Dringend gesucht: ein Impfstoff, der vor dem neuartigen Coronavirus schützt. Damit ließe sich  die Pandemie beenden.
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BerlinDas Projekt trägt intern den Namen Lightspeed – auf Deutsch Lichtgeschwindigkeit. Und tatsächlich ist das Tempo beachtlich, in dem die Mainzer Firma Biontech einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelt und so weit getestet hat, dass er reif für erste Prüfungen bei Menschen ist.

Wie das hierzulande für die Zulassung von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im hessischen Langen am Mittwoch mitteilte, hat die Firma Biontech die Genehmigung für erste klinische Prüfungen eines Impfstoffkandidaten namens BNT162b1 erhalten. Ab Ende April bekomen  rund 200 Freiwillige im Alter zwischen 18 und 55 Jahren den Impfstoff. In einer späteren Phase soll die Testung auf 500 Risikopatienten ausgeweitet werden – Ältere also und Menschen mit Vorerkrankungen.

Erste Ergebnisse werden im Juni erwartet. Wenn sich der Impfstoff als sicher und verträglich erweist und wie erhofft eine Antwort des Immunsystems erzeugt, könnten im Herbst oder Ende des Jahres große klinische Studien beginnen, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek. Mit einer Prognose für die Zeitspanne bis zur endgültigen Zulassung hielt er sich jedoch zurück.

Mit der nun beginnenden klinischen Studie steht Deutschland im internationalen Vergleich gut da. Weltweit suchen Forscher intensiv nach einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Denn damit ließe sich die Pandemie stoppen. Fast 70 Projekte gibt es dazu bereits. Die meisten befinden sich noch in den Anfängen. Vier Vorhaben sind schon in der ersten Phase der klinischen Prüfung, also der Testung am Menschen: zwei in den USA, einer in China und einer in Großbritannien. Mit der Mainzer Firma Biontech rückt nun erstmals ein deutsches Projekt in die Gruppe der Vorreiter auf.

Klaus Cichutek lobte die konstruktive Zusammenarbeit mit Biontech: „Ich freue mich, dass wir diese Genehmigung in einem sehr kurzen Zeitrahmen ermöglichen konnten.“ Wie er erläuterte, handelt es sich um einen sogenannten RNA-Impfstoff. Von dieser neuen Art von Vakzinen gibt es noch keine zugelassenen. Sie gelten aber als Hoffnungsträger für einen Wirkstoff gegen die Corona-Pandemie. Denn sie wirken grundsätzlich sehr spezifisch und sind in kurzer Zeit in großen Mengen herzustellen. „Das ist genau die Art von Produkt, die wir brauchen“, sagte der PEI-Präsident. Er betonte allerdings, dass man nicht nur auf eine Art von Impfstoff setzen sollte. Den weltweiten Bedarf könnten nur mehrere Hersteller decken.

Wie Ugur Sahin, Geschäftsführer und Mitgründer von Biontech, am Mittwoch bei einem Pressegespräch berichtete, hat die Firma insgesamt vier Impfstoffkandidaten, die reif für klinische Tests sind. BNT162b1 ist der erste aus der Reihe. Es sind alles   RNA-Impfstoffe, auf die sich die Firma spezialisiert hat – eigentlich für die Krebstherapie.

Bei dieser neuen Art von Impfstoffen wird ungefährliche Erbinformation in den Körper geschleust. In diesem Fall ist es Ribonukleinsäure (RNA), die die Information für den Bau des Spikeproteins von Sars-CoV-2 enthält. Das Spikeprotein fungiert als Türöffner für das Virus: Damit binden sich die Erreger an bestimmte Strukturen menschlicher Zellen, ACE2 genannt, die zum Beispiel in den Atemwegen vorkommen.

Durch die Impfung werden die Zellen des Menschen dazu gebracht, das Spikeprotein zu bilden. Das Abwehrsystem beginnt daraufhin mit der Produktion von Antikörpern gegen die fremden Strukturen – und ist damit für den Ernstfall einer Infektion mit Sars-CoV-2 gewappnet. Die ersten klinischen Prüfungen haben nun zum Ziel, die generelle Verträglichkeit des Impfstoffkandidaten zu ermitteln und zu prüfen, ob er in der Lage ist, eine spezifische Immunantwort gegen den Erreger zu erzeugen.

Ugur Sahin, Vorstandsvorsitzender und Mitgründer der Mainzer Firma Biontech, im Labor seines Unternehmens. 
Foto:  Dominik Pietsch/Biontech

Auch der Biontech-Chef Sahin hob hervor, dass RNA-Impfstoffe relativ einfach herstellbar sind. Im Prinzip handelt es sich dabei lediglich um ein paar Moleküle, die in Nanopartikel verpackt werden. „Es ist möglich, davon Hunderte Millionen Dosen in vergleichsweise kurzer Zeit herzustellen“, sagte Sahin.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem guten Signal. Es werde aber noch Monate dauern, bis tatsächlich ein Impfstoff zur Verfügung stehen könne, schränkte er ein. Ein Impfstoff gilt als das zentrale Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie. RKI-Vizepräsident Lars Schaade hatte erst am Dienstag betont, dass die Menschen in Deutschland solange durch ihr Verhalten Neuinfektionen vermeiden müssten, bis ein Impfstoff verfügbar ist.

Das Mainzer Unternehmen Biontech kooperiert bei der Entwicklung des Impfstoffs mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer und der chinesischen Firma Fosun Pharma. Geplant sind internationale Studien. Eine Genehmigung für Tests in den USA werde in Kürze erwartet, hieß es.