Ein Kiefernwald in Ostbrandenburg: Eigentlich müssen die Kronen dicht und grün sein.
Foto: dpa/Patrick Pleul

BerlinDie Anwälte der Umweltschützer waren bereits eingeschaltet und bereiteten die Klagen vor. Es ging um eine Grundsatzfrage im Umweltschutz: Sollen Insektengifte eingesetzt werden, um Schädlinge in Wäldern zu töten und so Bäume zu retten? Auch in diesem Jahr plante der Brandenburger Landesforstbetrieb den Einsatz eines Insektengifts mit dem martialischen Namen „Karate Forst flüssig“, das per Hubschrauber versprüht werden sollte.

Im Vorjahr erreichte die Auseinandersetzung um „Karate“ in Brandenburg ihren vorläufigen Höhepunkt: Damals sollte das Insektengift auf mehr als 7.500 Hektar Wald verteilt werden. Die Umweltverbände BUND und Nabu klagten teils erfolgreich dagegen, sodass die nötige mehrfache Befliegung nur bei 900 Hektar erlaubt wurde.

Auch dieses Jahr war ein Gifteinsatz geplant. Im Amtsblatt des Landes war bereits  bis zum 31. Mai ein Betretungsverbot für die betreffenden Wälder verfügt worden. Die Umweltschützer schalteten die Anwälte ein.

Inzwischen ist klar, dass nun kein „Karate“ in Brandenburg eingesetzt wird. „Das ist nicht nötig“, sagt Jan Engel, Sprecher des Landesbetriebs Forst. „Der Befall ist doch weniger stark als befürchtet.“ Die Untersuchungen Anfang des Jahres hätten das Schlimmste befürchten lassen. „Es gab extra noch mal kurzfristig Untersuchungen, um die Sache zeitnah einschätzen zu können.“ Das Ergebnis der Untersuchungen sei klar. „Die Kiefernspinner sind da, sie werden auch fressen und die Bäume schädigen, aber der Fraß wird nicht so stark sein, dass er den Einsatz des Insektizides rechtfertigt.“

Aufseiten der Umweltverbände und Bürgerinitiativen, die vor Ort gegen den Einsatz protestieren, wird vermutet, dass es eine Rolle spielen könnte, dass das Ministerium nicht mehr von der SPD, sondern von einem Grünen geleitet wird. Die Grünen hatten im Vorjahr gegen den „Karate“-Einsatz protestiert.

„Wir freuen uns natürlich, dass das Ministerium die Spritzaktion abgeblasen hat“, sagt der Nabu-Chef Friedhelm Schmitz-Jersch. „Das Ganze wird fachlich begründet. Aber es kann auch vermutet werden, dass es hilfreich ist, dass ein Grüner nun der zuständige Minister ist.“ Es zeige sich ja derzeit auch bei vielen Corona-Fragen, dass es bei fachlichen Fragen immer einen Interpretationsspielraum gebe. Es sei in diesem Jahr schon ein Erfolg gewesen, dass der Einsatz des Gifts nur für ein Zehntel der Vorjahresfläche anvisiert wurde.

In der Auseinandersetzung gibt es klare Frontlinien. Denn bei „Karate“ handelt es sich um ein sogenanntes Totalinsektizid. Das stört viele Umweltverbände. „Es vernichtet neben den Raupen, gegen die es eingesetzt werden soll, auch alle anderen Insekten“, sagt Schmitz-Jersch. Auch die natürlichen Gegenspieler der Schädlinge. „Das ist ein schwerer Schaden für das ökologische Gefüge, denn wenn Insekten fehlen, leiden auch Vögel und Fledermäuse unter Futtermangel.“ Das sei nicht hinnehmbar, denn seit Jahrzehnten sei ein dramatisches Insektensterben zu beobachten. „Deshalb sollten die Wälder nicht zusätzlich vergiftet werden.“ Außerdem würden viele Arten stark in Mitleidenschaft gezogen, wenn sich das Gift in ihren Körpern anreichere.

Das Grundproblem ist, dass in fast 80 Prozent der Brandenburger Wälder Kiefern stehen. Wenn Monokulturen massiv von Schädlingen befallen sind, können ganze Wälder absterben. Einige Umweltschützer würden solche Wälder opfern, damit  im Rahmen des Waldumbaus möglichst schnell widerstandsfähigere Mischwälder gepflanzt werden.

Die Forstverwaltung verweist darauf, dass das Gift nur dann eingesetzt wird, wenn ein Totalverlust der Wälder droht. „Jeder Baum ist wichtig und sollte möglichst erhalten werden“, sagt Jan Engel vom Landesforstbetrieb. „Auch Kiefern, die einige Leute offenbar nicht für wertvoll halten.“ Das Gift helfe, Wälder zu retten.

Das Argument lautet: Der „arme“ Brandenburger Sandboden kann kaum Wasser halten und ist trocken. Damit kommen die Kiefern eigentlich klar. Aber auch sie leiden an den Folgen des Klimawandels. Dazu kamen nun die beiden Dürrejahre 2018 und 2019 – und dazu eben auch noch viele Schädlinge.

Die Forstverwaltung arbeitet seit sehr vielen Jahren am Waldumbau und pflanzt immer mehr Mischwälder. Doch der Umbau dauere Generationen, weil Bäume nun mal langsam wachsen. Deshalb werde in Notfällen auch Gift eingesetzt. „Es ist sinnvoll, wenn man so Bäume retten kann, auch wenn es Kiefern sind. Denn das gibt uns Zeit, neue Bäume zu pflanzen und den Waldumbau voranzubringen“, so Engel.

In diesem milden Winter begann die Neupflanzungen bereits Ende Januar. Es wurden 1,6 Millionen Bäume neu gepflanzt, davon 85 Prozent Laubbäume. „Die warten nun auf Regen“, betont Jan Engel vom Landesforstbetrieb.

Auch in diesem Jahr befürchten die Forstfachleute größere Schäden durch Schädlinge. „Viel Bäume sind nach zwei Dürrejahren abgestorben oder geschädigt“, sagt Engel. Da es nun schon wieder seit Wochen trocken ist, gingen die Wälder gestresst ins Frühjahr. „Viele Insekten merken: Da sind Bäume, die haben uns nicht mehr viel entgegenzusetzen.“