Berlin - Ein Februartag im Süden Australiens auf Kangaroo Island: Wissenschaftlerin Daniella Teixeira beobachtet hier seit vier Jahren in einem Waldgebiet die Braunkopfkakadus. „Normalerweise ist zu dieser Zeit richtig was los, denn die Küken wären auf der Welt“, sagt die Wissenschaftlerin. Doch an diesem Tag ist es still. Kilometerweit sieht man nur eine karge Landschaft, verkohlte Bäume: die Folgen der verheerenden Waldbrände in Australien von 2020. Fast 20 Millionen Hektar Land verbrannten.

Drei Milliarden Tiere sollen laut Wissenschaftlern bei den Waldbränden in Australien getötet oder vertrieben worden sein. „Es bricht mir das Herz. Es ist ein Albtraum, es so zu sehen,“ sagt Teixeira, während sie fassungslos auf die verkohlte Landschaft blickt. Das Schicksal der Braunkopfkakadus auf Kangaroo Island ist eine von vielen Szenen aus der neuen Netflix-Dokumentation „Breaking Boundaries: The Science of our Planet“, die am 4. Juni Premiere auf der Streaming-Plattform hat.

Welche planetaren Grenzen existieren?

Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Professor für Erdsystemforschung an der Universität Potsdam, nimmt die Zuschauer in der Dokumentation mit auf eine wissenschaftliche Reise. Sein Ziel ist es, die planetaren Belastungsgrenzen zu definieren. Dabei handelt es sich um ökologische Grenzen der Erde, deren Überschreitung die Stabilität des Ökosystems und die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährden. Rockström hat diese Grenzen selbst mitentwickelt. Im Film lässt der PIK-Direktor auch zahlreiche internationale Wissenschaftler wie Teixeira zu Wort kommen. Erzählt wird die 75-minütige Dokumentation von dem britischen Tierfilmer und Naturforscher Sir David Attenborough.

Gut zehntausend Jahre haben die Menschen die planetaren Grenzen nicht überschritten. Die Erde war stabil, erklärt Attenborough gleich zu Beginn des Films. Temperatur, Meeresspiegel und CO2-Konzentrationen waren weitestgehend konstant. Diese beständige Ära, das sogenannte Holozän, ermöglichte überhaupt die Zivilisation der Menschen. Doch eben diese Stabilität des Planeten sei nun gefährdet. Der von den Menschen verursachte Druck auf die Erde sei so groß, dass sie bereits ihr eigenes Erdzeitalter geschaffen haben: das Anthropozän.

„In nur 50 Jahren haben wir uns um einen Zustand gebracht, der uns zehntausend Jahre lang gut getan hat“, so Rockström. „Zum ersten Mal sind wir in der Situation, dass wir den Planeten ins Wanken bringen könnten.“ 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: bmu.de

Die Belastungsgrenze des Erdklimas

Doch wie viele planetare Grenzen gibt es überhaupt? Und welche haben wir bereits überschritten? Die erste Grenze, die im Film angeführt wird, ist wahrscheinlich auch die derzeit bekannteste: die Belastungsgrenze des Erdklimas. Die Grenze der Erderwärmung liege bei 1,5 Grad Celsius, so Rockström. Überschreite man diese 1,5 Grad, gehe man ein großes Risiko ein. Bereits heute sieht man die Auswirkungen der globalen Erderwärmung: die zunehmenden Hitzeperioden, verheerende Waldbrände, wie sie in Australien 2020 auftraten, das Tauen der Permafrostböden – und das Schmelzen des Eisschildes in Grönland.

Einer der internationalen Wissenschaftler, die in der Doku zu Wort kommen, ist Jason Box, US-amerikanischer Klimaforscher, der für den Geologischen Dienst Dänemarks und Grönlands arbeitet. In einer Szene des Films steht Box in Grönland, im Hintergrund sieht man Eismassen.

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Das Abschmelzen des Eisschildes in Grönland ist nicht mehr aufzuhalten, so die Wissenschaftler.

Grönland verliere pro Sekunde durchschnittlich zehn Millionen Liter Eis, erzählt Box. Und dieser Verlust werde zunehmen, wenn sich das Klima weiter erwärme. Denn durch das Abtauen verringere sich die Höhe des bis zu 3000 Meter hohen Eisschildes. Das Eis sinke in tiefere, wärmere Luftschichten ab, wo es noch schneller schmelze. Gebe es weniger Meereis, werde zudem mehr Sonnenenergie aufgenommen, da das dunkle Wasser diese stärker absorbiere. Das führe zu einer noch stärkeren Eisschmelze.

Das Abschmelzen des Eisschildes in Grönland sei daher nicht mehr aufzuhalten, außer es gelinge, das Erdklima deutlich zu verändern – und zwar so schnell wir möglich. Ist Grönland also verloren? „Offenbar schon“, antwortet Box.

Kipppunkte entfernen Planeten von stabilem Zustand

Mit dem Abschmelzen des Eises in Grönland gelingt es den Filmmachern, den Zuschauern deutlich die Dramatik der sogenannten Kipppunkte innerhalb der planetaren Grenzen zu verdeutlichen. Schmilzt Grönlands Eisschild, überschreitet man einen Kipppunkt, also den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Der Planet entfernt sich so unumkehrbar von seinem stabilen Zustand, der für uns Menschen wichtig ist. Eine Folge: Wenn das gesamte Grönlandeis schmelze, so Box, steige der Meeresspiegel weltweit um sieben Meter. Hunderte von Küstenstädten seien von steigenden Meeren bedroht.

Noch dramatischer sei das Schmelzen der Eismassen in der Antarktis. Wenn das komplette Eis der Westantarktis schmelze, würde der Meeresspiegel mehr als fünf Meter steigen, bei der Ostantarktis seien es mehr als 50 Meter, erklärt Klimaforscherin Ricarda Winkelmann vom PIK. 

Rockström unterteilt in der Dokumentation die jeweiligen planetaren Grenzen in drei Zonen: der sicheren Zone, der Gefahrenzone und der Hochrisikozone. Bei der Belastungsgrenze des Erdklimas haben die Menschen bereits die erste Grenze überschritten: Sie befinden sich in der Gefahrenzone. Zwar bestehe in der Gefahrenzone noch die Möglichkeit, wieder in die sichere Zone zurückzukehren. In diesem Fall würde das bedeuten: das Abbremsen der Erderwärmung durch ein radikales Absenken der  Treibhausgasemissionen. Gelinge das nicht, würden wir Menschen auf die Hochrisikozone zusteuern. Große Waldbrände wie in Australien wären dann weltweit keine Seltenheit mehr. 

Die Klima-Belastungsgrenze ist nur eine von insgesamt neun planetaren Grenzen, die in „Breaking Boundaries“ von Attenborough und Rockström aufgezeigt werden. Weitere planetare Grenzen sind die Biodiversität, der Aerosolgehalt in der Atmosphäre, die Süßwassernutzung, der Landnutzungswandel, die Ozonschicht, die Zufuhr von Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff, die Versauerung der Ozeane und menschengemachte Schadstoffe wie Atommüll, Schwermetalle, Mikroplastik.

68 Prozent der Wildtierpopulation ist ausgerottet

Bei der planetaren Grenze der Biodiversität kommt Anne Larigauderie zu Wort, Chefin des Weltbiodiversitätsrats. In nur 50 Jahren habe die Menschheit 68 Prozent der globalen Wildtierpopulation ausgerottet, erklärt sie. Ein Verlust des Artenreichtums bedrohe letztendlich auch das Leben der Menschen. 

Es sei schwierig, die planetare Belastungsgrenze der Biodiversität genau zu bestimmen, da man noch längst nicht alle Tier- und Pflanzenarten kenne. „Eines ist aber sicher. Wir haben die planetare Grenze der Biodiversität bereits weit überschritten“, so Rockström. Was den Artenverlust und die Zerstörung der Ökosysteme betreffe, sei man schon längst nicht mehr nur in der Gefahrenzone, sondern bereits im Hochrisikobereich. Das Fazit: Das Artensterben müsse sofort gestoppt werden.

Insgesamt haben die Menschen nach Aussagen der Wissenschaftler bereits vier der neun planetaren Grenzen überschritten: die Grenze der Erderwärmung, die des Waldverlustes, die Zufuhr von Stickstoff und Phosphor und die Biodiversität. Mit der Überschreitung der Grenzen werden weitere Kipppunkte aktiviert, mit irreversiblen Folgen. 

Rockström gelingt es in „Breaking Boundaries“, die einzelnen planetaren Grenzen nicht nur mit vielen Fakten und Studienergebnissen zu erklären. Mithilfe von Grafiken und anschaulichen Beispielen werden die Grenzen und die Dramatik der Überschreitung der Grenzen den Zuschauern verständlich gemacht. Die zentrale Botschaft des Films: Nur ein stabiler Planet kann die Zukunft der Menschheit sichern.

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Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Film „Breaking Boundaries“.

Im Mittelpunkt der Dokumentation steht Rockström mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Immer wieder werden dabei Ereignisse aus seinem Leben erzählt, die ihn privat und als Wissenschaftler geprägt haben. So berichtet er etwa, dass er als Kind viel Zeit mit seinen Freunden auf einer Ostseeinsel verbrachte und angeln war. Sie konnten Dorsche sogar mit der Hand fangen, da es so viele Fische in der Ostsee gab. Heute gebe es kaum noch Dorsche. Das liege zum einen an der Überfischung, aber auch an Düngemitteln, die in die Flüsse und damit auch in die Ostsee gelangen. Kein Meer sei so stark verschmutzt wie die Ostsee, so Rockström. „Wenn das in allen Meeren passiert, verliert der Planet immer mehr seine Resilienz.“

Covid-19 ist nur ein Vorbote für weitere Pandemien

Der PIK-Direktor geht in dem Film auch auf die Corona-Pandemie ein. Diese zeige, wie schnell ein Virus nicht nur das Leben der Menschen, sondern die gesamte Weltwirtschaft gefährden kann. Dabei ist Covid-19 nur ein Vorbote für weitere Pandemien. Denn diese, so vermuten Forschende, werden in Zukunft immer öfter auftreten. Grund ist in erster Linie die fortschreitende Zerstörung der Lebensräume von Wildtieren. Ein Überspringen der Krankheitserreger von Tier auf Mensch wird so immer wahrscheinlicher. Würden die Menschen die Lebensräume hingegen schützen, könnten auch Pandemien verhindert werden. „Pandemien entstehen nicht in einer gesunden Natur“, erklärt Rockström.

Covid-19 sei eine klare Warnung, dass es dem Planeten nicht gut gehe. „Vielleicht lernen wir aber daraus, eine neue Richtung einzuschlagen. Es ist machbar“, so Naturforscher Attenborough. Noch gebe es die Möglichkeit in die sichere Zone zurückzukehren und die Erde in den grünen Bereich zu bringen. Man müsse dafür das gesamte Wachstumsmodell auf Nachhaltigkeit ausrichten, sagt Rockström. Das bedeute unter anderem, dass der CO2-Ausstoß auf Null gebracht werden müsse, um eine möglichst niedrige globale Temperatur zu erreichen. 

Stoßen wir weiter jedes Jahr 40 Milliarden Tonnen CO2 aus, werde unser CO2-Kredit in sieben Jahren erschöpft sein. Würde man in den kommenden 30 Jahren keine fossilen Brennstoffe mehr nutzen, würde uns das in den sicheren Bereich von mehreren planetaren Grenzen bringen: Die Luftverschmutzung ginge zurück, die Versauerung der Ozeane würde sich verlangsamen, auch die Artenvielfalt würde nicht mehr so unter Druck stehen. Ein weiterer Vorschlag Rockströms: die Aufforstung. Denn Bäume binden Kohlenstoff und verhindern zudem Bodenerosionen. Auch eine Kreislaufwirtschaft müsse etabliert werden. Das heißt: Produkte sollen so gestaltet werden, dass alle Materialien wiederverwendet werden können. Der PIK-Direktor adressiert in der Dokumentation ganz klar die politischen Entscheidungsträger, aber auch jeden einzelnen Verbraucher. 

„Breaking Boundaries“ stellt so nicht nur die Dramatik der aktuellen Lage dar, sondern zeigt auch Lösungen auf und gibt Hoffnung, dass wir das Überschreiten einiger Kipppunkte noch verhindern können. „Unser Handeln in diesem Jahrzehnt wird über die Zukunft der Menschheit entscheiden“, so Rockström. „Das Zeitfenster ist offen. Noch hat die Menschheit eine Zukunft. Das ist das großartige an unserer Zeit.“