Die vielfältigen Stilllegungen in der Corona-Krise haben zu einem Rückgang der Stickoxid-Emissionen in Europa geführt. Besonders auffällig ist der Effekt in Norditalien, wie die beiden Aufnahmen von Mitte Januar (links) und Anfang März (rechts) zeigen.
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Extinction Rebellion, Fridays for Future, Greta und Co. – es ist still geworden um die globale Klimaschutzbewegung. Stattdessen konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Corona-Pandemie. Doch nur weil die Welt gerade wegschaut, ist es nicht vorbei mit dem Klimawandel: Die Temperaturen steigen weiter, die Meeresspiegel ebenso, und die Wetterextreme mehren sich. Europa hat gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hinter sich, und Deutschland läuft nach Prognosen von Meteorologen auf einen neuen Dürresommer zu. Und das mitten in einer Gesundheitskrise, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

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Was also tun in dieser verzwickten Lage? Geht es jetzt erst einmal um eine Wiederbelebung der Wirtschaft, notfalls auch zu Lasten des Klimaschutzes, oder sollten die anstehendenden Konjunkturprogramme Investitionen in eine emissionsärmere Zukunft begünstigen? Lässt sich auf diese Weise aus der Not sogar eine Tugend machen? Oder bleibt nach der Pandemie kaum noch Geld für den Klimaschutz übrig? Um Fragen dieses Kalibers ging es bei einer Online-Konferenz, die das Kölner Science Media Center einberufen hatte.

Weltwirtschaft muss aus der Talsohle

Durch wirtschaftlichen Stillstand, so wie er gegenwärtig herrsche, sei kein Klimaschutz zu erreichen, betonte dabei Niklas Höhne. Mit seinen Thesen markierte der Professor für Klimaschutz an der niederländischen Wageningen-Universität und Leiter des Kölner New Climate Institute den Spannungsbogen der Diskussion. „Zum einen wollen alle, dass die Wirtschaft wieder läuft“ – nur so könnten auch die für den Klimaschutz nötigen Investitionen gestemmt werden.

Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass bei der in Aussicht stehenden wirtschaftlichen Aufholjagd bisher für den Klimaschutz Erreichtes wieder verloren gehe. Der Balanceakt sei nicht einfach, denn es gelte, die Weltwirtschaft aus ihrer bisher tiefsten Talsohle herauszuführen. Einen solchen Niedergang habe es in der gesamten Industriegeschichte noch nicht gegeben.

Kurzfristig werde das weltweite wirtschaftliche Bremsmanöver zu einer Minderung der Treibhausgasemissionen führen, sagte Reimund Schwarze, Leiter der Arbeitsgruppe Klimawandel und Extremereignisse am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Derzeit rechne man für 2020, gemessen am Vorjahreswert, mit einem Pandemie-bedingten Rückgang der globalen Emissionen um 5,5 Prozent – „doch je nach Dauer des Shutdowns kann der Ausstoß auch um 7,6 Prozent zurückgehen“, so der Leipziger Wissenschaftler.

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Die aktuelle Entwicklung bedeute nur eine kurze Atempause für den Klimawandel; sie reiche jedoch bei Weitem nicht aus, ihn zu stoppen. „Dafür müssten die Emissionen um sechs bis sieben Prozent sinken – und das Jahr für Jahr“, sagte Schwarze. Doch wenn schon eine Reduktion um fünf Prozent mit so großen wirtschaftlichen Folgen verbunden ist, wie jetzt kurzfristig erlebbar – wie soll dann noch deutlich mehr erreicht werden können?

Für eine beherzte Neuorientierung nach dem Shutdown plädierte Wolfgang Obergassel, Co-Leiter des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Jetzt bestehe die Gelegenheit, die öffentliche Infrastruktur klimafreundlich umzubauen, sagte er. Als Beispiele nannte Obergassel die Elektrifizierung des Personen- und Güterverkehrs, die Verwendung von emissionsarmem „grünen Stahl“ in der Industrie und die Gestaltung klimaneutraler Städte.

Der Klimaforscher Niklas Höhne erhofft sich einen Schub für die energetische Gebäudesanierung mit besserer Dämmung und sehr viel mehr Solarmodulen auf den Dächern als heute. „Das wäre unendlich wichtig für die Energiewende“, sagte Höhne. Jetzt sei auch ein günstiger Zeitpunkt für mehr staatliche Programme zum Umstieg auf umweltfreundliche Heizungen – etwa durch Kauf- und Abwrackprämien. Das Gleiche gelte für die Kurswechsel bei den Energieträgern, sagte der studierte Physiker. Er plädiert für steuerliche Reformen, die Stromverbraucher entlasten und die Brennstoffnutzung stärker belasten. „Akzeptanz finden solche Steuern erfahrungsgemäß eher bei niedrigen Ölpreisen – so wie es derzeit der Fall ist“, sagte Höhne.

In Deutschland bieten sich also durchaus Chancen, den Klimaschutz in der Corona-Krise voranzubringen. Doch lösen lässt sich die Menschheitsaufgabe nur, wenn auch andere Länder mitziehen. Reimund Schwarze rechnet nicht mit schnellen Erfolgen: „Vorrang hat für viele Nationen jetzt der Aufbau tragfähiger Gesundheitssysteme – da geht es erst mal nicht um Wärmepumpen.“ Das sei auch gut zu verstehen, sagte der Leipziger Volkswirtschaftler und Klimaforscher. „Es wird nicht die letzte Pandemie sein, und deshalb ist es vernünftig, wenn auch ärmere Länder ihre Investitionen verstärkt in den Gesundheitsbereich lenken.“

Standhaftigkeit der EU

Und wenn der Klimaschutz dabei wegzubrechen droht? Tschechien und Polen haben, mit Hinweis auf die Corona-Krise, ihren Ausstieg aus dem Green Deal der EU bereits angekündigt. Die Europäische Kommission bekennt sich zwar weiterhin zu ihrem großen Programm zum klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft, wird aber wohl, wie jetzt publik wurde, einige Initiativen verschieben oder gar komplett streichen.

Nun komme es ganz besonders auf die Standhaftigkeit der EU an, sagte Reimund Schwarze. Er fordert die verfassungsrechtliche Verankerung des Green Deal und sieht die europäische Politik als Bollwerk im weltweiten Kampf gegen den Klimawandel. Dies umso mehr in einem Jahr, in dem die Weichen der internationalen Klimapolitik neu gestellt werden sollten.

Doch nachdem der für November geplante UN-Klimagipfel in Glasgow um ein Jahr verschoben wurde, wird es bis auf Weiteres an verbindlichen Regeln für die immer dringlichere Senkung der Treibhausgasemissionen mangeln. Vielleicht habe die Verschiebung der Konferenz aber auch ihr Gutes, gab Niklas Höhne zu bedenken: „In einem Jahr sind die US-Wahlen entschieden. Ein neuer Präsident könnte den Klimaschutz voranbringen.“  

Doch auch abseits großer Bühnen bieten sich neue Chancen. Reimund Schwarze setzt dabei vor allem auf mehr Bürgerbeteiligung. Er habe kürzlich an einem Hackathon zum Klimawandel teilgenommen und sei begeistert von den Ideen junger Leute zur Nutzung digitaler Technik: „Das war oft besser als das, was man von etablierten Experten hört.“  

Beeindruckt zeigten sich die Wissenschaftler vom besonnenen Verhalten der Bürger in der Corona-Krise. Die Virologen hätten es geschafft, eine ganze Nation für einen drastischen Schwenk zu gewinnen – ein Vorbild für die Klimaforschung. „Wir müssen es schaffen, die Bürger genauso zu bewegen, wie die Infektionsmediziner es jetzt vormachen“, sagte Reimund Schwarze. Ein Weg bietet sich an. Der Klimawandel wird sich massiv auf die Gesundheit auswirken – und das herauszuarbeiten könnte eine zentrale Aufgabe für den Weltklimarat werden.