Der Bluttest fahndet nach chemischen Veränderungen am Erbgut, sogenannten Methylierungen. Sie sind für jeden Tumor ganz spezifisch (Symbolbild).
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The WoodlandsEs kling fast wie Zauberei: Ein neuer Bluttest kann mehr als 50 Krebsarten aufspüren, zum Teil in einem sehr frühen Stadium. Der Test habe eine hohe Spezifität – er zeigt also in weniger als einem Prozent der Fälle fälschlicherweise eine Krebserkrankung, berichten Forscher um Michael Seiden vom Institut Oncology Research in The Woodlands in Texas, USA,  im Fachjournal Annals of Oncology.

In ihrer Studie konnten die Wissenschaftler 93 Prozent der mit dem Bluttest entdeckten Krebsfälle dem Gewebe zuordnen, in dem sich der Tumor befand. Deutsche Experten rechnen dennoch nicht damit, dass sich ein einzelner Test wie der vorgestellte bald zur Krebsfrüherkennung einsetzen lässt.

Der Bluttest fahndet nach chemischen Veränderungen am Erbgut, sogenannten Methylierungen. Dieser Prozess kann Gene aktivieren oder deaktivieren. Dies kann zur Krebsentstehung beitragen. Von jedem Tumor gelangen Bruchstücke der DNA ins Blut, im frühen Stadium weniger, im späteren Stadium mehr. Die Veränderungen der DNA durch Methylierung sind für jeden Tumor spezifisch.

Tumorbruchstücke aufspüren

Das Methylierungsmuster der DNA im Blut zeigt also an, ob eine Krebserkrankung vorliegt und wenn ja, welche. Seiden und seine Kollegen haben ihren Test so gestaltet, dass potenzielle Methylierungen an mehr als einer Million DNA-Stellen – von 30 Millionen möglichen Stellen – aufgespürt werden können. Für die Auswertung des Methylierungsmusters setzen die Forscher künstliche Intelligenz ein.

In einer Untersuchung mit 6689 Probanden fielen die Ergebnisse je nach Krebsart unterschiedlich aus. Bei zwölf Krebsarten mit hoher Todesrate, darunter Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- und Leberkrebs, konnte der Bluttest die Erkrankung in 39 Prozent der Fälle im ersten Stadium detektieren. Im zweiten Stadium waren es 69 Prozent, im dritten Stadium 83 Prozent und im vierten Stadium 92 Prozent. Für alle Krebsarten zusammen lagen die Detektionsquoten in den ersten beiden Stadien allerdings deutlich darunter. Der Ursprungsort der Krebs-DNA konnte mit einer Genauigkeit von 93 Prozent ermittelt werden.

Der Test erfülle die nötigen Voraussetzungen für ein Früherkennungsscreening auf Bevölkerungsebene, sagt Seiden. Der Test könne dazu beitragen, die Todesraten von Krebserkrankungen zu verringern. Finanziert wurde die Studie vom Hersteller des Bluttests, Grail.

Krebsfrüherkennung ist nach meiner Auffassung mit einem einzelnen Ansatz nicht möglich.

Michael Neumaier, Universitätsmedizin Mannheim

Holger Sültmann vom  Deutschen Krebsforschungszentrum lobt die Studie: „Methodisch handelt es sich um eine sehr seriöse Vorgehensweise, die höchsten Anforderungen entspricht.“ Allerdings sei die Probenzahl trotz einer erheblichen Größenordnung noch viel zu niedrig, um eine Aussage für das Tumorscreening bei 50 Krebsarten zu treffen. Ein Früherkennungstest für Krebs allein auf Basis von Methylierungsmustern sei mit den vorliegenden Daten nicht zu erwarten.

Auch Michael Neumaier von der Universitätsmedizin Mannheim spricht von einem „guten Ansatz, der Hoffnung macht“. Die recht neuen Erkenntnisse über unterschiedliche Methylierung in unterschiedlichen Gewebearten seien mit beeindruckenden Ergebnissen für die Krebsfrüherkennung eingesetzt worden. Zwei verschiedene Untersuchungsphasen - Training und Validierung - lieferten sehr ähnliche Ergebnisse. Dennoch bekräftigt Neumaier: „Krebsfrüherkennung ist nach meiner Auffassung mit einem einzelnen Ansatz nicht möglich.“ (dpa/fwt)