Amsterdam - Der Covid-19-Impfstoff AZD1222 des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca – neuerdings Vaxzevria genannt – steht seit einigen Tagen erneut im Fokus der EMA. Am Donnerstag teilte die Europäische Arzneimittel-Agentur mit, „dass ungewöhnliche Blutgerinnsel mit niedrigen Blutplättchen als sehr seltene Nebenwirkungen von Vaxzevria aufgeführt werden sollten“. Zu diesem Schluss ist der Sicherheitsausschuss PRAC gekommen.

Da die Fälle von Hirnvenenthrombosen nur sehr selten auftreten, empfiehlt die EU-Arzneimittelbehörde die Anwendung des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca uneingeschränkt für alle Menschen ab 18 Jahren weiter. „Covid-19 ist eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung. Jeder Impfstoff, den wir einsetzen können, ist wichtig“, sagte EMA-Chefin Emer Cooke während einer Pressekonferenz am Donnerstag in Amsterdam. Der Nutzen des Wirkstoffes sei höher zu bewerten als die Risiken.

Bislang seien die meisten der gemeldeten Fälle bei Frauen unter 60 Jahren innerhalb von zwei Wochen nach der Impfung aufgetreten. Insgesamt seien der EU-Datenbank für Arzneimittelsicherheit bis zum 22. März 62 Fälle von zerebraler Venensinusthrombose und 24 Fällen von Splanchnikusvenenthrombose gemeldet worden, von denen 18 tödlich verliefen. 

Über mögliche Ursachen, warum nach der Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca Thrombosen auftreten können, ist noch nichts bekannt. Möglich sei eine Immunantwort des Körpers auf den Impfstoff, sagte EMA-Chefin Cooke. Spezifische Risikofaktoren wie etwa Alter, Geschlecht oder Vorerkrankungen seien nicht festgestellt worden. Die EMA empfiehlt allen, die nach der Impfung mögliche Symptome entwickeln, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Symptome für Thrombosen können sein:

  • starke, anhaltende Kopfschmerzen, die ab dem vierten Tag nach der Impfung auftreten
  • Kurzatmigkeit
  • Schmerzen in der Brust
  • Schwellung im Bein
  • anhaltende Bauchschmerzen
  • neurologische Symptome, möglich sind Seh- oder Sprachstörungen, taube Arme oder Beine
  • kleine Blutflecken unter der Haut jenseits der Injektionsstelle

Immunreaktion des Körpers mögliche Ursache für Thrombosen

Nach dem Auftreten der ersten Fälle von seltenen Hirnvenenthrombosen in Deutschland hatte der Greifswalder Forscher Andreas Greinacher zusammen mit internationalen Wissenschaftlern eine Theorie für deren Ursache aufgestellt. Die Ergebnisse beruhten auf Blutproben einiger betroffener Patienten. Der Hypothese nach wird durch die Impfung eine Immunreaktion des Körpers ausgelöst: Es bilden sich durch die Impfung bestimmte Antikörper, die die Blutplättchen aktivieren und verklumpen lassen. Dadurch können Blutgerinnsel entstehen.

Unabhängige Fachleute schätzten diese Hypothese als plausibel ein, allerdings basierten die ersten Untersuchungen noch auf sehr wenigen Fällen. Ob die Impfung die sehr selten aufgetretenen Thrombosen über den beschriebenen Mechanismus verursacht, ist noch nicht abschließend geklärt.

Unklar ist, was für Folgen die EMA-Entscheidung nun für die Impfungen in den EU-Ländern haben wird. In Deutschland hatten Bund und Länder Ende März nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) beschlossen, Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahre einzusetzen. Zuvor hatte es eine mehrtägige Impfpause gegeben. Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach Überprüfungen dann wieder angelaufen. Das Paul-Ehrlich-Institut berichtete zuletzt am 29. März über insgesamt 31 Fälle von Sinusthrombosen in Deutschland, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind.

Auch die britische Arzneimittelbehörde untersucht Fälle von Hirnthrombosen nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Präparat, wie die Medicines and Healthcare Regulatory Agency (MHRA) am Dienstag mitteilte. Zuvor hatte es einen Medienbericht gegeben, wonach die Behörde erwägt, das Präparat nicht mehr für unter 30-Jährige zu empfehlen. MHRA-Chefin June Raine betonte jedoch, eine regulatorische Entscheidung sei noch nicht gefallen. (mit dpa)