Ein Pangolin-Männchen im Phinda-Reservat. Die Tiere werden dort aufgezogen und freigelassen. 
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KapstadtEs hat kein Horn wie das Rhinozeros, doch seine Schuppen sind ähnlich begehrt. Das Pangolin oder Schuppentier ist sogar noch weit vor dem Nashorn das weltweit am häufigsten gewilderte und illegal gehandelte Tier. Die Corona-Pandemie hat die Art zusätzlich bekannt gemacht. Denn neben Marderhunden stehen auch Pangoline unter dem Verdacht, Sars-CoV-2 von Fledermäusen aufgegabelt und auf den Menschen übertragen zu haben.

Die scheuen Insektenfresser, die sich zu einem Ball zusammenrollen, wenn sie sich bedroht fühlen, sind in Asien in allen dort vorkommenden vier Arten bereits vom Aussterben bedroht. Und in Afrika geraten die vier dort lebenden Arten zunehmend ins Visier der Wilderer. Alle fünf Minuten fällt ein Schuppentier der Wilderei zum Opfer, wie die Fachgesellschaft Zoological Society of London (ZSL) bilanziert, die unter anderem den Londoner Zoo betreibt.

Im Wettlauf mit der Zeit versucht eine Gruppe von Naturschützern in einem Wildreservat im Osten Südafrikas in der Provinz KwaZulu-Natal, eine neue Schuppentierpopulation aufzubauen und die Spezies vor dem Aussterben zu retten. Das Projekt ist bisher weltweit einzigartig.

Grafik: BLZ/Hecher

Pangolin-Fötus-Suppe als Delikatesse

„Es ist das erste Mal – in Südafrika, in Afrika und weltweit –, dass Schuppentiere in einem Gebiet wieder angesiedelt wurden, in dem sie ausgestorben waren“, sagt Simon Naylor, Manager des privaten Phinda-Reservats, in dem die Wiederansiedlung geschieht.

Pangoline werden auch liebevoll als „wandelnde Kiefernzapfen“ oder „Artischocken mit Schwanz“ bezeichnet. Ihre Schuppen sind in der asiatischen Medizin, aber auch in der afrikanischen heiß begehrt – doch wie das Horn von Nashörnern bestehen auch sie „nur“ aus Keratin, dem gleichen Material wie die Fingernägel des Menschen. Vor allem die Nachfrage aus China und Vietnam nach Produkten aus Schuppentieren treibe diese Wilderei voran, schreibt die ZSL auf ihrer Homepage. Allerdings will Vietnam nun den Wildtierhandel beenden: Künftig sind sowohl der Import bedrohter Arten wie Pangolinen und Zibetkatzen verboten als auch der Handel auf Wildtiermärkten, heißt es nach Angaben von Tierschutzorganisationen in einem Dekret von Regierungschef Nguyen Xuan Phuc von Mitte Juli.

Was den Pangolinen überdies zum Verhängnis wird: Das Fleisch der Schuppentiere wird allen voran in Asien als eine Delikatesse angesehen. Eine Schale Pangolin-Fötus-Suppe kostet in einigen Teilen des Kontinents etwa 2500 Dollar (knapp 2200 Euro), wie Phinda-Mitarbeiter Charli de Vos weiß.

Über eine Million der niedlichen Säugetiere wurden in den vergangenen zehn Jahren gewildert – mehr als Nashörner, Elefanten und Tiger zusammen, so die ZSL. Niemand weiß, wie viele der einzelgängerischen, nachtaktiven Lebewesen noch in freier Wildbahn leben, aber Ökologen sagen, dass ihre Zahl schnell abnimmt.

Neben der Wilderei sind die afrikanischen Schuppentiere auch durch den Verlust ihres Lebensraums, den lokalen Handel mit Buschfleisch und die Verwendung ihrer Schuppen in der traditionellen afrikanischen Kleidung bedroht.

Wilderer behandeln Schuppentiere schlecht

Das Projekt im Phinda-Wildreservat, wo das letzte Mal 1984 ein wildes Schuppentier gesichtet wurde, hat vor kurzem sein achtes Steppenschuppentier (Smutsia temminckii) ausgesetzt. Die Tiere mit der langen Schnauze, die sich gerne von Ameisen und Termiten ernähren, wurden alle aus den Händen von Wilderern oder illegalen Wildtierhändlern in ganz Südafrika gerettet.

Die Wilderer behandeln die bedrohten Tiere oftmals mehr als schlecht: Einige werden in Holzkisten oder Käfigen so eng verfrachtet, dass sie sich tagelang nicht aus ihrer zusammengerollten Position entfalten können. Andere werden in Säcken transportiert. Sie werden gestoßen, fallen gelassen und umhergetreten.

„Sie sind nicht nur dehydriert, ausgehungert und abgemagert, sie sind auch völlig traumatisiert“, erklärt Nicci Wright, Direktorin des Johannesburg Wildlife Veterinary Hospital, die die geretteten Schuppentiere behandelt. Die Tiere müssen langsam und vorsichtig an ihren neuen Lebensraum in dem Reservat herangeführt werden.
Sie schlafen zunächst in speziell dafür vorgesehenen Kisten im Haus und werden nur für einige Stunden freigelassen, in denen die Tierschützer ihnen folgen und sie beobachten.

Sobald sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnt haben und gut ernährt sind, werden die Schuppentiere mit Satellitensendern versehen und weiterhin rund um die Uhr von einer Anti-Wilderer-Einheit und einem Naturschutzteam überwacht – all das, um ihr Überleben zu sichern. „Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnte es eine Keimzelle werden, aus der weitere Populationen dieser bedrohten Art entstehen könnten“, sagt Naylor.

Es gab aber auch schon Rückschläge. Zwei der acht geretteten Tiere haben nicht überlebt: Eines wurde von einem Krokodil gefressen, das andere starb an Bilharziose, einer Parasitenkrankheit. „Das läuft aber trotzdem viel besser als erwartet“, sagt de Vos. „Die Überlebensrate liegt gewöhnlich bei eins zu fünf, es geht ihnen also besser, als man es für möglich gehalten hätte.“ Letztlich hoffen die Naturschützer, dass die Schuppentiere sich wohl genug fühlen, um sich zu paaren. Damit könnte dann die Population langsam wieder wachsen.

Die Tierschützer sondieren derzeit ein benachbartes Reservat, das sie als zusätzliches Auswilderungsgebiet nutzen wollen. Im Phinda-Reservat haben etwa 20 Tiere Platz. Ray Jansen, Vorsitzender der African Pangolin Working Group (APWG), beschreibt das Projekt als eine entscheidende Studie. Er hofft, dass es zu einer Reihe von Richtlinien und bewährten Praktiken führen wird, die von anderen Rehabilitationsprojekten weltweit angewendet werden können. „Jedes einzelne Schuppentier zählt“, sagt auch de Vos. „Wenn du nicht eins nach dem anderen rettest, werden sie irgendwann verloren sein.“ (dpa)