BerlinManchmal macht man Quatsch in seinem Leben. Und manchmal stellt sich dann später heraus, dass der Blödsinn für irgendwas gut gewesen ist. Zugegebenermaßen mache ich privat ziemlich viel Quatsch, und das nicht erst, seit ich Bestatter bin. Stichwort: Klassenclown. Der erlauchte psychologisch versierte Leser wird sich seinen Teil denken können.

Vor Jahren plante mal ein Freund seine Hochzeit. Man wollte in Deutschland feiern und sich in Dänemark danach offiziell trauen. Das passte den Eltern der Braut irgendwie nicht. Ich schlug deshalb vor, mich online zum Priester ernennen zu lassen. Auf amerikanischen Webseiten kostet das knapp 35 Dollar. Die Ernennungsurkunde zeigten wir den Eltern. Sie haben den Spaß mitgemacht und erschienen auf der Feier. Für die Zeremonie hatte ich mir ein selbst genähtes Gewand umgeworfen und sah dabei recht feierlich aus.

Die Party zur Hochzeit wurde legendär, die Urkunde der Universal Life Church, die mich zum Priester ernannt hatte, wanderte danach jedoch tief in die Schublade.

Meine absolute Corona-Lieblingsregelung

Zumindest bis die zweite Corona-Welle in unser Leben trat. Und nein: Ich leugne Corona nicht, mache alle Maßnahmen mit und finde es richtig, Leben zu schützen, wo es nur geht. Erstaunlich finde ich trotzdem, welche Blüten die Regelungen zum Infektionsschutz manchmal treiben. Beruflich meine absolute Lieblingsregelung ist, dass die Anzahl der Menschen, die auf eine Trauerfeier dürfen, wieder beschränkt wurde. Erst einmal verständlich, denn wir wollen nicht, dass sich 500 Menschen, Rotz und Wasser heulend, in den Armen liegen. So weit, so gut. Aber jetzt kommt der Zusatz, den ich mir vorher hätte gar nicht selbst ausmalen können: Unser Lieblingsbundesland Berlin entscheidet, dass bei einer religiösen Abschiedsfeier mit einer Pastorin oder einem Pastor mehr Menschen erlaubt sind als bei einer weltlichen Trauerfeier – auf der man als Angehöriger selbst spricht und ein sogenannter freier Redner die richtigen oder auch falschen Worte findet.

Im Pandemie-Jahr 2020 erhebt sich das Land Berlin aus seiner preußisch-aufgeklärten Tradition und beschließt, dass der „kollektive Charakter“ (offizielle Begründung) einer weltlichen Abschiedsfeier nicht gleichzusetzen ist mit einer religiösen Veranstaltung. Die ist dann also weniger kollektiv. Mal abgesehen davon, dass es dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes widerspricht – was denkt man sich dabei, wenn man solche Regelungen verfasst? Sitzt da Lieschen Müller in der Verwaltung und denkt sich, wie erschwere ich die Situation von Trauernden möglichst effizient?

Befällt Corona religiöse Menschen nicht?

Das glaube ich natürlich nicht. Nur vielleicht kann sich jemand mal bemühen, mir das bei einer Tasse Tee zu erklären. Ist das Virus intelligent und befällt religiöse Menschen nicht? Sind religiöse Trauerfeiern so selten geworden, dass es die Verwaltung einfach nicht mehr interessiert? Oder ist hier die Kirchenlobby am Werk?

Die Begründung des Landes Berlin ist natürlich absurd: Abschiedsfeiern jeglicher Couleur haben einen kollektiven Charakter. Ich lade die zuständige Senatsverwaltung gerne mal auf eine weltliche Trauerfeier ein. Wenn die Augen trocken bleiben, dann können sie ihre Regel so belassen.

Aber das ist schon ein Tritt ins Gemächt unser aufgeklärten Stadt. Ich hole derweil meine alte Priesterernennung aus der Schublade, hoffe, dass der Spuk bald vorbei ist – und mache jetzt halt „religiöse“ Abschiedsfeiern. Ich hoffe, Berlin rüstet sich für die dritte Welle oder eine neue Pandemie etwas intelligenter. Denn solange gestorben wird, müssen wir auch trauern dürfen!