird, dass unreife Vakzine auf den Markt kommen. Denn eine Impfung verabreicht man einem Gesunden. Vor der Zulassung muss daher sichergestellt sein, dass der Nutzen für den Geimpften überwiegt.

Können die Zulassungsbehörden das sicherstellen?

Sie helfen weltweit, indem sie frühzeitig Beratung für die Firmen anbieten und erlauben, dass klinische Phasen schnell und effizient beschritten werden. Besonders seltene Nebenwirkungen könnten aber im Rahmen der klinischen Entwicklung möglicherweise nicht erkannt werden, da sie erst zu einem späteren Zeitpunkt auftreten – so war es zum Beispiel mit der Narkolepsie, die nach der Impfung gegen die sogenannte Schweinegrippe auftrat. Ich vertraue den Zulassungsstellen. Sie achten nicht auf Zeitpläne, sondern wollen Studien sehen, die Sicherheit und Effektivität belegen. Es ist im Übrigen nicht nur für die Entwicklung des Impfstoffs selbst wichtig, dass nicht gehetzt wird - uns fehlen auch noch Informationen über die Krankheit Covid-19.

Warum sind die fürs Impfen wichtig?

Grundsätzlich gibt es zwei Gründe zu impfen: Zum einen geht es darum, Individuen zu schützen. Zum anderen geht es darum, die Ausbreitung einer Infektion zu verhindern. Bei Masern etwa versucht man nicht nur Individuen zu schützen, sondern auch die Ausbreitung zu verhindern. Bei Influenza schützt man insbesondere die Risikogruppen. Im Falle einer Pandemie besteht die Möglichkeit, dass nicht genügend Impfstoff oder aber auch Ressourcen zur Verfügung stehen, um die gesamte Bevölkerung zu impfen. Daher ist es notwendig zu wissen, welche Bevölkerungsgruppen am stärksten gefährdet sind oder eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung spielen und daher zuerst geimpft werden sollten. Um zu entscheiden, wen wir impfen sollten, müssen wir also wissen, wie hoch die Dunkelziffer der Infizierten und wie hoch der Anteil der schweren und tödlichen Verläufe ist. Spätestens nächstes Jahr wird das bekannt sein. Dann wissen wir, wie gefährlich Covid-19 für welche Bevölkerungsgruppe ist und ob es einen langanhaltenden Schutz nach einer natürlichen Infektion gibt.

Also doch kein Impfstoff für alle?

Eine Massen-Impfkampagne ist sinnvoll, wenn es eine hohe Sterberate oder eine hohe ökonomische Belastung gibt. Falls hingegen klare Risikogruppen existieren, dann muss man vor allem diese impfen - so wie wir das in jedem Jahr gegen die Grippe machen. Und Covid-19 erscheint mir im Moment eine Krankheit zu sein, vor der wir gerade diejenigen Menschen schützen sollten, die das Risiko haben, schwer zu erkranken, aber zum Beispiel auch das medizinische und Pflegepersonal.

Da gibt es ein Problem: Ältere Menschen sind besonders betroffen, aber bei ihnen wirken Impfungen schlechter, weil ihr Immunsystem nicht mehr so aktiv ist.

Gibt man über 65-Jährigen die Standardimpfung gegen Grippe, dann bilden nur 20 Prozent einen ausreichenden Schutz. Diabetiker stufen wir im Moment als Covid-19-Risikogruppe ein - und auch sie haben, egal ob jung oder alt, eine schwache Immunantwort auf Impfstoffe. Deshalb benötigen wir für diese Menschen besonders zugeschnittene Impfstoffe. Dies wird auch im Rahmen der klinischen Entwicklung eines Impfstoffes gegen Sars-CoV-2 untersucht.

Kann man das nicht einfach mit mehreren Impfungen hintereinander bewirken?

Impfungen mit Mehrfachgaben, wie sie bei der Grundimmunisierung üblich sind, können eine Möglichkeit sein. Aber auch das müsste in klinischen Studien gezeigt werden. Also sollten Impfstoffe nicht nur an jungen, gesunden Personen getestet werden, sondern auch an Älteren, wie es bereits für Covid-19 geplant ist, und solchen mit Vorerkrankungen. Der Öffentlichkeit muss klar werden, dass wir bei der Impfstoffzulassung nicht hetzen können. Wir müssen das Problem lösen, ohne noch mehr Probleme zu schaffen.