Die Berichterstattung zum Wehenmittel Cytotic hat viele Schwangere verunsichert.
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BerlinIn keiner anderen Klinik in Deutschland kommen jedes Jahr so viele Kinder zur Welt wie auf der Geburtsstation des St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof. Im vergangenen Jahr waren es über viertausend Babys. Geleitet wird die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe von Michael Abou-Dakn. Er verwendet auch Cytotec zur Einleitung von Geburten, weil es besser wirke und sicherer sei als ähnliche Medikamente.

Herr Abou-Dakn, ist das Medikament Cytotec, über das in verschiedenen Medien kritisch berichtet wurde, gefährlich? Muss man als Schwangere Angst haben, wenn es einem im Kreißsaal angeboten wird?

Wir sind sehr überrascht von der Berichterstattung. Die Darstellung, dass die Ärzte den Frauen Cytotec ohne Sinn und Verstand geben und nicht aufklären, das stimmt nicht. Wir können in Deutschland froh sein, was für ein international hohes  Niveau unsere Mutter- und Kind-Gesundheit hat. Cytotec mit seinem Wirkstoff Misoprostol ist ein gut erforschtes, sehr sicheres Medikament. Es gibt mittlerweile weltweit achtzig kontrollierte Studien zur Wirksamkeit bei der Geburtseinleitung. Das Medikament wird weltweit benutzt und die Weltgesundheitsorganisation listet es als eines der wenigen unverzichtbaren Medikamente.

Der Hersteller Pfizer selbst sagt, es gebe keine Studien zur Anwendung in der Geburtshilfe?

Es gibt keine Zulassungsstudien für die Geburtshilfe. Das hat verschiedene Gründe, so gibt es mehrere andere Medikamente zur Einleitung, die wesentlich teurer sind und mehr einbringen. Cytotec ist so billig, dass es sich wahrscheinlich nicht so gelohnt hat, eine neue Studie zur Zulassung zu machen.

In den Medien ist die Rede von seltenen Fällen, in denen Mütter nach der Gabe von Cytotec verstarben, von Babys, die gestorben sind. Andere Säuglinge litten im Mutterleib unter der Geburt wegen der starken Wehen unter Sauerstoffmangel und kamen behindert auf die Welt. Klingt schon heftig.

Angesichts der vielen Einleitungen, die wir in Deutschland haben, kann es zu Komplikationen kommen, das ist bei allen Medikamenten so. Wir wissen bei den Beispielen, die jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert werden, nicht, was der Einleitungsgrund war. Das eine Beispiel der Mutter mit dem behinderten Kind, das da genannt wird, greift nicht, da geht es nicht um das Medikament, sondern um diesen speziellen Fall, der sehr traurig ist. Nun muss gegebenenfalls das Gericht klären, was in diesem Fall nicht richtig gelaufen ist. Aber man sollte nicht das Medikament grundsätzlich verdammen.

Der Frauenarzt Peter Husslein aus Wien beschreibt das Mittel als unkontrollierbar. Warum sagt er sowas?

Er gehört zur ersten Generation der Forscher, die sich mit Einleitungen befasst haben. Er hat zu Medikamenten geforscht, die heute noch eine Rolle spielen. Vielleicht hängt er an seinen alten Medikamenten und lehnt deshalb Cytotec ab. Husslein ist auch der Meinung, dass viele Frauen ihre Kinder per Kaiserschnitt bekommen sollten. Er ist sicherlich ein besonderer Kollege.

Selbst wenn das Medikament Cytotec gut erforscht ist, scheint es Unsicherheiten bei der Dosierung zu geben?

Es ist den Ärzten bekannt, dass es ein Off-Label-Produkt ist, also dass es keine Zulassung für die Geburtshilfe gibt. Da Zulassungsstudien fast aller Medikamente Kinder und Schwangere ausschließen, werden in der Geburtshilfe überwiegend Mittel „off-Label“ angewendet. In dem SZ-Artikel wird der Eindruck erweckt, dass Frauen darüber nicht aufgeklärt werden. Das ist sicherlich nicht korrekt. In den meisten Fällen werden Frauen über die Vor- und Nachteile aufgeklärt und dann können sie selbst entscheiden, ob sie lieber ein Gel in die Vagina haben oder eine Pille schlucken wollen. Die meisten wollen lieber eine Pille. Man sollte erst mit einer kleinen Dosis von 25 Mikrogramm anfangen und streng kontrollieren, wie die Frau und das Kind reagieren. Nach vier bis sechs Stunden kann man dann bei Bedarf die Dosis erhöhen. In Einzelfällen kann es passieren, dass ein Kind auf die Einleitung reagiert.

In Diskussionen in den sozialen Medien sind Mütter, die selbst Cytotec genommen haben, erschüttert, was für ein gefährliches Medikament ihnen da verabreicht wurde.

Da wird Panik verbreitet, die nicht gerechtfertigt ist. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren in unserer Klinik - dem St. Joseph in Tempelhof - bei der Anwendung von Cytotec keinen Schaden beim Kind gesehen. Es gibt Belege, dass Frauen die eingeleitet wurden, sogar seltener Gebärmutterrupturen haben, als Frauen, die nicht eingeleitet wurden. Vielleicht weil sie mit dem Medikament besser begleitet wurden. Die einzige Ausnahme ist, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt oder eine Gebärmutter-OP hatte, dann darf man dieses Medikament nicht geben. In den großen Vergleichen, wenn man alle Einleitungsmethoden vergleicht, zeigt sich immer wieder, dass Frauen, die mit Cytotec eingeleitet wurden, geringere Komplikationsraten haben, als Frauen, die mit anderen Mitteln eingeleitet wurden.

Hebammen kritisieren auch, dass Ärzte zu schnell Cytotec geben.

Man kann dem Geburtssystem sicher vorwerfen, dass zu häufig eingeleitet wird und dass es Fehler bei der Indikation gibt. Das ist ein Problem. Wir haben verstanden, dass die Interventionsrate in Deutschland zu hoch ist. Wir in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe arbeiten an neuen Leitlinien.

Wie oft wird denn eingeleitet?

Deutschlandweit werden knapp 23 Prozent der Geburten eingeleitet. In meiner Klinik ist die Rate deutlich geringer.

Hat die hohe Rate auch etwas mit dem Druck und Personalmangel in den Krankenhäusern zu tun?

Das kann manchmal sein, dass man eine Frau nicht zu lange überwachen möchte. Aber es hat vor allem etwas mit Wissen zu tun. Bis vor ein paar Jahren gab es eine Leitlinie, dass die Geburt bei Frauen nach 42 Wochen Schwangerschaft eingeleitet werden muss. Das ist inzwischen überholt, wird aber trotzdem noch oft gemacht. In den siebziger Jahren sollten Geburten programmiert werden, um das Personal besser zu planen, das hat zu einer höheren Kaiserschnittrate geführt, aber das hat nicht funktioniert. Wenn ein echter Grund für eine Einleitung vorliegt, dann kann die Einleitung mit Cytotec sogar Kaiserschnitte verhindern. Der Generalverdacht, wir würden Frauen gewissenlos medikalisieren, belastet uns Ärzte sehr.

In den sozialen Medien wird jetzt die Hausgeburt als Alternative propagiert.

Wir beobachten einen Trend zu Hausgeburten, und dann steigt wieder das Risiko. Wir haben das gesehen in Holland, einem Land mit einer hohen Hausgeburtsrate, das eine schlechte Gesundheitssituation kurz nach der Geburt bei Säuglingen und Müttern zur Folge hat. Was wir brauchen, ist eine kritische Überprüfung ärztlichen Handelns.