Archäologen forschen im Tollense-Tal seit mehr als 10 Jahren. Die Schlacht, die dort etwa um das Jahr 1200 vor Christus stattfand, gilt als die älteste bekannte Schlacht Europas nördlich der Alpen.
Foto: Stefan Sauer/Tollense Valley Project

MainzDie Fähigkeit, Milch zu verdauen, hat sich in Mitteleuropa erstaunlich schnell verbreitet. In nur gut 3000 Jahren stieg der Anteil der Menschen erheblich an, die die dafür nötige genetische Anpassung in ihrem Erbgut tragen, berichtet ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Mainz im Fachmagazin „Current Biology“.

Die Wissenschaftler haben Erbgut aus Knochen von Menschen untersucht, die um das Jahr 1200 vor Christus herum in der Schlacht von Tollense gefallen sind. Von ihnen trugen nur acht Prozent das genetische Merkmal, im Gegensatz zu fast 90 Prozent der heutigen Bevölkerung des Gebiets. „Dieser Unterschied ist enorm, wenn man bedenkt, dass nicht viel mehr als 120 Menschengenerationen dazwischenliegen“, erläuterte Studienleiter Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Wann entstand die Laktase-Pertinenz?

Etwa 50 bis 90 Prozent der heutigen Bevölkerung Mittel- und Nordeuropas können das Enzym Lactase auch im Erwachsenenalter bilden. Sie verfügen damit über die Fähigkeit, das Milcheiweiß Laktose zu spalten und Milch zu verdauen. Wann diese Laktase-Pertinenz im Verlauf der Evolutionsgeschichte entstanden ist und wie sich das genetische Merkmal verbreitete, ist nicht abschließend geklärt.

Die Knochen von Gefallenen der Schlacht an der Tollense erlauben nun neue Einblicke. Die Tollense ist ein Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. In den 1990er-Jahren wurden dort zahlreiche Knochen von um die Hundert Gefallenen einer Schlacht entdeckt, teils steckten noch Pfeilspitzen in den Knochen, einige Schädel waren durch Keulenschläge eingedrückt. Die Schlacht, die etwa um das Jahr 1200 vor Christus und damit in der Bronzezeit stattfand, gilt als die älteste bekannte Schlacht Europas nördlich der Alpen.

Aus den Knochen von 14 Individuen gewannen die Forscher Erbgut und suchten darin nach dem genetischen Merkmal für Lactase-Pertinenz. Zum Vergleich untersuchten sie weitere Erbgutproben von bronzezeitlichen Menschen aus dem serbischen Mokrin mit einem Alter zwischen etwa 3700 und 4100 Jahren sowie ältere Proben aus Osteuropa (5980 bis 3980 Jahre), wo einige Forscher den Ursprung der Lactase-Pertinenz vermuten.

In Tollense sowie im südeuropäischen Mokrin fanden sie das Merkmal bei weniger als zehn Prozent der untersuchten Menschen. Mehr als 4000 Jahre nach Einführung der Landwirtschaft in der Region – als Milch vermutlich Teil der Ernährung wurde – sei das sehr erstaunlich. Für einige Tausend Jahre sei das genetische Merkmal sehr selten gewesen, dann habe es sich plötzlich stark verbreitet.

Genetisches Merkmal verbesserte Überlebenschancen der Kinder

Die Forscher nehmen an, dass Menschen mit dem Merkmal im Verlauf der letzten 3000 Jahre mehr Kinder bekommen haben beziehungsweise dass diese Kinder bessere Überlebenschancen hatten als jene ohne das Merkmal. „Auf 100 Nachkommen ohne kommen in jeder Generation 106 Nachkommen mit Laktase-Persistenz, damit ist das entsprechende Gen das am stärksten positiv selektierte im ganzen menschlichen Genom“, sagte Joachim Burger.

Welche Vorteile es mit sich brachte, auch als Erwachsener Milch verdauen zu können, ist bisher unklar. „Jedoch könnte Milch als energiereiche, unkontaminierte Flüssigkeit in Zeiten von Nahrungsmangel oder verseuchtem Trinkwasser höhere Überlebenschancen geboten haben. Gerade in der frühen Kindheit, also in den Jahren nach dem Abstillen, mag das in prähistorischen Populationen immer wieder entscheidend gewesen sein.“

In den älteren osteuropäischen Proben fanden die Forscher das Merkmal gar nicht. Eine Ausbreitung des Merkmals von dort aus halten sie deshalb für unwahrscheinlich. (dpa/fwt)