Berlin/Hongkong - In Berlin hat man sich an die Anwesenheit wilder Tiere mitten in der Großstadt gewöhnt. An der Danziger Straße quert ein Fuchs die Kreuzung, ein Biber nagt einen Baum auf der Museumsinsel an und Waschbären laufen mitten durch das Regierungsviertel: All diese Anblicke und die dazugehörigen Geschichten gehören zum Berliner Leben dazu, und selbst ein Wildschwein, das am Teufelssee einem Badegast den Laptop klaut, kann den Hauptstädter kaum mehr nachhaltig schockieren.

Im fernen Hongkong sieht es nicht anders aus: Die chinesische Sonderverwaltungszone ist vor allem für ihre dicht gedrängt stehenden Wolkenkratzer bekannt. Es gibt aber auch zahlreiche Grünflächen und Parks in der Wirtschaftsmetropole, in denen viele Wildschweine leben. Immer häufiger kommt es deshalb zu Begegnungen zwischen Mensch und Schwein. So wurden die Tiere bereits an vollen Stränden und auf dem Rollfeld des internationalen Flughafens gesichtet, einmal fiel ein Exemplar durch die Decke eines Kinderbekleidungsgeschäfts.

Jetzt hat sich ein Schwarzkittel sogar in die Hongkonger U-Bahn verirrt: Das Jungtier schlüpfte nach Behördenangaben an der Station Quarry Bay unter den Ticketschranken hindurch und bestieg einen Zug. Videoaufnahmen zeigen, wie es durch den Waggon flitzt, während ein Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe erfolglos versucht, das furchtlose Schwein mit einer blauen Plane einzufangen. Etliche Fahrgäste zückten ihre Telefone und nahmen das ungewöhnliche Schauspiel auf. Ein paar Haltestellen später stieg das Wildschwein aus – und nahm eine zweite U-Bahn in Richtung Victoria Harbour.

Der Zug wurde schließlich in ein Depot umgeleitet, wo Mitarbeiter der Behörde für Landwirtschaft, Fischerei und Umweltschutz den tierischen Passagier einfingen und wieder in die Freiheit entließen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Von Wohnsiedlungen über Einkaufszentren bis hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln wurden in den letzten Jahren vermehrt Wildschweine in der 7,5-Millionen-Einwohner-Stadt gesichtet. Laut Regierung sind die Tiere zwar insbesondere auf dem Land verbreitet, in Lebensräumen wie Wäldern, Wiesen und landwirtschaftlichen Flächen. Einige Wildschweine dringen auf der Suche nach Nahrung aber auch in Dörfer und städtische Gebiete ein und verursachen dort Störungen und Schäden. Jedes Jahr gehen Hunderte Anrufe bei den Behörden ein, es wurden auch Verletzungen gemeldet, normalerweise in Fällen, in denen Menschen versuchten, einen Eber zu fangen oder aus einem Gebäude zu scheuchen. Im Jahr 2019 hatten die Sichtungen von Wildschweinen im Vergleich zu vor fünf Jahren um 400 Prozent zugenommen.

Sus scrofa ist prinzipiell in ganz Eurasien sowie in Japan und in Teilen der südasiatischen Inselwelt in etwa 20 Unterarten verbreitet. Die Paarhufer sind in der Lage, sich unterschiedlichsten Lebensräumen anzupassen. Direkte Angriffe von Wildschweinen auf Menschen sind selten, da die Tiere aber einen robusten Umgang miteinander pflegen, können sie selbst ohne aggressive Absichten Menschen versehentlich schwer verletzen.