Berlin - Während man in Europa über das Versagen bei der Impfstoffbestellung streitet, werden in vielen Ländern Menschen mit dem russischen Impfstoff Sputnik V geimpft, der neben den Vakzinen von Astrazeneca und aus China vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern breit eingesetzt wird. Ein großer Vorteil: Sputnik V ist einfach zu lagern und zu transportieren, bei 2 bis 8 Grad. Hätte Europa auch früh auf Sputnik V setzen sollen, um die Pandemie schneller und flächendeckend zu bekämpfen? Zu dieser Frage äußert sich der Europaabgeordnete Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Christdemokraten im Europäischen Parlament.

Berliner Zeitung: Herr Liese, hätte man in Europa viel früher auch auf den russischen Impfstoff Sputnik V setzen sollen?

Peter Liese: Ich bin nach wie vor skeptisch, was den russischen Impfstoff angeht. Das Zulassungsverfahren war sehr, sehr problematisch. Präsident Putin hat ja bereits im August erklärt, dass der Impfstoff zugelassen sei. Das war aber keine Zulassung. Das war ein Fake. Es wurden weniger als 100 Probanden untersucht. Bei der klinischen Prüfung von Biontech/Pfizer waren es 44.000 Probanden, bevor sie die Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelagentur und anderen weltweiten Agenturen beantragt haben.

Aber am 2. Februar 2021 wurden in einer Studie im Fachjournal Lancet die ersten Ergebnisse der sogenannten Phase 3 mit etwa 22.000 Probanden veröffentlicht.

Die klinischen Daten, die das Gamaleja-Institut zu Sputnik V präsentiert hat, sind für mich immer noch mit einen Fragezeichen zu versehen. Zwar gibt es mittlerweile diese Publikation im Lancet, aber auch viele kritische Fragen dazu, zum Beispiel, ob die Daten korrekt erhoben wurden oder Todesfälle verschwiegen wurden. Diejenigen, die normalerweise weltweit klinischen Prüfungen begleiten, wurden von den Russen nicht gebeten, bei der klinischen Prüfung dabei zu sein oder zu helfen. Es handelte sich nach meiner Kenntnis im Wesentlichen um russische Militärärzte, und aus meiner Sicht stellen sich da Fragen. Vor allen Dingen glaube ich nicht, dass Russland ausreichend Impfstoff liefern kann, um für die Impfung der Menschen in der ganzen EU wirklich einen Unterschied zu machen.

Warum nicht?

Wenn man sich die Zahlen zur Impfgeschwindigkeit anschaut, liegt Russland trotz der angeblichen Zulassung im August hinter Deutschland und den meisten EU-Ländern. Die Zahlen schwanken zwar, aber es gibt keine Zahl, die über zwei Prozent liegt. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass der russische Impfstoff in der EU zugelassen wird und uns auch bei der Bekämpfung der Pandemie helfen kann. Dazu ist aber eine genaue Prüfung der Daten notwendig. Bisher hat das dafür zuständige russische Institut zwar Kontakt mit der EMA aufgenommen, aber noch nicht einmal die erste Stufe eines Zulassungsverfahren eingeleitet. Diese Stufe haben Astrazeneca, Biontech und Moderna vor vielen Monaten begonnen.

Foto: Europabüro für Südwestfalen
Zur Person

Peter Liese wurde 1965 in Olsberg, Nordrhein-Westfalen, geboren. Er studierte Medizin in Marburg, Aachen und Bonn. Er arbeitete als Arzt in Mittelamerika, wurde dann Stationsarzt einer Kinderklinik in Paderborn und arbeitete anschließend in einer Gemeinschaftspraxis im Sauerland. Seit 1987 ist Liese Mitglied der CDU. Von 2012 bis 2018 gehörte er zum CDU-Bundesvorstand. Seit 1994 sitzt er im Europäischen Parlament. Er ist Vorsitzender der CDU-NRW-Europagruppe und Sprecher der EVP-Christdemokraten im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Warum führt dann das EU-Land Ungarn bereits jetzt den Impfstoff ein?

Das Verhalten Ungarns ist vor allem politisch motiviert. Viktor Orbán provoziert gerne und versucht auch in dieser Frage, die EU zu spalten. Ich glaube nicht, dass das, was Ungarn gerade macht, fachlich in Ordnung ist, weil eben die Daten aus meiner Sicht noch nicht ausreichen.

Müsste man künftig viel früher und offensiver international zusammenarbeiten, wenn es gute Ansätze zu Impfstoffen gibt?

In der westlichen Welt funktioniert die Zusammenarbeit mehr oder weniger gut. Es gibt die Kooperation zwischen Pfizer und Biontech, und Moderna produziert in Spanien und in der Schweiz, nicht nur in den USA. Auch die Firma Novovax, mit der die EU kurz vor der Vertragsunterzeichnung steht und die im zweiten Quartal hoffentlich in die EU liefern kann, produziert in den USA und der EU gleichermaßen. Ähnliches gilt für Johnson & Johnson.

Und wie ist es mit Russland?

Die Zusammenarbeit mit Russland und auch mit China gestaltet sich schwieriger. Das russische Vorgehen im August war im höchsten Maße unseriös und politisch motiviert. China hat, genau wie Indien, ein teilweises Exportverbot für Impfstoffe, und das gilt leider auch für die USA. Donald Trump hatte ein Exportverbot verhängt. Deswegen hat zum Beispiel Kanada, obwohl es deutlich früher und mehr bestellt hat als die EU, im Moment ein Knappheitsproblem. Die Kanadier liegen in der Impfstatistik hinter Deutschland und vielen anderen EU-Ländern.

Aber gibt es solche Unterschiede nicht auch innerhalb Europas?

Ja, leider handelt auch Großbritannien nach der Methode „UK first“. Die Briten fanden es völlig in Ordnung, dass sowohl Astrazeneca als auch der Biontech-Impfstoff vom Kontinent auf die Insel kamen, glauben aber, im Gegenzug könnte es Europa akzeptieren, dass der Impfstoff von Astrazeneca jetzt nicht von der Insel auf den Kontinent kommt. Die EU war von Anfang an zu Kooperationen bereit. Zur gleichen Zeit hat Boris Johnson offensichtlich einen „UK first“- Vertrag unterzeichnet. Die EU muss einerseits die globale Kooperation weiter unterstützen, darf dabei aber nicht naiv sein. Wenn man der EU einen Fehler vorwerfen kann, dann sicherlich den Fehler, dass Exportbegrenzungen zu spät eingeführt worden.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.