Experten warnen: Asthmasprays jetzt nicht eigenmächtig absetzen.
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BerlinDie Appelle der Experten sind eindringlich: Man möge nicht nur ältere Menschen besonders gut schützen, sondern auch solche mit Vorerkrankungen. Denn auch sie haben ein erhöhtes Risiko, bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 schwer an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben.

Das allerdings gilt nicht pauschal für alle chronisch kranken Patienten. Nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts sind insbesondere Menschen, die an Störungen des Immunsystems, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schädigungen der Lunge, der Leber oder der Niere oder aber an Krebs leiden, besonders gefährdet. „Auch innerhalb dieser Gruppen kann man jedoch nicht alle Patienten über einen Kamm scheren“, sagt Carmen Scheibenbogen, die stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie der Berliner Charité am Campus Virchow Klinikum.

Deutlich wird das unter anderem am Beispiel Diabetes. „Patienten mit einem gut, also nahe der Norm eingestellten Blutzuckerspiegel haben ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 als Menschen, deren Zuckerwerte chronisch erhöht sind“, sagt Baptist Gallwitz, der stellvertretende Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen und Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Das gelte sowohl für Patienten mit Typ-1-Diabetes als auch für solche mit Typ 2, dem Altersdiabetes. Auch das Fehlen von Begleiterkrankungen senke das Risiko für Komplikationen einer Corona-Infektion, sagt Gallwitz.

Arzneien nicht eigenmächtig absetzen

Unterschiedlich sind natürlich auch die Gründe, aus denen Patienten mit Vorerkrankungen besonders gefährdet sind. „Immungeschwächte Menschen sind generell anfälliger für Infektionserkrankungen“, sagt die Berliner Medizinerin Scheibenbogen. „Viele Patienten produzieren weniger Antikörper gegen Krankheitserreger, bei anderen arbeitet die zelluläre Abwehr, über die infizierte Körperzellen eliminiert werden, weniger gut.“ Dabei spiele es keine Rolle, ob die Patienten an einem primären Immundefekt leiden oder ob ihr Immunsystem aufgrund anderer Erkrankungen oder infolge von Medikamenten, die sie einnehmen müssen, nicht so gut arbeitet wie bei gesunden Menschen.

Ein verbreitetes Beispiel für ein Medikament, das die Körperabwehr drosselt, ist Cortison, das unter anderem von vielen Asthma-Patienten verwendet wird. Einig sind sich alle Experten allerdings darin, dass kein Patient irgendeine Arznei eigenmächtig absetzen sollte, um sich besser vor Corona zu schützen. Die Gefahr, dass sich Asthma dadurch in bedrohlicher Weise verschlechtere, sei für den einzelnen Patienten wesentlich höher als das mögliche, bisher nicht bewiesene Risiko, eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu fördern, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Eine erfolgreiche Inhalationstherapie solle daher auch und gerade in der jetzigen Situation unverändert fortgesetzt werden.

Die wichtigsten Regeln

Abstand: Patienten mit Vorerkrankungen sollten sich besonders gut vor einer Ansteckung mit Coronaviren schützen. Vor allem für sie ist es jetzt wichtig, die empfohlenen Hygieneregeln einzuhalten und Abstand zu anderen Menschen zu wahren. Wenn möglich, sollten Familienmitglieder oder Nachbarn den Einkauf und andere Besorgungen für sie vornehmen. Arztbesuche sollten nur nach telefonischer Absprache erfolgen.

Symptome einer möglichen Corona-Infektion wie trockener Husten oder Fieber müssen bei Menschen, die zu den Risikogruppen gehören, unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Auch und gerade in dieser Situation ist allerdings zuvor ein Anruf in der Praxis unabdingbar, um die Mitarbeiter und andere Patienten nicht zu gefährden.

In die Klinik: Ein vorübergehender Aufenthalt im Krankenhaus, sofern die Kapazitäten dafür vorhanden sind, ist bei einer nachgewiesenen Corona-Infektion für chronisch erkrankte Patienten in vielen Fällen ratsam. In der Klinik lässt sich zum einen die Grunderkrankung bestmöglich behandeln und zum anderen können die Ärzte rasch einschreiten, falls es beispielsweise zu Komplikationen mit der Lunge und der Atmung kommt.

Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen ebenfalls nicht allesamt zu den Risikogruppen. „Daten aus China und inzwischen auch aus Italien deuten darauf hin, dass insbesondere Menschen mit Bluthochdruck für einen schweren Verlauf der Corona-Erkrankung besonders gefährdet sind“, sagt Andreas Zeiher, der Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). An Koronarer Herzkrankheit (KHK), einer Verengung der Herzkranzgefäße, hätten hingegen in China nur sechs Prozent der schwer an Covid-19 erkrankten Patienten gelitten.

„Da in Deutschland KHK allerdings zu 45 Prozent mit Diabetes und fast zu 70 Prozent mit Bluthochdruck einhergehen, erwarten wir hierzulande bei den schweren Corona-Verläufen eine höhere Rate an KHK-Patienten“, sagt Zeiher. Die Ursachen für diese Zusammenhänge seien noch nicht ganz klar. „Vermutlich liegt es aber auch daran, dass Patienten mit KHK, Diabetes und Bluthochdruck meist zu den älteren Menschen gehören, deren Risiko ja ohnehin erhöht ist“, spekuliert Zeiher. „Zudem finden sich unter den KHK-Patienten und den Hypertonikern, also Patienten mit Bluthochdruck, vermehrt Raucher und Menschen mit Lungenerkrankungen“, sagt der Kardiologe. Beides seien weitere wichtige Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von Covid-19.

Einfluss von Blutdrucksenkern noch unklar

Ob die Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten wie ACE-Hemmern und Sartanen das Risiko einer Corona-Infektion erhöht und sie sich zudem negativ auf den Verlauf der Erkrankung auswirkt, wie es zuletzt im medizinischen Fachblatt Lancet zu lesen war, ist Zeiher und der DGK zufolge bislang nicht bewiesen. „Alle Spekulationen beruhen auf tierexperimentellen Daten oder Experimenten in Zellmodellen“, heißt es in einer Stellungnahme der Fachgesellschaft. Man werde dem Thema zwar weiter nachgehen, sagt Zeiher. „Derzeit gibt es aber keinen Grund, diese bewiesenermaßen lebensrettenden Medikamente bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder Hypertonie abzusetzen“, betont der Kardiologe. Auch eine Umstellung auf andere Wirkstoffe sei momentan nicht angebracht.

Allerdings befürchtet Zeiher gerade bei Patienten mit verengten Herzkranzgefäßen, dass eine Infektion mit Coronaviren bei ihnen vermehrt akute Koronarsyndrome, also lebensbedrohliche Durchblutungsstörungen des Herzens, hervorrufen könnte. „Wir wissen schon lange, dass Infekte der Atemwege diesen Effekt haben, vermutlich weil sich die Gefäßwände dabei vermehrt entzünden“, erklärt der Mediziner. Deshalb empfehle man KHK-Patienten auch, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Solange es gegen Coronaviren keinen Impfstoff gebe, sei bei Patienten mit bekannter KHK daher besondere Aufmerksamkeit geboten, sagt Zeiher.

Generell sollten Ärzte und natürlich auch die Patienten selbst die Behandlung der Grunderkrankung derzeit besonders ernst nehmen. „Wenn der Blutdruck oder auch der Blutzucker gut eingestellt sind, verringert sich das Risiko eines schweren Verlaufs der Corona-Infektion allein dadurch“, sagt die Charité-Medizinerin Scheibenbogen. „Auf keinen Fall sollte man als Patient jetzt – unabhängig von der Art der Erkrankung – eigenmächtig Medikamente absetzen, wechseln oder höher dosieren“, betont auch die Immunologin noch einmal. Gerade in der momentanen Situation sei es wichtig, sich an die ärztlich verordnete Medikation und an empfohlene Begleitmaßnahmen wie beispielsweise Diätpläne oder Atemtherapien zu halten – und darüber hinaus den Impfschutz ernst zu nehmen, sagt sie.

Zur Not in häusliche Isolation begeben

Speziell für Diabetes-Patienten hält der DDG-Sprecher Baptist Gallwitz noch weitere Ratschläge bereit. „Sämtliche Infektionen erhöhen das Risiko, dass sich die Stoffwechsellage verschlechtert“, sagt er. In solchen Fällen müsse man mit einer Anpassung der Therapie rasch gegensteuern. „Gut geschulte Patienten können das selbst tun, alle anderen sollten sich – am besten telefonisch – mit ihrem Arzt besprechen“, sagt Gallwitz. Und selbst in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen sollten gerade Diabetiker darauf achten, sich ausreichend zu bewegen. „Körperliche Aktivität hilft, den Stoffwechsel im Normbereich zu halten, und schützt so gerade Diabetiker indirekt vor Infektionen“, sagt der Mediziner.

Auch Krebspatienten, vor allem solche mit einem geschwächten Immunsystem, sollten sich zurzeit besonders gut vor einer möglichen Ansteckung mit Sars-CoV-2 abschirmen – zur Not durch eine selbst gewählte häusliche Isolation. „Zu den gefährdeten Gruppen zählen insbesondere Patienten mit Krebserkrankungen des Blutes, des Knochenmarks und des Lymphsystems“, sagt die Fachärztin für Hämatologie und Onkologie, Scheibenbogen.

Wichtige Therapien wenn möglich nicht verschieben

Auch Patienten mit einer verminderten Zahl weißer Blutkörperchen oder niedrigen Immunglobulin-Werten müssten sich derzeit besonders in Acht nehmen. Stammzelltransplantationen und andere zelluläre Krebstherapien führen der Expertin zufolge ebenfalls zu einem erhöhten Risiko coronabedingter Komplikationen.

Wichtige Therapien sollten in der Regel dennoch nicht verschoben oder unterbrochen werden. „Bei den meisten akut an Krebs erkrankten Patienten ist der Nutzen einer sinnvollen und geplanten Therapie größer als das Risiko einer möglichen Infektion mit Coronaviren“, sagt Scheibenbogen. Das habe auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie gerade noch einmal in einer Stellungnahme bestätigt.

Lediglich bei Patienten mit einer chronischen und gut unter Kontrolle gehaltenen Krebserkrankung könne man im Einzelfall darüber nachdenken, eine geplante Therapie um ein paar Wochen oder Monate zu verschieben. Spätestens dann, so hoffen die Experten, ist zumindest die erste Corona-Welle vorbeigezogen.