„Wir können unsere Gene steuern“, sagt die Züricher Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy. 
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ZürichDer Buchtitel klingt, als ob wir Menschen in der Lage wären, nun endgültig die Kontrolle über unsere Körper zu übernehmen. „Wir können unsere Gene steuern!“ heißt das Werk der Züricher Professorin Isabelle Mansuy, das jetzt im Berlin Verlag erschienen ist. Die Neurowissenschaftlerin von der Eidgenössisch Technischen-Hochschule (ETH)  in Zürich beschreibt darin unter Überschriften wie „Wir sind mehr als unsere Gene“ und „Das Genom ist kein unabwendbares Schicksal“ ihre Sicht auf ein noch recht junges und gleichzeitig extrem kontroverses Forschungsgebiet: die Epigenetik. In dieser Disziplin geht es darum, inwiefern unsere Gene aktiviert oder deaktiviert werden. Dass dieser Prozess existiert, ist unstrittig. Aber ob wir ihn beeinflussen können und ob sich Lebenserfahrungen quasi in unser Genom einschreiben und dann auf die nächste Generation übertragen werden – darüber gibt es unter Wissenschaftlern sehr unterschiedliche Meinungen.

Nach hergebrachter Lehrmeinung werden Merkmale nur durch den Buchstabencode der Gene auf die nächste Generation übertragen. Für Änderungen bedarf es einer Mutation der DNA – und erbt man etwa eine solche, dann muss man eben damit leben. Mansuy und einige Kollegen dagegen erklären, dass nicht nur die Gene, sondern zumindest teilweise auch deren Aktivitätsmuster weitergegeben werden. Diese werden durch chemische Modifikationen an der DNA bestimmt – und sie sind reversibel, seien damit auch vom Individuum selbst veränderbar, so Mansuys These.

Was unsere Eltern gegessen haben, hat einen Einfluss auf das Epigenom - auf das unsere und wahrscheinlich auch auf das unserer Kinder.“

Isabelle Mansuy, Neurowissenschaftlerin, ETH Zürich

„Ob positiv oder negativ, unsere Lebenserfahrungen können sich in unserem Körper und unserem Geist festsetzen. Aber darüber hinaus können sie sich auch auf unsere Kinder und Enkel auswirken – durch das biologische Erbe, das wir in unseren Keimzellen übertragen“, schreibt Mansuy. Ihre Position gründet sie zum einen auf Bevölkerungsstudien. Im Winter 1944/1945 gab es in den Niederlanden eine verheerende Hungersnot. Später zeigte sich, dass Kinder von Müttern, die in dieser Zeit schwanger waren, im Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko hatten, fettleibig zu werden und Herzkranzgefäßerkrankungen zu entwickeln – und sogar für die Enkel bestand ein erhöhtes Risiko. „Was unsere Eltern gegessen haben, hat einen Einfluss auf das Epigenom – auf das unsere und wahrscheinlich auch auf das unserer Kinder“, folgert Mansuy.

In ihrem neuen Buch stellt Mansuy folgerichtig eine epigenetische Diät vor – um damit Körper und Geist zu formen sowie Kindern und Enkeln ein gutes Erbe zu hinterlassen. Die Diät besteht im Wesentlichen aus der bekannten mediterranen Ernährung plus einiger Zusätze, die für die epigenetischen Veränderungen, vor allem für die Methylierung der DNA notwendig sind. Darunter Quellen für die essentielle Aminosäure Methionin (etwa Paranüsse, Fleisch, Parmesan und Gruyére-Käse), für Folsäure (Nährhefe, Leber, Eigelb) und für Cholin (Leber, Eier, Fisch). Mansuy empfiehlt aber auch, Brokkoli zu essen, denn dessen Inhaltsstoffe blockierten wiederum Methylierungen, die schädlich seien und bei Dickdarm- und Brustkrebs eine Rolle spielten. „Ziel war nicht, eine revolutionäre Diät zu entwickeln, sondern Erklärungen zu geben, warum bestimmte Lebensmittel gesund sind“, sagt Mansuy. „Wann immer es geht, sollte man außerdem Bioprodukte konsumieren, denn Pestizide können das Epigenom schädigen.“

Vererbte Traumata

Dass Pestizidrückstände nicht gesund sind, wird kaum bestritten, dagegen eine epigenetische Diät zu propagieren, halten andere Forscher für verfrüht. „Dass es magische Lebensmittel gibt, die das Epigenom überschreiben, ist Wunschdenken“, sagt Dirk Schübeler, Direktor des Friedrich-Miescher-Instituts für biomedizinische Forschung (FMI) in Basel, der über Methylierung der DNA forscht. „So etwas zu propagieren ist für mich Geldmacherei.“

Er interpretiert auch die Ergebnisse der Studien zu den Auswirkungen des holländischen Hungerwinters anders als Mansuy. „Im ungeborenen Kind werden während der Schwangerschaft auch schon die Keimzellen angelegt“, sagt Schübeler. „Das bedeutet, Zellen dreier Generationen waren direkt dem Hunger ausgesetzt – Mutter, Kind und bereits in Vorstufen angelegte Keimzellen im Kind für die nächste Generation.“ Die Zellen könnten dadurch direkt geschädigt worden sein, eine epigenetische Vererbung sei für das Phänomen nicht notwendig. „Wir achten heute zu Recht sehr darauf, dass Schwangere sich vollwertig ernähren, weil wir wissen, dass eine mangelhafte Versorgung dramatische Konsequenzen für die Nachkommen haben kann.“

Isabelle Mansuy stützt ihre Argumente aber nicht nur auf Bevölkerungsstudien, sondern auch auf ihre eigenen Experimente. Sie untersucht an Mäusen, wie sich Traumata auf die Epigenetik auswirken und ob diese sich vererben. „Wenn wir Nachkommen traumatisierter Mäuse so aufziehen, dass sie niemals in Kontakt zu ihren Eltern und Großeltern kommen, dann zeigen sie immer noch die Trauma-Symptome ihrer Eltern“, sagt Mansuy im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Diese Symptome waren: erhöhte Risikofreudigkeit, unsoziales und depressives Verhalten.

Bei Menschen ist die umstrittene Vererbung der epigenetischen Veränderungen allerdings sehr viel schlechter zu untersuchen – selbst eineiige Zwillinge machen so unterschiedliche Erfahrungen im Leben, dass es schwer möglich ist, einzelne als Ursache auszumachen. Allerdings können auch hier Studien wichtige Hinweise geben. Mansuy untersucht etwa das Sperma von Männern aus Pakistan, die Traumata erlitten haben und vergleicht dieses mit dem von Männern, die keine solch einschneidenden Erlebnisse hatten. „Einige epigenetische Marker waren genauso verändert, wie in unseren traumatisierten Mäusen“, berichtet sie über die Studie, die bislang nur als Preprint veröffentlicht ist.

Mansuys Theorie dazu ist, dass das sich das Trauma durch RNA-Moleküle eingraviert. RNA ist eine Art von Erbsubstanz, die im Gegensatz zur DNA instabil ist, und von der erst seit wenigen Jahren bekannt ist, dass sie im Zellkern regulatorische Funktionen übernimmt. In einem 2018 im Fachblatt Molecular Psychiatry veröffentlichten Studie beschrieben Mansuy und ihre Kollegen, wie sie die RNA aus Sperma von traumatisierten Mäusen in befruchtete Eizellen injizierten - und die Nachkommen daraufhin Symptome von Traumata entwickelten, ohne je einem solchen ausgesetzt gewesen zu sein. „Die Sperma-RNA selbst reicht aus, um die Symptome in Nachkommen auszulösen“, sagt Mansuy.

Ein umstrittenes Fachgebiet

Nicht alle Forscherkollegen überzeugt das. „Um stress-assoziiertes Verhalten in den Nachkommen über RNA auszulösen, müssten diese Moleküle über die gesamte Entwicklung der Tiere stabil bleiben und sich schließlich im Gehirn ausprägen – ich erachte dies als sehr unwahrscheinlich“ , sagt Marc Bühler, der am FMI in Basel über regulatorische RNA forscht. „Außerdem fehlen der Maus wichtige Enzyme, welche zum Beispiel in Pflanzen und Hefen essentiell sind, um mittels RNA epigenetische Veränderungen hervorzurufen.“

Andere Wissenschaftler sehen dies anders. „Ich finde, diese Studie ist gut gemacht“, sagt Thomas Jenuwein, Direktor am Max Planck Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg im Breisgau. „Diese RNA sind kleine Moleküle, von denen man sich vorstellen kann, dass sie von Zelle zu Zelle übertragen werden.“ Bewiesen sei dies allerdings noch nicht – und der genaue Mechanismus sei unbekannt. „Für mich ist es aber plausibel, dass epigenetische Merkmale begrenzt vererbt werden können“, sagt der Pionier des Fachgebiets. „Ich bin da auf Seiten von Isabelle Mansuy.“

Es bleibt das Bild eines sehr umstrittenen Fachgebiets – und der Visionärin Mansuy, die in ihrem Buch mit ihren Ratschlägen wohl über das hinausgeht, was bereits bewiesen ist. Selbst Kritiker ihrer Arbeit wünschen ihr aber Erfolg. FMI-Forscher Marc Bühler sagt: „Ich würde mich freuen, wenn ihre Ergebnisse bestätigt würden.“