Berlin - Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat grünes Licht für Astrazeneca-Impfungen gegeben. Es müssten aber auf den Beipackzetteln auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen werden. Darunter zählt auch das Auftreten von seltenen Thrombosen in Hirnvenen. Das teilte die EMA am Donnerstag in Amsterdam nach einer Sondersitzung des Sicherheitsausschusses mit. 

Die EMA sieht aber keine erhöhten Gesundheitsgefahren und empfiehlt die Fortsetzung der Impfungen. „Der Impfstoff ist sicher und effektiv gegen Covid-19 und die Vorteile sind wesentlich größer als die Risiken“, sagte EMA-Chefin Emer Cooke. Am Abend genehmigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Fortsetzung der Astrazeneca-Impfungen - und zwar schon ab Freitag.  

Was bedeutet die Entscheidung für das Impfen in Berlin?

Das Land Berlin wird bereits am Freitag den Impfbetrieb in den Impfzentren Tegel und Tempelhof wieder aufnehmen, teilte die Senatsverwaltung mit. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD): „Ich rufe alle, die eine Einladung zur Impfung erhalten haben auf, die Chance zum Impfen zu ergreifen. Alle, die berechtigt sind, eine Impfung zu erhalten, werden ausdrücklich über mögliche Risiken aufgeklärt.“ In den Impfzentren sind die Mitarbeiter vorbereitet. „Das Personal steht ab Freitag bereit“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Impfzentren Berlin. Die vor dem Impf-Stopp vergebenen Freitag-Termine könnten daher stattfinden. Ebenso die am Wochenende. 

Wie will Berlin den Neustart organisieren? 

Die in der Zukunft liegenden Termine, die am Montag (15.März) abgesagt wurden, werden wieder eingesetzt, hieß es. Dazu werden die Impfberechtigten per Mail und SMS kontaktiert, soweit die Kontaktdaten hinterlegt sind. Auch wenn sie keine Nachricht erhalten, können sie ohne Kontakt zur Hotline direkt zum ursprünglichen vereinbarten Termin im Impfzentrum Tegel oder Tempelhof erscheinen. Impfberechtigte, deren Termin durch den Impfstopp zwischen Montagnachmittag und Donnerstag nicht zustande gekommen ist, können diesen Samstag und Sonntag ohne Termin direkt zu den Öffnungszeiten in das ursprünglich für sie gebuchte Impfzentrum Tegel (9-18 Uhr) oder Tempelhof (14-18 Uhr) kommen. Oder sie können stattdessen ihren ausgefallenen Termin auch ganztägig an einem beliebigen Werktag der kommenden Woche nachholen, indem sie sich bei der Impfhotline melden und einen Termin vereinbaren. Wegen des Impfstopps waren in Berlin von Dienstag bis Donnerstag rund 6000 Erstimpf-Termine in Tegel und Tempelhof gestrichen worden.

Wie viel Astrazeneca ist derzeit in Berlin vorhanden? 

Das Pharmaunternehmen hat nach eigenen Angaben bis Montag 153.600 Dosen an das Land Berlin geliefert, in den kommenden drei Wochen sollten noch einmal gut 90.000 Dosen hinzukommen. 

Warum hat die EMA überhaupt den Impfstoff erneut bewertet?

Um den Corona-Impfstoff von Astrazeneca ploppten immer wieder Meldungen zu gefährlichen Nebenwirkungen auf. Zuletzt wurde das Vakzin in Zusammenhang mit besonders schweren Thromboembolien in der Hirnvene, sogenannte Sinusvenenthrombosen, in Zusammenhang gebracht. Bis zum vergangenen Mittwoch wurden der EMA aus den EU-Ländern 30 dieser Thrombosen bei insgesamt fünf Millionen Geimpften gemeldet.

Einige Länder, darunter Dänemark, Spanien, Lettland und Litauen, stoppten die Impfungen mit dem Mittel von Astrazeneca. Nachdem auch das in Deutschland für die Impfstoff-Sicherheit zuständige Paul-Ehrlich-Institut einen Stopp der Impfungen empfohlen hatte, wurde Astrazeneca seit Montag auch hierzulande nicht mehr verimpft.

Was sind Sinusvenenthrombosen?

Bei Sinusvenenthrombosen wird durch Blutgerinnsel der Blutfluss in bestimmten Venen im Gehirn gestoppt. Die Ursachen sind meist hormonelle Schwankungen, aber es gibt auch septische Sinusvenenthrombosen durch bakterielle oder virale Infektionen. Ein zentrales Symptom sind lang anhaltende Kopfschmerzen. Erkrankte können auch epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen erleiden.

Sinusvenenthrombosen treten in der allgemeinen Bevölkerung etwa einmal pro 100.000 Einwohner und Jahr auf. Frauen sind mehr betroffen als Männer.

Thrombose – Gefährliche Blutgerinnsel

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß oder im Herzen. Dadurch wird der Blutfluss behindert. Oftmals sind dabei die Beinvenen betroffen.

Risikofaktoren sind beispielsweise eine vorangegangene Operation. Aber auch Entzündungen, Krampfadern und Nierenleiden können die Gefahr erhöhen. Auch einige Medikamente weisen ein höheres Thrombose-Risiko auf. Allgemein bekannt ist dies von der Antibabypille.

Symptome: Verschließt ein Blutgerinnsel eine Beinvene, kann sich das beim Aufstehen durch einen stechenden Schmerz in der Wade äußern. Weitere Anzeichen können eine Schwellung und bläuliche Verfärbung der Haut sein. Diese Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten, schon bei einem davon sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Was ist über die aufgetretenen Fälle bekannt?

In Deutschland sind inzwischen 13 Fälle solcher Blutgerinnsel in Hirnvenen bei insgesamt 1,65 Millionen Geimpften bekannt geworden, wie das Bundesgesundheitsministerium in Berlin mitteilte. Es handelt sich um zwölf Frauen und einen Mann im Alter zwischen 20 und 63 Jahren.

Am Donnerstag hat die EMA bekräftigt, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass die Vorfälle durch die Impfung verursacht wurden. Die Prüfungen und Studien dazu würden aber weiter fortgesetzt. Was die möglichen Ursachen der Fälle sein könnten, ist nicht bekannt. Auch ob eventuell Frauen, die hormonelle Verhütungsmittel nehmen und mit dem Astrazeneca-Mittel geimpft werden, ein erhöhtes Risiko für das Auftreten solcher Thrombosen haben, ist noch unklar.

Wie geht es nach der Entscheidung der EMA weiter?

Deutschland richtet sich jetzt nach der Empfehlung der EMA. Für Freitag ist dafür eine Telefonschalte zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Länderchefs anberaumt. Eventuell wird dabei auch geklärt, wann Hausärzte in die Impfkampagne einsteigen können.

Was sollen diejenigen machen, die schon eine Astrazeneca-Impfung haben?

Wer bis 14 Tage nach der ersten Dosis anhaltende Kopfschmerzen oder Hautblutungen hat, sollte sich umgehend bei einem Arzt melden. Diese Nebenwirkungen treten in Zusammenhang mit einer Sinusvenenthrombose auf.

Die gute Nachricht für alle bereits Geimpften ist, dass sie schon einen Impfschutz entwickelt haben. Zwar in einer etwas abgeschwächteren Form, als es nach der zweiten Dosis möglich ist, aber sie sind schon vor einem schweren Verlauf einer Covid-19-Infektion geschützt. Das geht unter anderem aus Daten einer schottischen Studie hervor, die im Februar in der Fachzeitschrift The Lancet vorgestellt wurde. Demnach sank das Risiko einer Krankenhauseinweisung vier Wochen nach der ersten Dosis um bis zu 94 Prozent.

Unklar ist, wie lange dieser erste Impfschutz anhält. Dazu gibt es noch keine validen Daten. Stefan Kaufmann, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Mindestens sechs Monate sollte der nach der ersten Impfung aufgebaute Schutz halten.“

Wie lange kann die zweite Impfung warten?

Die zweite Impfung kann bis zu zwölf Wochen nach der ersten erfolgen. Der Impfschutz erhöht sich sogar, wenn der Abstand zwischen den beiden Dosen länger ist. Das haben Studien zum Astrazeneca-Vakzin ergeben. Personen, die erst kürzlich geimpft wurden, haben also noch ein wenig Zeit.

Wenn ich Astrazeneca nicht mehr geimpft bekommen möchte, ist ein Mix der Impfstoffe möglich?

Aus medizinischer Sicht ist es möglich, dem Körper verschiedene Impfstoffe zu spritzen. Einem Vektorimpfstoff wie dem von Astrazeneca könne ein RNA-Vakzin folgen, sagt die Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover gegenüber der Berliner Zeitung. Derartige Kombinationen werden bereits in England erprobt.

Allerdings ist noch nicht sicher, welche Auswirkungen ein solcher Mix auf die Wirksamkeit der Impfstoffe hat. Das Robert Koch-Institut empfiehlt daher, bei beiden Impfungen dasselbe Präparat zu benutzen: „Eine begonnene Impfserie muss nach aktuellem Kenntnisstand mit dem gleichen Produkt abgeschlossen werden, auch wenn zwischenzeitlich andere Impfstoffe zugelassen wurden.“