Kunming/Exeter - In der Evolution haben jene Arten die größte Überlebenschance, die sich am besten an die Umwelt anpassen. Charles Darwin nannte es „survival of the fittest“. Sehr selten haben Forscher die Chance, solche Anpassungen, die meist über längere Zeit erfolgen, sozusagen „live“ mitzuerleben. Dies ist nun offenbar gelungen, und zwar an einer Pflanze, die in großen Mengen für die Traditionelle Chinesische Medizin gesammelt wird.

Die Pflanze sei im Laufe der Zeit unscheinbarer geworden – und damit für Menschen schwerer zu finden, berichten die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“. In Gebieten, in denen die Pflanze besonders häufig ausgegraben werde, verschmelze ihr Äußeres stärker mit dem Hintergrund als in anderen Regionen. Besser getarnte Pflanzen hätten eine höhere Überlebenschance – und in diesem Fall sei es der Mensch, der die Art zu evolutionärer Anpassung getrieben habe, so die Forscher.

Das mehrjährige Liliengewächs mit dem wissenschaftlichen Namen Fritillaria delavayi wächst an den felsigen Hängen des chinesischen Hengduan-Gebirges. Die Färbung seiner Blätter variiert von grau über braun bis grün. Nach dem fünften Jahr wird jeweils eine einzelne Blüte pro Jahr gebildet. Die Zwiebel der Pflanze werde seit mehr als zwei Jahrtausenden in der chinesischen Medizin verwendet, schreiben die Forscher. Hohe Preise von bis zu 480 US-Dollar pro Kilogramm hätten in den letzten Jahren zu verstärktem Sammeln geführt. Ein Kilogramm entspricht demnach rund 3500 Zwiebeln.

Die Forscher um Martin Stevens, Professor für sensorische und evolutionäre Ökologie an der englischen University of Exeter, erfassten über fünf Jahre hinweg für acht Populationen der Art, wie gut die Pflanzen jeweils an ihre Bergumgebung angepasst waren – und damit, wie schwer sie für Menschen zu entdecken waren. Parallel sprachen sie mit Einheimischen, um abschätzen zu können, wie intensiv die Art in der jeweiligen Region gesammelt wird.

Das Ergebnis: Tarnungsgrad und Sammelaufkommen korrelieren miteinander. In Regionen mit hohem Sammeldruck fügten sich die Pflanzen eher in unscheinbarem Grau-Braun in die felsige Umgebung ein, in unberührten Gebieten strahlten sie hingegen eher in frischem Grün, das sich deutlich vom Fels abhebt. Ergänzend belegten die Forscher in einem Computerexperiment, dass die stärker an ihre Umgebung angepassten Pflanzen tatsächlich weniger gut von Menschen entdeckt werden.

Zunächst sei angenommen worden, dass Fritillaria delavayi ihr Aussehen wie andere sich tarnende Pflanzen verändert habe, um seltener von pflanzenfressenden Tieren aufgespürt zu werden, erklärte Yang Niu vom beteiligten Kunming-Institut für Botanik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. „Aber wir haben solche Tiere nicht gefunden.“ Es sei in diesem Fall vielmehr der Mensch, der die Veränderung hervorgerufen habe. Der Selektionsdruck durch die kommerzielle Ernte sei ein viel stärkerer als der durch natürliche Einflüsse, ergänzte Hang Sun vom Kunming-Institut für Botanik.

„Es ist bemerkenswert zu sehen, dass Menschen einen so direkten und dramatischen Einfluss auf die Färbung wildlebender Organismen haben können, nicht nur auf ihr Überleben, sondern auch auf ihre Evolution“, sagte Martin Stevens. Der Mensch könne auch andere Abwehrstrategien bei Pflanzen vorangetrieben haben, bisher gebe es dazu aber kaum Forschung. (dpa/fwt)