Wie aus einem Katastrophenfilm: Männer in Schutzkleidung stehen an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz, um die Körpertemperatur von Einreisenden zu kontrollieren.
Foto:  Florian Gaertner/Photothek

BerlinGeht das jetzt noch monatelang so weiter? Wann ist die Corona-Krise endlich vorbei? Das fragen sich viele Leute in diesen Tagen. Und das ist verständlich. Nicht nur, weil Ängste und Ungewissheit viele peinigen. Sondern auch wegen der bereits jetzt spürbaren Einbrüche. Hunderttausende Unternehmen, Geschäfte und Freiberufler bangen um ihre Existenz. Niemand in Politik und Wirtschaft kann Prognosen abgeben, wann die harten Maßnahmen wieder gelockert werden können. Deshalb schaut man gespannt auf die Wissenschaft.

In den vergangenen Tagen haben Forscher Modell-Szenarien vorgestellt, um die möglichen Entwicklungen zu beschreiben. Sie entstanden unter anderem in Teams von Epidemiologen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) sowie des Imperial College in London.

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Unabhängig von den einzelnen Ergebnissen zeigen die Modelle eines: Die Epidemie wird die Gesellschaft noch über viele Monate beschäftigen, wahrscheinlich bis ins Jahr 2021 hinein. Ganz grob zeigt sich: Je stärker die Maßnahmen, desto wirkungsvoller die Eindämmung der Corona-Welle. Vor allem ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit Kontaktverboten, wie es gerade umgesetzt wird, wirkt sich in den Modellrechnungen recht effektiv aus. Zugleich aber wird die Epidemie gestreckt, denn nur wenige Menschen erreichen auf diesem Weg die für ein Ende der Corona-Welle notwendige Immunität.

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Eine verheerende Welle im Sommer

Die Forscher berechneten genauer, was passieren würde, wenn man dem Virus in der ungeschützten Bevölkerung freien Lauf ließe. Die Modelle zeigen, dass bis Juni/Juli in Deutschland gleichzeitig acht bis zehn Millionen Menschen erkranken würden. Die Welle dauerte etwa vier Monate und wäre verheerend. Die RKI-Epidemiologen Matthias an der Heiden und Udo Buchholz nehmen in ihren Beispielszenarien eine Sterblichkeit von 0,56 Prozent an. Diese liege „eher am unteren Rand bestehender Schätzungen“, schreiben sie. Im Sommer könnten also, nimmt man zehn Millionen Infizierte als Grundlage, rein rechnerisch bis zu 56.000 Menschen sterben. Wahrscheinlich wären es aber wohl Hunderttausende, weil das System zusammenbräche. Bei 28.000 Intensivbetten in Deutschland könnten auch alle anderen lebensbedrohlichen Fälle nicht behandelt werden, zum Beispiel Infarkte, Schlaganfälle und Unfälle.

Die epidemische Welle würde im Sommer ihren Höhepunkt erreichen. Bis zu 10 Millionen Menschen gleichzeitig wären infiziert. Hunderttausende müssten auf die Intensivstation – bei 28 000 Intensivbetten. Es gäbe möglicherweise 56 000 Tote, wahrscheinlich aber ein Vielfaches davon. Die Welle dauerte etwa vier Monate.
Grafik: BLZ/Galanty

Die RKI-Forscher beziehen in ihre Modelle mit ein, dass es eine gewisse Saisonalität geben könnte, also eine Abschwächung der Corona-Welle im Sommer. Dann würde sich die epidemische Welle auf den Herbst, vielleicht sogar auf das Frühjahr 2021 verschieben – je nachdem, wie ausgeprägt die Saisonalität wäre. Andere Modellrechnungen deuteten aber bereits darauf hin, dass der Einfluss sehr gering sein könnte.

Eine Abflachung der Kurve und eine Verlängerung der Welle wird durch Maßnahmen erreicht wie: Isolierung Erkrankter, Familien-Quarantäne, Ermittlung und Absonderung von Kontaktpersonen, Schutz von Risikogruppen. Dennoch würde Modellen zufolge auch hier die Kapazität der Intensivstationen überschritten werden.
Grafi: BLZ/Galanty

Einschränkung sozialer Kontakte als einziger Weg

Die RKI-Epidemiologen zeigen, dass die wirksamste Strategie gegen Covid-19 ein Mix aus drei Maßnahmen ist: 1. Isolierung Erkrankter, 2. Absonderung von Kontaktpersonen und 3. Kontaktreduktion in der Gesamtbevölkerung. Würde unter dem Motto „Flatten the Curve“ nur ein Teil davon umgesetzt, käme es ebenfalls zum Kollaps des Gesundheitssystems mit hohen Todesraten. Eine Studie des Imperial College in London untersuchte am Beispiel von Großbritannien und den USA, was passierte, wenn es nur bei folgenden Maßnahmen bliebe: Isolierung Infizierter, Heimquarantäne der Familien und Distanzierung der über 70-Jährigen. Das Ergebnis wäre, dass man achtmal so viele Fälle hätte, die man beatmen müsste, als man beatmen könnte.

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„Erst eine Senkung der effektiven Reproduktionszahl in den Bereich von 1 bis 1,2 würde einen Verlauf innerhalb der vorhandenen Kapazitäten des Gesundheitssystem ermöglichen“, schreiben die Autoren der DGEpi-Erklärung. Das bedeutet: Ein Infizierter steckt einen weiteren an. Es gäbe dann keine exponentielle Ausbreitung mehr, sondern einen linearen Anstieg. Eine wirkliche Eindämmung der Epidemie ist nach Aussagen der Autoren aber nur dann zu erreichen, wenn weniger angesteckt werden, als es Infizierte gibt. Der einzige Weg dahin sei „eine Einschränkung der sozialen Kontakte auf das Notwendigste“. Also das, was zurzeit in Deutschland passiert, bis hin zur Ausgangssperre.

Erste Effekte sind zu erwarten

„Wir gehen davon aus, dass die bisher getroffenen Maßnahmen schon eine Senkung der effektiven Reproduktionszahl bewirkt haben“, schreiben die DGEpi-Autoren. Die Effekte werden sich in den kommenden Wochen zeigen. Aber damit ist die Epidemie längst nicht vorbei. Die Wissenschaftler rechnen damit, „dass diese Einschnitte über die nächsten Monate aufrechterhalten werden müssen, um zu einer völligen Eindämmung der Infektionsausbreitung zu führen“. In der Folge müssten neu von außen eingeschleppte und auftretende Einzelfälle „durch eine breit angelegte Teststrategie schnell identifiziert und isoliert werden“.

Erst alle Maßnahmen zeigen Wirkung. Vor allem eine Kontaktreduktion in der Gesamtbevölkerung hält die Zahl der Neuinfektionen niedrig und entlastet die Intensivstationen. Stichwort: Kontaktverbot, Ausgangssperre. Werden die Maßnahmen gelockert, schießen die die Erkrankungszahlen wieder nach oben.
Grafi: BLZ/Galanty

Das große Problem ist: Sobald die Kontaktverbot-Maßnahmen wieder gelockert werden, erhält das Virus wieder die Chance, sich exponentiell auszubreiten. Das Gesundheitssystem droht erneut zusammenzubrechen. Je flacher die Kurve werde, „umso länger müssen wir durchhalten, bevor ein substanzieller Teil der Bevölkerung aufgrund einer durchgemachten Infektion einen Immunschutz gegen Sars-CoV-2 erworben hat“, schreiben die RKI-Autoren. Sozusagen tröpfchenweise. Ein anderer Weg sind Massenimpfungen, um bei 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die sogenannte Herdenimmunität gegen das Virus zu erreichen. Doch auch bei großer Beschleunigung von Tests und Zulassungsverfahren wird es Experten zufolge einen massentauglichen Impfstoff in diesem Jahr wohl nicht mehr geben.

Eine flexible Strategie könnte über Monate die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle halten. Maßnahmen wie Schließungen von Schulen und Unternehmen, Kontaktverbote usw. werden immer wieder aufgelockert. Ende erst, wenn 44 bis 65 Millionen Menschen infiziert sind oder ein Impfstoff zur Verfügung steht. Dauer: bis 2021
Grafik: BLZ/Galanty

Es könnte also ein Jahr lang, vielleicht sogar 18 Monate dauern, bis ein Immunschutz in der Bevölkerung besteht. Aber kann man die Gesellschaft so lange im gegenwärtigen Zustand halten? Diese Frage stellen sich auch die Wissenschaftler. In ihren Modellsimulationen kommen Forscher um Neil Ferguson am Imperial College London zu dem Ergebnis, dass vielleicht eine „On-off-Strategie“ ausreichen könnte, um das Coronavirus in Schach zu halten. Sobald die Infektionszahlen deutlich zurückgingen, könnte man die Kontaktverbote lockern, Unternehmen, Schulen und das öffentliche Leben wieder in Gang bringen. Sobald die Patientenzahlen in den Intensivstationen wieder zunähmen, müssten die allgemeinen Kontaktverbote wieder greifen. Doch auch die „On-off-Strategie“ würde wohl die Gesellschaft schwer belasten.

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Es könnten bereits viele immun sein

Es gibt aber noch weitere Faktoren, die die Entwicklung beeinflussen könnten. So könnten sich bereits viele Kinder symptomlos infiziert haben und damit zur sogenannten Herdenimmunität beitragen, wie Virologen vermuten. Die RKI-Autoren rechnen in ihren Beispielszenarien auch mit der Möglichkeit, dass ein Teil der Bevölkerung bereits immun gegen Sars-CoV-2 ist. So könnte es bei Kindern eine Kreuzimmunität zu anderen menschlichen Coronaviren geben. Die Forscher rechnen mit Immunitäts-Werten von null bis mehr als 30 Prozent. Im besten Fall müssten „nur“ noch 44 Millionen Deutsche gegen das Virus immun werden, bevor die Epidemie beendet ist. Im schlimmsten Fall würden sich bis zu 65 Millionen infizieren.

Alles läuft auf ein gebündeltes Paket von Maßnahmen zu. Eine „On-off-Strategie“ hat nur Sinn, wenn sie auch mit einem flächendeckenden Testprogramm verbunden ist. Nicht nur zur Isolation von Infizierten mit Quarantäne von Kontaktpersonen. Nein, ohne Tests gibt es auch keinen Überblick darüber, wer sich bereits – möglicherweise ohne es zu merken – infiziert hat und inzwischen immun ist. Dafür arbeiten Forscher an einfach und massenhaft einsetzbaren Tests, die Antikörper im Blut nachweisen können.

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Von Virologen ständig beobachtet

Die Maßnahmen hängen auch davon ab, ob es gelingt, antivirale Therapien zu finden, um die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle zu vermindern. Dafür werden bereits zugelassene Wirkstoffe geprüft. Es gibt sogar erste Ansätze für schneller einsetzbare Impfungen. So haben Berliner Forscher einen Tbc-Impfstoff mitentwickelt, der offenbar das Immunsystem gegen die Infektion aktiviert und den man jetzt an größeren Gruppen testen will. Hinzu kommt, dass man nicht weiß, wie sich das neuartige Coronavirus verändert, ob es gar mutiert – möglicherweise zum Nachteil des Virus selbst. Dann könnte die Epidemie auch früher zum Stillstand kommen. Aus diesem Grund wird Sars-CoV-2 von Virologen ständig beobachtet.

Eines kann man auf alle Fälle sagen: Die Epidemie wird wohl bis ins nächste Jahr hinein ein „dynamisches Geschehen“ bleiben, wie die Wissenschaftler es nennen. Sie erfordert eine unablässige Kooperation von Forschern, Politikern und anderen, um schnell auf Wandlungen reagieren zu können. Das betrifft gewiss auch ein abgestimmtes Handeln in Europa. Denn kein Land allein kann eine Pandemie bewältigen.