Sehr sehr selten: Im Jahr 1997 gab es in ganz Deutschland nur noch 57 Großtrappen. Heute sind es deutlich mehr – und fast alle Trappen leben in Brandenburg. Dort schufen Vogelschützer ihnen einen idealen Lebensraum.
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BuckowUm diese Tiere wenigstens ein Mal im Leben zu sehen, fahren manche Leute hunderte Kilometer. An diesem Tag mitten in der Woche sind sechs Holländer mit ihren Autos ins westbrandenburgische Havelland gekommen. Sie steigen auf einen der Aussichtstürme und bauen ihre großen Fernrohre auf. Dann warten sie geduldig. Als irgendwann die ersten Großtrappen einfliegen, staunen die Holländer und schauen ihnen stundenlang zu.

Großtrappen sind wirklich beeindruckend. Nach den noch schwereren afrikanischen Riesentrappen sind sie die schwersten Flugvögel der Welt – und sie sind äußerst selten. Denn in ganz Mitteleuropa gibt es nur noch drei Brutgebiete, die alle in Brandenburg sind. Deshalb werden die Trappen inzwischen oft auch als „Märkische Strauße“ bezeichnet.

Großtrappe im Flug
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Dass sie so selten sind, liegt auch am Menschen. Die tapsigen Vögel wurden über Jahrhunderte gejagt, weil sie den Bauern das Gemüse wegfraßen und weil sie als Delikatesse galten. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Kinder losgeschickt, um Trappeneier von den Feldern zu sammeln. In der Mark Brandenburg gab es um 1940 noch 3400 Großtrappen, dann starben sie fast überall aus – außer im Havelland. Dort setzen sich seit den 1970er Jahren engagierte Vogelschützer für sie ein.

Die Vögel sind nun streng geschützt

„Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Trappen vor allem auch wegen der Intensivierung der Landwirtschaft fast ausgestorben sind“, sagt Wernfried Jaschke von der Staatlichen Vogelschutzwarte Buckow, die seit DDR-Zeiten für die Trappen kämpft und der es im wesentlichen zu verdanken ist, dass es diese hoch anspruchsvolle Vogelart noch gibt.

Für Brandenburgs Vogelschützer gilt die Trappe als eine „Leitart“: Sie beweist einerseits, wie sehr diese und andere Tiere über Jahrzehnte immer mehr in Bedrängnis geraten sind. Andererseits zeigt sich an der Trappe aber auch, wie der Schutz gelingen kann: 1997 gab es bundesweit nur noch 57 Trappen – die fast alle in Brandenburg lebten. Im Jahr 2019 wurden wieder 305 Tiere gezählt.

Wernfried Jaschke und seine Kollegen konnten nachweisen, welche Einflussfaktoren sich negativ auf das Brutverhalten auswirken. Es ging darum, dass ihre Nester auf den Wiesen immer wieder von Landmaschinen zerstört wurden. Zudem wurde der Boden durch den Einsatz schwerer Technik immer mehr verdichtet. Aber vor allem ging es darum, dass die Vögel immer weniger Futter fanden – also Insekten. So trug der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden mit dazu bei, dass innerhalb von 40 Jahren die Biomasse bei Insekten um bis zu 80 Prozent sank.

Starke Belastung durch die Landwirtschaft

Es gibt auch immer mehr Monokulturen und weniger Brachland und wilde Wiesen. Es gilt es als Faustregel, dass auf einer Wiese jede einzelne Pflanzenart das Leben von knapp einem Dutzend Insektenarten ermöglicht. Das heißt: Je vielfältiger und bunter und ungemähter eine blühende Wiese ist, umso mehr Insekten gibt es, die wiederum die Nahrungsquelle für Vögeln sind. Bei der Betrachtung der Trappen sind die Zusammenhänge in der Natur ganz gut zu verstehen: Es zeigt sich ganz klar, wie bedeutsam zum Beispiel die Pflanzenvielfalt für die Insekten ist und wie bedeutsam die Insekten wiederum für die Vögel sind. Es ergeben sich Nahrungsketten – und wenn einzelne Arten aussterben, kann das Einfluss haben auf das Gesamtgebilde der Natur.

Jaschke erzählt, dass die Mitarbeiter des Landesumweltamtes bei ihren Studien nachweisen konnten, dass auf unberührten Naturwiesen zehn Mal mehr Insekten leben als auf den Futterwiesen der heutigen Zeit. Doch die Vielfalt bei den Insekten fehlt vielerorts seit Jahrzehnten. Das wirkt sich besonders bei den Großtrappen aus.

Großtrappen bei Sonnenaufgang
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„Für die erwachsenen Vögel ist das nicht das Problem“, sagt Jaschke, „die fressen überwiegend Pflanzen und finden genügend Futter. Doch die Jungtiere benötigen einfach in den ersten Tagen 80 bis 90 Prozent Insekten als Futter.“ Mit Bodenfallen und Keschern ermittelten die Buckower Vogelschützer bereits 1985, wie viele Insekten auf den Wiesen der Trappen leben. Sie konnten nachweisen, dass das Futter für die Küken nicht ausreicht. „Daran sieht man, wie wichtig die unscheinbaren Insekten für das Überleben ganzer Arten ist“, sagt er.

3000 Hektar für Trappen gesichert

Inzwischen konnten im Trappengebiet 3000 Hektar von den staatlichen und ehrenamtlichen Vogelschützern gekauft oder gepachtet werden. Dort ist die Intensivlandwirtschaft tabu. Viele Wiesen bleiben sich nun selbst überlassen. Andere Wiesen dürften nur gemäht werden, wenn die Trappen nicht brüten. In Buckow ist längst gängige Praxis, was das Umweltbundesamt später als Leitlinie herausgegeben hat: möglichst auf chemischen Pflanzenschutz zu verzichten, um das Insektensterben aufzuhalten. Im Havelland steigt nun die Zahl der Trappen wieder.

„Seit die Flächen nicht mehr intensiv bewirtschaftet werden, gibt es auch genügend Insekten für die jungen Trappen“, sagt Wernfried Jaschke. „Das sind wichtige Rückzugsorte für Insekten.“