Blutdruck messen.
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BerlinDie Spekulation hatte einen guten Grund: Das neuartige Coronavirus nutzt bei den Zellen des Menschen genau jene Proteine als Eintrittspforte, die durch einige Bluthochdruckmittel vermutlich besonders reichlich vorhanden sind. Deshalb befürchteten Experten, dass Patienten, die diese Arzneien nehmen, in Zeiten der Pandemie womöglich gefährdeter sind.

Erste große Studien zu dieser Frage kommen nun jedoch zu eher beruhigenden Ergebnissen. Drei im Fachjournal New England Journal of Medicine erschienene Analysen zeigen, dass Bluthochdruckmittel wie ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) Patienten nicht zusätzlich in Gefahr bringen.

ACE2 heißt das Protein, ein Enzym, an das sich Sars-CoV-2 bindet, um in die Zellen des Menschen zu gelangen. Es befindet sich an der Oberfläche der Zellen, die die Atemwege auskleiden. ACE2 kommt aber zum Beispiel auch in den Blutgefäßen vor. Tierexperimentelle Untersuchungen hatten gezeigt, dass gängige blutdrucksenkende Medikamente Körperzellen offenbar dazu anregen, mehr von dem Enzym zu bilden. Daher stand die Vermutung im Raum, dass Patienten, die diese Medikamente einnehmen, womöglich anfälliger für eine Corona-Infektion sind - oder dass die Erkrankung bei ihnen schlimmer verläuft.

In den Studien, in denen Krankheitsverläufe von mehreren Tausend Patienten beobachtet und analysiert wurden, ergaben sich nun jedoch keine Hinweise darauf. „Mittlerweile ist die Datenlage als sehr solide einzustufen. Bluthochdruckpatienten können ihre Therapie bedenkenlos fortsetzen“, konstatiert die Deutsche Hochdruckliga.

In einer der drei Studien analysierten die Forscher Risikofaktoren für eine höhere Sterblichkeit von Covid-19-Erkrankungen. Das Team um Mandeep Mehra vom Brigham and Women’s Hospital im US-amerikanischen Boston wertete Daten von knapp 9000 Patienten aus Asien, Europa und Nordamerika aus, von denen 515 im Krankenhaus gestorben waren. Ein Resultat der Studie: Die Einnahme von ACE-Hemmern war nicht mit einer höheren Sterblichkeitsrate verbunden.

In der zweiten jetzt erschienenen Studie wurde die Daten von fast 6300 Covid-19-Patienten aus der Lombardei mit denen von einer Kontrollgruppe von über 30.000 Personen verglichen, um herauszufinden, ob Blutdrucksenker das Risiko für eine Infektion mit Sars-Cov-2 erhöhen. Wie die Ärzte um den Italiener Giuseppe Mancia von der Universität Mailand berichten, nahmen in der Gruppe der Infizierten zwar mehr Patienten Blutdrucksenker ein, weil sie häufiger unter kardiovaskulären Erkrankungen litten. Die Einnahme von Blutdruckmedikamenten erwies sich aber nicht als eigenständiger Risikofaktor für eine Infektion.

Die dritte Studie beruft sich auf Daten von mehr als 12.000 Patienten aus New York. Das Team um Harmony Reynolds von der New York University Grossman School of Medicine testete die Probanden auf Sars-Cov-2 und analysierte, inwieweit Blutdruckmedikamente das Covid-19-Risiko beeinflussten. Dabei zeigte sich, dass sowohl ACE-Hemmer als auch ARB weder die Wahrscheinlichkeit eines positiven Corona-Tests noch das Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf erhöhen. 

„Diese drei Studien untermauern die bisherige Datenlage, dass Blutdruckmedikamente im Hinblick auf Sars-Cov-2 sicher sind und Blutdruckpatientinnen und -patienten in der aktuellen Pandemiesituation nicht gefährden“, erläutert Ulrich Wenzel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Es handele sich zwar um Observationsstudien – aber um drei große und alle drei lieferten konsistente Ergebnisse.

Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommt auch der Autor eines begleitenden Editorials in der gleichen Ausgabe des New England Journal of Medicine. Doch er betont auch, dass nur eine randomisierte Studie die Unsicherheiten bezüglich Blutdrucksenkern und Covid-19 abschließend ausräumen kann.