Berlin - Erste Dosis Astrazeneca, zweite Dosis Biontech oder Moderna, unabhängig vom Alter: Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat wegen der schnellen Ausbreitung der Delta-Mutante in Deutschland ihre Corona-Impfempfehlung angepasst. Die Expertinnen und Experten begründen diesen „Mix-and-Match“-Ansatz von Vektor- und mRNA-Impfstoff damit, dass die Immunantwort nach dem Verabreichen von zwei verschiedenen Präparaten der Immunantwort nach zwei Dosen Astrazeneca „deutlich überlegen“ sei. Fachleute sprechen von einer Kreuzimpfung oder einem heterologen Impfschema, das in Deutschland zunächst für Menschen unter 60 Jahren empfohlen wurde. Der Hintergrund sind sehr seltene Fälle von Hirnvenenthrombosen, die vor allem bei noch jüngeren Menschen auftreten können. Seit dem 1. Juli 2021 gilt die Empfehlung für die Vektor-mRNA-Kombi-Impfung mit einem Mindestabstand von vier Wochen für alle Altersgruppen.

Die Wirksamkeit einer heterologen Impfung wurde in den Zulassungsstudien zu den Corona-Impfstoffen nicht untersucht, so dass derzeit streng genommen eine Evidenzlücke besteht, schrieb das Ärzteblatt kürzlich. Über den „Mix-and-Match“-Ansatz gibt es tatsächlich noch keine verlässlichen Erkenntnisse – doch immer mehr Zwischenergebnisse deuten darauf hin, dass eine Kreuzimpfung sicher und vor allem effektiv ist.

Eine gemeinsame Analyse der Universität und des Universitätsklinikums des Saarlandes mit 250 Studienteilnehmern hat ergeben, dass eine kombinierte Astrazeneca-Biontech-Impfung ebenso wie eine zweifache Biontech-Impfung eine wesentlich höhere Wirksamkeit zeigt als eine zweifache Astrazeneca-Impfung. „So konnten bei den beiden erstgenannten Varianten etwa zehnmal mehr Antikörper im Blut nachgewiesen werden“, heißt es in einer Mitteilung. Bei den neutralisierenden Antikörpern zeigte die kombinierte Impfstrategie noch leicht bessere Ergebnisse als eine zweifache Biontech-Impfung. Diese geben Auskunft darüber, wie gut die Antikörper das Virus davon abhalten, in die Zellen einzudringen.

Auch bei der Bildung der T-Killerzellen, die besonders wichtig sind, um schwerwiegende Verläufe einer Covid19-Erkrankung zu verhindern, führte die heterologe Impfung zur stärksten Reaktion. „Hier zeigt sich recht markant, dass die zweifache Astrazeneca-Impfung die Immunabwehr weniger mobilisieren kann als die beiden anderen Varianten“, sagte Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes. Das bedeute nicht, dass viele der so geimpften Personen keinen ausreichenden Impfschutz aufweisen, denn die Zulassungsstudie und der Erfolg der Impfkampagnen in vielen Ländern zeigen eine hohe Effektivität der Astrazeneca-Vakzine. „Mit einer zweiten Dosis kann jedoch nicht mehr das volle Potential ausgeschöpft werden, das eigentlich in diesem Impfstoff liegt“, so  die Immunologin weiter. Die Studie wurde noch nicht begutachtet. 

Kombi-Impfung: 9,2-fach mehr Antikörper

Eine spanische Preprint-Studie mit 663 Probandinnen und Probanden zwischen 18 und 60 Jahren scheint das zu bestätigen: Teilnehmer, die acht bis 12 Wochen nach ihrer Erstimpfung mit Astrazeneca das Mittel von Biontech verabreicht bekommen haben, zeigten eine anhaltende Immunantwort, weit über zwei Wochen nach der Zweitimpfung hinaus. Allerdings geben die Forschenden selbst zu bedenken, dass es keine Kontrollgruppe gab, die statt der zweiten mRNA-Dosis eine zweite Astrazeneca-Dosis bekommen hat. Ein Direktvergleich der Immunantworten ist deshalb nicht möglich.

Forschende der Berliner Charité beschreiben in ihrer ebenfalls noch nicht begutachteten Analyse mit 340 Teilnehmern eine gute Verträglichkeit und teilweise eine höhere Wirksamkeit bei der Kombination von Vektor- und mRNA-Impfstoff in einem Abstand von zehn bis zwölf Wochen. Sie rufe eine vergleichbare Immunantwort wie eine Impfserie mit zweimal Biontech hervor, schrieb Charité-Wissenschaftler und Seniorautor Leif Erik Sander auf Twitter. „Aber einschränkend muss man auch sagen, dass es noch keine guten Daten zur Immunogenität der heterologen Impfung bei alten Menschen gibt“, fügte er später hinzu. 

Die Effektivität einer heterologen Impfung wird derzeit auch in der groß angelegten, britischen Com-COV-Studie der Universität Oxford untersucht. Die ersten Ergebnisse zur Immunität von 463 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die in einem Abstand von vier Wochen geimpft wurden, liegen bereits vor. Demnach erreichten Probanden, die zuerst mit Astrazeneca und dann mit Biontech gepiekst wurden, das 9,2-fache mehr an Antikörpern als nach einer abgeschlossen Astrazeneca-Impfreihe. Wer zwei Mal mit Astrazeneca geimpft wurde, so fasst es das Ärzteblatt zusammen, bildete im Vergleich zu einer Impfreihe mit Biontech zehnfach weniger Antikörper. 

Nebenwirkungen bei Kreuzimpfung wohl häufiger

Die Studienergebnissen zeigen auch, dass nach zwei unterschiedlichen Präparaten häufiger milde und moderate Impfreaktionen auftreten als beim Abschluss der Impfserie mit demselben Impfstoff. So meldeten 37 von 110 Probandinnen und Probanden, die als Erstimpfung Astrazeneca und als Zweitimpfung Biontech verabreicht bekommen hatten, Fieber. Zum Vergleich: Wenn beide Male Astrazeneca geimpft wurde, wurde lediglich bei elf von 112 Teilnehmern Fieber festgestellt, bei einer abgeschlossenen Impfreihe mit Biontech waren es 24 von 112 Probanden. Ähnliches konnte bei Schüttelfrost, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Unwohlsein und Muskelschmerzen beobachtet werden. „Die Daten deuten darauf hin, dass ein heterologes Impfschema einige kurzfristige Nachteile haben könnte“, schreiben die Forschenden. Die Nebenwirkungen seien jedoch schnell abgeklungen. „Eine routinemäßige, prophylaktische Anwendung von Paracetamol nach der Impfung könnte dazu beitragen, die Symptome zu mildern.“

Mit der neuen Impfempfehlung wirft die STIKO auch bei den vollständig Geimpften Fragen auf. „Viele Bürger, die bereits zweimal mit Astrazeneca geimpft worden sind, fühlen sich jetzt als Patienten zweiter Klasse und befürchten, gegen die Delta-Mutante nicht ausreichend geschützt zu sein. Darunter sind vor allem Angehörige der Risikogruppen, die jetzt wissen wollen, ob eine Drittimpfung mit einem mRNA-Impfstoff sinnvoll ist, und wann sie diese erhalten“, gab Markus Beier, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, in einer Mitteilung zu bedenken. Die STIKO teilte unterdessen mit, sie werde sich dazu äußern, sobald entsprechende Evidenz vorliegt.