Essstörungen und Magersucht: Sara Schätzls Leben mit der Bulimie

BERLIN - Nicht schon wieder, denkt man sich. Nicht schon wieder so ein Teppichluder, das eh kaum einer kennt, das schon lange keine Schlagzeile mehr hatte und deswegen jetzt ans Äußerste geht und die Bulimie rausholt. Einfach, um die Geltungssucht für ein paar weitere Tage zu stillen. Dann trifft man Sara Schätzl, 27, und muss sich schon in den ersten Minuten von ein paar Vorurteilen trennen – für Journalisten ein ungeliebter Job. Denn vor einem tut sich die traurige Geschichte eines Mädchens auf, die ein Lehrstück für viele andere Mädchen sein könnte, die mit sich hadern und die sich nicht toll genug finden für diese Welt. Ungeliebt.

Es ist die Geschichte eines Mädchens, das dachte, Berühmtsein wäre die Lösung gegen dieses Minderwertigkeitsgefühl. Das Gesehenwerden mit Geliebtwerden verwechselte. Und das deshalb ein It-Girl wurde, also eine, die auf dem Roten Teppich wohnt. Das eine Kunstfigur von sich selbst erschuf, die rausging ins Habitat der Oberflächlichkeit und all jenen Mist verzapfte, der einem in dieser Medienwelt tatsächlich blitzschnell brüllende Fotografen, rotzig fragende RTL-Reporter und das Auftauchen in zwielichtigen Boulevardblättern einbringt.

Eigentlich wollte Sara Schätzl eine seriöse Schauspielerin werden, aber weil sie keine Geduld für den harten und entbehrungsreichen Weg hatte, versuchte sie es zunächst auf die Knallchargentour. Ließ sich für Schlagzeilen auf eine fingierte Affäre mit dem Schauspieler Bernd Herzsprung ein, spielte in Fernsehsoaps wie „Lotta in Love“ mit, schlachtete Gerichtsprozesse, in denen sie verurteilt wurde, medial für sich aus und ließ sich von der Bildzeitung als schreibende Skandalnudel anheuern.

Das alles hielt sie für das Fundament eines glücklichen und ruhmreichen Lebens. So, wie es immer mehr junge Leute tun, die „Berühmtsein“ als Berufswunsch hegen. Eine Leistung? Nicht erforderlich. Gutes Aussehen? Nicht mal das. Am besten die Freakshow abziehen, das klappt immer in Zeiten, in denen selbst bürgerliche und gut situierte Zuschauer immer mehr in Fremdschäm-Formate hineinzappen, um sich im eigenen Leben besser zu fühlen. Nur dass sie dabei oft Menschen zuschauen, die echte psychische Probleme haben, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Denn hinter ihren Verstellungsmechanismen „große Klappe“ und „vorgeschütztes Selbstbewusstsein“ kümmert in allen ein kleines Ego vor sich hin, dessen Aufruhr sich nur mit Drogen und Alkohol ruhig halten lässt. Oder mit Essen, wie in Sara Schätzls Fall. Und zwar Bergen von Essen: Kuchen, Schokolade, Chips. Essen, das natürlich nicht drinbleiben darf, denn Dick- und Berühmtsein – das geht in der Welt eines Teppichluders nicht zusammen.

Ungeschminkt im Café

Acht Jahre hielt sich Sara Schätzl in der Klatschbranche, 12 Jahre kotzte sie heimlich. Mit dem Teppichleben rechnete sie 2011 im Buch „Glamourgirl“ ab, die Ess-Brech-Sucht hat sie in „Hungriges Herz“ verarbeitet, das dieser Tage erscheint. Gerade ist sie auf Presse-Tour, und wie um ihre neue Ernsthaftigkeit und die voranschreitende Genesung von der Bulimie zeigen zu wollen, sitzt sie ungeschminkt in einem Café an der Kastanienallee. Mit Pferdeschwanz und Micky-Maus-Pullover. Eine junge Frau, die sich um ihr Hübschsein keine Sorgen machen muss, aber Fremd- und Eigenwahrnehmung gehen bekanntlich weit auseinander, zumal bei jemandem mit kleinem Selbstwertgefühl.

Sara Schätzl fand sich nie schön und schlank, schon als kleines Mädchen nicht, nur ihre Handgelenke konnten all die Jahre ihrer Selbstkritik standhalten. Die Handgelenke! Und auch nur rund drei Zentimeter von diesen. Blitzschnell zeigt sie besagten Abschnitt mit zwei Fingern und mit der Übung einer, die ihren Körper über Jahre nach unperfekten Stellen abgescannt hat.

Ihr schlichtes Outfit könnte natürlich Absicht sein, um die eigene Läuterung glaubhaft zu demonstrieren, aber nach der Lektüre ihrer Bücher nimmt man ihr ab, dass der Bequem-Look und am liebsten noch Jogginghosen ihre bevorzugte Wohlfühlkleidung sind. Zum Glück ist da noch die Louis-Vuitton-Tasche, die sie im Café etwas hinter sich, auf eine Seitenbank gestellt hat und die wie ein Relikt aus alten Zeiten wirkt. Fast schon sympathisch, dass sie das teure Stück nicht auch noch gegen einen Jutebeutel ausgetauscht hat, das wäre zuviel des Guten. Anstatt Schminksachen quellen sowieso nur gesunde Snacks aus dieser Tasche heraus.

Die richtige Nahrung für eine Essgestörte auf dem Heilungsweg: Tomaten, Möhrchen, Hipp-Babybrei. Mitgebrachte Beweise, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Sich selbst und anderen gegenüber. Man wünscht ihr von Herzen, dass es keine leeren Beweise sind – nach all den mentalen Tälern, in denen sie in ihrem jungen Leben schon gesessen hat. Und die sie in ihren Büchern glaubhaft beschreibt. Während sie in „Glamourgirl“ noch schonungslos und schwarzhumorig gegen sich selbst und die Branche vorgeht („War ich nicht nur ein dummes, dickes Mädchen mit Größenwahn?“), klingen in „Hungriges Herz“ auch viele bittere und sehr traurige Töne an.

Im Jammertal sitzt sie dennoch nie. Der Kreislauf von Essen-und-sich-Übergeben und wieder Essen-und-sich-Übergeben, manchmal dreimal am Tag, spricht in seiner Dramatik für sich. Er bedeutete für Sara Schätzl Rückzug von der Welt und das stumpfe Ableben ihrer Tage, die keinen Sinn für sie machten. Die sie verweinte und in denen sie sich immer tiefer in zerstörerische Gedankenmühlen hineindrehte. „Das Leben interessierte mich nicht mehr. Ich war eh nie dafür gemacht gewesen.“

Sie hat nur eine feste Freundin: ihre Sucht. Nur auf die kann sie zählen. „Meine Lebenspartnerin Bulimie hatte, im Gegensatz zu meinen männlichen realen Partnern, nur positive Seiten. Sie kümmerte sich um mich.“ In Zeiten, in denen Freundschaften und Lieben zu real existierenden Menschen erblühen, steht die Freundin Bulimie meist auf dem Abstellgleis, ist aber sofort wieder da, wenn das Leben in Drama und Zerstörung versinkt. Nur nach außen wahrt Sara Schätzl lange die Fassade: „Ich hatte nie gelernt, cool, stark oder selbstbewusst zu sein. Aber ich hatte gelernt, wie man so tut als ob.“

Da schreibt eine, die intelligent ist und der man sagen möchte: „Mädchen, da liegt dein Talent, mach dort weiter! Und hat sie nicht seinerzeit in Bayern ein humanistisches Gymnasium besucht? Hat sie. Sie hat es aber auch geschmissen, noch vor dem Abitur und gegen den Willen ihrer Mutter, einer extrem leistungsorientierten Frau. Ist von Donauwörth nach München gezogen, um die Sache mit dem Teppichleben anzugehen. Brach irgendwann in der Nobeldisco P1 zusammen und cancelte das Berühmtsein-Projekt.

Die Bulimie aber blieb noch an ihrer Seite. Und lief in den Jahren danach zu neuer Höchstform auf. In Foren mit anderen Bulimikerinnen lernt Sara Schätzl, die Sucht zu optimieren. Was man wie zuerst essen und wie viel man dazu trinken muss, damit das Übergeben flutscht: „Immer in der gleichen Reihenfolge: salzig, süß, sauer.“ Dazu am besten Cola, weil die Kohlensäure alles am bestens wieder heraustreibt.

Weil sie gegen Ende ihres Glamourdaseins nur noch das Fotogewitter am Anfang eines Events mitnimmt, erübrigte es sich für sie, die Toiletten auszuchecken, wie es andere Bulimie-Kranke tun, wenn sie an öffentliche Plätze gehen. Wie alle Süchtigen aber entwickelt auch Sara ein perfektes Vertuschungssystem. Arbeitet mit noch mehr Schminke als sowieso schon, um das verquollene Gesicht zu verbergen. Kämpft gegen anfängliche Würgegeräusche mit der Klospülung an. Kriegt aber wie alle anderen die Quittungen dafür, dass sie ihre Gesundheit so malträtiert: Ihre Augen werden schlechter, die Zähne schmerzen, am Knöchel ihres Mittelfingers, der beim In-den-Hals-Stecken ständig an den Schneidezähnen schabt, leuchtet noch eine hellrosa Narbe. „Sie wird mich immer erinnern“, sagt sie.

Im Liebeskummertal

Aber mittendrin schlägt das Schicksal noch einmal zu, gibt ihr einen Wink, scheint zu wollen, dass sie in eine andere Richtung aufbricht: Sie wird schwanger, obwohl sie schon längst kaum noch ihre Tage bekommt. Und obwohl der Vater ihres Sohnes sie kurz nach der Geburt verlässt und sie im schlimmsten Liebeskummertal sitzt, stellt sie sich der Aufgabe. Nun muss sie sich um Louis kümmern, der, als wäre er zur Heilung seiner Mutter bestellt worden, ein Sonnenschein ist und sie jeden Tag daran erinnert, wie viel unverstellte Lebensfreude eben auch in der Welt existiert.

Trotzdem braucht es noch vier Krankenhausaufenthalte und die Androhung, ihr das Kind zu entziehen, bevor sie endlich darüber nachdenkt, sich der besten Freundin zu entledigen. Und eine Therapie anzufangen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Das alles passiert in Los Angeles, wo sie inzwischen lebt. Aus eigener Kraft hat sie sich dort ein neues Leben aufgebaut. Darin kommen Sachen vor, die sie selbst geschaffen hat. Neue Freundschaften, die Aufnahme an der „Marjorie Ballantines School of Acting“ und sogar eine Greencard, die sie über ein Ausschreibungsverfahren erwarb.

Mit der Frage, warum es ausgerechnet Los Angeles sein musste, wo der Vergleichsdruck in Sachen Perfektion ins Wahnhafte getrieben wird, scheint sie gerechnet zu haben: „Es gibt irgendwo immer eine auf der Welt, die schöner ist als du selbst. Und weil das ein Grundsatz-Problem bei mir ist, dass ich mich ständig mit anderen vergleiche und das aufhören muss, konnte ich mich auch gleich ins Mekka der Schönen und Reichen begeben.“

Seit sieben Monaten ist die alte Freundin nicht mehr aufgetaucht, was an ein kleines Wunder grenzt, weil Sara sie jeden Tag im Supermarkt wiedertreffen kann. „Dort zu stehen“, schreibt sie in „Hungriges Herz“, „war für mich immer wie der Besuch einer Schnapsbrennerei für einen Alki. Anderer Dämon, gleiches Problem.“ Aber eben eines, was sich schlecht vermeiden lässt, denn einkaufen muss der Mensch nun mal.

Auch Freunde schreiben in Sara Schätzls Buch, der Vorsitzende des Bundesverbandes Essstörungen, Andreas Schnebel, bescheinigt ihr Offenheit und Ehrlichkeit. Ihre Mutter Claudia macht sich Vorwürfe: „War ich mit meinem eigenen übertriebenen Fokus auf ein perfektes Äußeres nicht schuld an dieser Fehlentwicklung?“

In Berlin, im Café, hat Sara Schätzl ihren Pfefferminztee ausgetrunken. Sie sagt, sie wünsche sich so sehr, mal wieder verliebt zu sein. Doch jetzt freut sie sich, gleich noch rausgehen zu können auf die Straße. Dort, wo es jetzt nicht mehr weh tut, „wenn nicht gleich jeder Junge nach mir schaut“.