Berlin -  Eine Woche ist es her, seit Notfall- und Intensivmediziner in Deutschland einen Hilfeschrei ausgerufen haben. Seit sie erklärt haben, dass das Gesundheitssystem vor dem Kollaps steht. Dass es brennt. Dass die Covid-19-Patientinnen und Patienten immer jünger werden. Die Betten-Kapazitäten immer geringer. Und geringer. Und geringer. Und die Belastungsgrenzen, auch der Medizinerinnen und Mediziner sowie der Pflegekräfte, schon längst überschritten sind. Seit diesem Tag, vergangenen Freitag, ist rein gar nichts passiert.

Oder, sorry. Es ist was passiert. Der Machtkampf zwischen Armin Laschet und Markus Söder hat die medialen Schlagzeilen gefüllt. Es wurden Dutzende Eilmeldungen über die Chaostage bei CDU und CSU gepusht. Umfragen veröffentlicht, welcher der beiden Politiker weiter vorne liegt und in Meinungsbeiträgen immer wieder auf eine schnelle Einigung der Kanzlerkandidaten-Frage gedrängt.

In dieser einen Woche, wo Bundestagswahlkampf geführt wurde und in einer absurden Parallelwelt Intensivmediziner damit beschäftigt waren, Corona-Patienten von einem Bundesland ins andere zu verlegen, sind in Deutschland 1921 Menschen in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Die Zahl der Covid-Patientinnen und Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen, liegt heute bei 4679.

Unerträgliches Leid, aber in der Ferne

1921 Familien und Freunde konnten sich in dieser kurzen Zeit nicht von ihren Angehörigen verabschieden und müssen für immer mit dem Gedanken leben, dass ihr Angehöriger einsam in einem Krankenhausbett gestorben ist, in einen Plastikbeutel im Sarg liegt. Körper voller Einschnittsstellen. Blutbahnen vollgepumpt mit Arzneimitteln, die in vielen Fällen nicht helfen.

Einige, die diese Zeilen lesen, werden von einer Überdramatisierung sprechen. Dass auf Tränendrüsen gedrückt wird, die Lage doch gar nicht so ernst ist, wie immer behauptet. Hört endlich auf, darüber zu berichten, werden so einige verlangen. Der Alarmismus führe doch nur dazu, dass die Menschen die Lage überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Manche erkennen sogar ein Abflachen der Zahlen.

Menschen neigen dazu, Dinge nicht wahrhaben zu wollen, wenn es ihnen nicht selbst wieder fährt. Es ist sehr einfach, Geschichten oder gar handfeste Tatsachen, die sich irgendwo in irgendeinem Krankenhaus abspielen, wegzudenken. Weil ja nicht der eigenen Papa vom Virus befallen wurde und innerlich erstickt ist. Nicht die eigene beste Freundin. Was Fremde in der Ferne durchmachen müssen, welches unerträgliche Leid herrscht … Tja. Das scheint nicht mal Politikerinnen und Politiker zu interessieren. Geschweige denn so wichtig zu sein, dass sie sofort handeln.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wirbt für die Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes und spricht immer wieder von einer „ernsten Lage“ und „Entschlossenheit“ im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Über die geplante Bundesnotbremse wird der Bundestag wohl erst kommenden Mittwoch entscheiden. Bis sie dann tatsächlich greift, wird es noch mal einige Tage dauern. 

Was muss noch passieren?

Das ist der Plan. Noch mindestens eine Woche ohne einheitlichen harten Lockdown. Eine weitere Woche, wo die Situation, in der wir uns heute schon befinden, weiter eskalieren wird. Intensivmediziner sprechen von Triage. Es werde spätestens nächste Woche tagtäglich um die Frage gehen müssen, welcher Patient – sei es wegen einer schweren Corona-Infektion oder schwersten Verletzungen nach einem Unfall – in welchem Rahmen behandelt wird. Eine weiche Triage herrsche bereits, weil es nicht genug Betten gibt, die intensivmedizinisch ausgestattet sind.

Es ist entsetzlich. Es macht einen fassungslos. Sprachlos. „Breaking News“: darüber gibt es natürlich nichts. Die festgelegte Corona-Notbremse ab Inzidenz 100 in den Regionen, die laut verschiedenen Medienberichten auch nicht konsequent gezogen wird, reicht offenbar auch nicht aus, um die Covid-Lage unter Kontrolle zu bringen. Es wurde geöffnet, um wieder zu schließen. Alles wurde irgendwie ein bisschen ausprobiert, halbherzig, ohne klare Linie. Ein Ende ist nicht in Sicht. Was jetzt! dringend notwendig ist, und so manche leider nicht akzeptieren oder hören wollen, ist ein harter bundesweiter Shutdown von zwei Wochen. Das ist auch der einzige Wunsch der Intensivmediziner. Was muss noch passieren, damit das jeder einzelne von uns begreift?