Bringt die Corona-Krise den Baby-Boom – oder eher den Geburten-Schock?
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BerlinDer Ikea-Chef hat vor ein paar Tagen angekündigt, die Lager seines Möbelhauses mit Babyprodukten füllen zu wollen. Er erwarte eine verstärkte Nachfrage, weil Krisen in der Vergangenheit einen Babyboom ausgelöst hätten. Die Soziologin Michaela Kreyenfeld, die sich vor allem mit demografischen Entwicklungen beschäftigt, hat andere Erkenntnisse.

Frau Kreyenfeld, steht uns wegen Corona ein Babyboom ins Haus?

Daten gibt es noch keine. Aber Forscher stellen fest, dass das Familienleben und die Zufriedenheit in der Corona-Krise leiden. Es werden wohl eher die Scheidungs- und Trennungsraten steigen als die Geburtenzahlen. Und es wird auch darauf ankommen, wie sich die ökonomische Situation entwickelt.

Wie wirkt sich die ökonomische Situation auf die Geburtenzahlen aus?

Lange galt: Wohlstand und ökonomische Sicherheit gehen mit niedriger Kinderzahl einher. Das war seit der Zeit der Industrialisierung so. Aber seit den 1990er-Jahren verfestigt sich ein anderer Zusammenhang, dass nämlich die Arbeitslosigkeit des Mannes und zunehmend auch der Frau dazu führt, dass die Familiengründung verschoben wird. Deutlich hat man das bei der weltweiten Finanzkrise 2008 gesehen. Diese hat in einigen Ländern zu einem Geburtenrückgang geführt. In Ost- und Südeuropa etwa, wo die Geburtenraten gerade dabei waren zu steigen, hat die Finanzkrise den positiven Trend gestoppt. Vor allem in Griechenland konnte man das beobachten, aber auch in Italien und Spanien.

Dass auch die Arbeitslosigkeit der Frau Auswirkungen auf die Geburtenrate hat, ist interessant.

Das ist ein Befund, der sich erst langsam herauskristallisiert. Schweden als Musterland der Gleichstellung war hier der Vorreiter. Das Land hatte in den 90er-Jahren eine schwere Krise. Schon da konnte man diesen Zusammenhang beobachten. In anderen Ländern war dieser Befund nicht so klar, aber auch hier haben sich inzwischen die Rahmenbedingungen verändert, nämlich dass man beide Einkommen braucht, um eine Familie gründen zu können.

Wie hat sich die Weltwirtschaftskrise 2008 in Deutschland ausgewirkt?

Deutschland ist aus der Finanzkrise einigermaßen gut herausgekommen. Gleichzeitig gab es familienpolitische Maßnahmen. Die Kinderbetreuung wurde ausgebaut, das Elterngeld eingeführt. Deutschland war eines der Länder, in denen die Geburtenrate während der Finanzkrise nicht zurückgegangen ist. Und in den letzten Jahren ist sie sogar gestiegen. Auch bei Akademikerinnen geht die Kinderlosigkeit zurück.

Nach der Wende ging die Geburtenrate in Ostdeutschland um etwa zwei Drittel zurück. Kann man zu heute Parallelen ziehen?

Es gibt einen großen Unterschied. In der DDR bekamen die Frauen das erste Kind mit etwa 22 Jahren. Das heißt, die Frauen, die nach der Wende kinderlos waren, hatten reichlich biografischen Spielraum, um die Geburtenentscheidung aufzuschieben. Und das haben sie auch gemacht. Deshalb sind die Geburtenraten so eingebrochen. Aber bis heute gibt es im Osten weniger Kinderlosigkeit als im Westen. Das heißt, die Frauen haben irgendwann doch noch ein Kind bekommen.

Wie sieht es mit dem biografischen Spielraum heute aus?

In Europa liegt das Durchschnittsalter, in dem Frauen ihr erstes Kind bekommen, bei etwa 30 Jahren. Viel biografischer Spielraum, um die Familiengründung aufzuschieben, existiert hier nicht. Und in Italien liegt das Durchschnittsalter sogar noch etwas höher.

Heißt das, die Corona-Krise könnte in Bezug auf die Geburtenrate gravierende Folgen haben?

Genau. Weil Frauen einfach nicht den zeitlichen Puffer haben. Vor allem in Italien und Spanien, ausgerechnet die Länder, die von der Corona-Krise in Europa besonders stark betroffen sind. Da folgt nach der Mortalitätskrise die Fertilitätskrise. Italien und Spanien sind jetzt schon Schlusslicht in Europa. Dort könnte die Kinderlosigkeit durch die Krise möglicherweise noch weiter nach oben und die Kinderzahl weiter nach unten gehen.

Und in Deutschland?

In Deutschland befand sich die Geburtenrate vor der Corona-Krise in einem positiven Trend. Der Trend könnte jetzt stagnieren, je nachdem, wie sich die Corona-Krise auf Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Entwicklung niederschlägt.

Können familienpolitische Maßnahmen dem Problem denn entgegenwirken?

Knallharte Kausalzusammenhänge herzustellen, ist schwierig. Was man aber durchaus sehen kann: Bei den Jahrgängen, die in Deutschland davon profitiert haben – das sind die ab 1970 Geborenen – ist die Geburtenrate langsam wieder angestiegen. Das ist zumindest ein Anhaltspunkt dafür, dass die familienpolitischen Maßnahmen gewirkt haben könnten.

Das Interview führte Susanne Lenz.