Anfang des Jahres waren sie begehrte Mangelware, nun sind sie überall zu haben: Einwegmasken als Mund-Nasen-Schutz.
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BerlinIm Laufe der Corona-Pandemie mussten Experten häufig ihre Einschätzungen korrigieren. Besonders auffällig war das beim Thema Schutzmasken. Anfangs riet man ganz davon ab. Dann wurde eine Zeit lang betont, dass Masken keinen Selbstschutz böten, wohl aber Mitmenschen vor Ansteckung bewahren könnten. Inzwischen sind sich Experten überwiegend einig, dass selbst einfache OP-Masken für beiderlei Zwecke sinnvoll sind. Dass auch die zögerliche Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Anfang Juni in bestimmten Situationen zum Masketragen rät, ist einem deutschen Mediziner zu verdanken, der seit vielen Jahren in Kanada forscht. Holger Schünemann, Professor an der McMaster University in Hamilton, hat zusammen mit Kollegen die Datenlage analysiert und im Fachmagazin Lancet veröffentlicht.

Herr Professor Schünemann, Sie haben systematisch alle Studien ausgewertet, die untersuchen, wie gut Masken vor einer Ansteckung mit Coronaviren schützen. Was war Ihr wichtigstes Ergebnis?

Wir haben einen überraschend großen Effekt festgestellt. Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. Das bedeutet: Wenn das Basisrisiko sich anzustecken, bei etwa 50 Prozent liegt, wie es beispielsweise für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf zehn Prozent. Ist das Basisrisiko ein Prozent, reduziert sich die Gefahr sich anzustecken auf 0,2 Prozent. Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgischen Mund-Nasen-Schutz, wie man ihn überall kaufen kann.

Epidemiologen haben errechnet, dass man schon mit Masken, die das Risiko sich zu infizieren um 50 Prozent reduzieren, die Pandemie im Keim hätte ersticken können. Hätten viele Todesfälle verhindert werden können?

Wenn sich die Ergebnisse der existierenden Studien bestätigen, dann hätte die Zahl der Todesfälle durch frühzeitigen Maskengebrauch möglicherweise stark vermindert werden können. Aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen und Masken allein hätten wohl nicht gereicht.

Es hieß lange, es gebe keine Beweis für den Schutzeffekt der Masken. Wie kommen Sie zu Ihrem Ergebnis?

Unser Team von der McMaster University und der American University of Beirut war unvoreingenommen. Wir wussten nicht, ob wir Studien finden würden, in denen Maskenträger mit Menschen verglichen wurden, die keinen Mund-Nasen-Schutz getragen hatten. Aber tatsächlich fanden wir 29 solcher Untersuchungen zu Coronaviren.

Was sind das für Studien?

Die meisten kamen aus dem Gesundheitswesen, aber es gab auch einzelne, in denen Haushalte, in denen Masken getragen wurden, mit solchen verglichen wurden, in denen das nicht der Fall war. Wenn es einen nachgewiesenen Infizierten gab, bestimmten die Forscher, wie viele andere Mitglieder des Haushalts sich angesteckt hatten und verglichen die Haushalte mit ohne Maskengebrauch. In anderen Studien wurden Infizierte im Nachhinein befragt, ob sie eine Maske getragen hatten.

Klingt nach einer relativ sauberen Methodik. Trotzdem stufen Sie die Sicherheit für die gefundenen Daten als „gering“ ein. Warum?

Unsere Datenbasis beruht nicht auf randomisierten, also zufallsverteilten Studien. Bei den Untersuchungen wurde nicht ausgelost, wer eine Maske tragen soll und wer nicht. Das ist eine Schwäche. Aber die 80-prozentige Risikoreduktion ist relativ konstant über die Studien. Dass Masken einen Effekt haben, ist deshalb schon ziemlich sicher. Nur nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin - und auch wegen anderer Schwächen der Studien – reicht das eben nicht, um von mittlerer oder hoher Sicherheit zu sprechen.

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Zur Person

Holger Schünemann (53) ist Professor für Klinische Epidemiologie und Innere Medizin an der McMaster University in Hamilton, Kanada. Der gebürtige Braunschweiger studierte an der Medizinischen Hochschule Hannover und der State University of New York in Buffalo, USA, Medizin und Epidemiologie. 

In seiner Arbeit geht es um evidenzbasierte Medizin, also eine auf empirischen Belegen beruhende Heilkunde. Er ist Autor von mehr als 700 begutachteten Publikationen und Direktor von Cochrane Canada. Das unabhängige Netzwerk setzt sich weltweit für evidenzbasierte Medizin ein und erstellt regelmäßig systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen.

Wie könnte man den endgültigen Beweis erbringen?

Das ist sehr schwierig, wir brauchen besser kontrollierte Studien, am besten randomisierte. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, in einem Bezirk einer Stadt zu bestimmen, eine Maske zu tragen - und in einem anderen nicht.

Vielleicht möchten einige Mitglieder ausgeloster Haushalte aber keine Maske tragen...

Genau, und umgekehrt würde ein solches Vorgehen nicht sicherstellen, dass aus der Gruppe, die man dazu bestimmt hat, keine Maske zu tragen, wirklich niemand eine anhat. Denn viele Menschen wollen sich ja schützen und würden es nicht einsehen, keine Maske zu tragen.

Haben Sie sich darum mit den weniger fundierten Studien zufriedengegeben?

Ich forsche seit vielen Jahren in Kanada an der McMaster University in Hamilton, die als Wiege der evidenzbasierten Medizin gilt. Forschungsmethodik ist uns extrem wichtig. Aber wir haben mit den Jahren festgestellt: Wenn keine randomisierten Studien vorliegen, müssen wir uns eben die nichtrandomisierten anschauen und dann genau beschreiben, wie sehr wir diesen Arbeiten vertrauen.

Sie beziehen sich in Ihrer Analyse vor allem auf Studien aus der Sars-1- und der Mers-Epidemie. Warum hat die früher niemand genauer analysiert?

Diese Arbeit ist relativ schwierig. Wir haben mit drei chinesischen Kollegen zusammengearbeitet, die uns beim Übersetzen rein chinesischer Studien geholfen haben. Ein Problem war auch, dass in den Expertengremien so viele Bedenken bestehen, diese nichtrandomisierten Studien zu benutzen.

Hätten Institutionen wie RKI und WHO nicht im Sinne des Vorsorgeprinzips bei unklarer Datenlage sicherheitshalber eher zur Maske raten sollen als umgekehrt?

Die Institutionen hätten sich anders entscheiden können, aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen. In der westlichen Wissenschafts-Community hieß es, es gibt keine Daten - weil sich bis dato niemand die Mühe gemacht hatte, die nichtrandomisierten Studien systematisch anzuschauen. Andere Wissenschaftler bewerten diese Arbeiten auch kritischer als wir.

Aber es geht hier ja nicht um ein teures Medikament, sondern um eine einfache Maßnahme, von der wir aus Asien zumindest starke Hinweise hatten, dass sie hilft.

Das würde ich auch so sehen. Es ist nicht besonders umständlich, eine Maske zu tragen und kostet kaum Geld für den Einzelnen im Vergleich zu teuren Therapien. Wenn das Infektionsrisiko sehr klein ist, müssen allerdings sehr viele Menschen eine Maske tragen, um eine einzelne Infektion zu verhindern. Und Nebenwirkungen, allerdings leichter Art, sind auch möglich.

WHO und RKI haben argumentiert, dass Masken sogar die Gefahr erhöhen, sich zu infizieren.

Es bestand die Angst, dass Menschen sich durch Masken so sicher fühlen, dass sie andere Verhaltensregeln wie Abstand halten oder Hände waschen nicht mehr befolgen würden. Aber da gibt es jetzt Hinweise, dass das nicht stimmt. Eine Infektionsquelle könnte allerdings das Auf- und Absetzen der Maske sein. Aber wohl weniger beim normalen OP-Mundschutz, sondern eher bei den FFP2- und FFP3-Masken. Dazu fehlen noch hochwertige Studien.

Von Masken hat das RKI abgeraten, weil randomisierte Studien fehlten. Den Lockdown dagegen hat es befürwortet. Gab es denn Beweise dafür, dass diese Maßnahme hilft?

Nein, dafür gab es meines Wissens keine hochwertige Evidenz. Es ist in China und Italien zu einer Explosion der Infektionszahlen gekommen, wir haben dann allerdings relativ schnell gesehen, dass der sehr harte Lockdown, den China gemacht hat, zu einem Stopp der Übertragungen geführt hat.

Aber dann hätte man auch das Maskentragen aus Asien kopieren können.

Alleine wäre diese Maßnahme nicht ausreichend gewesen. Es geht um die Kombination verschiedener Verhaltensregeln. Dazu gehört auch Handhygiene. Und selbst wenn man eine Maske trägt, sollte man nicht nach vorne raus in die Maske husten, sondern in die Ellenbeuge.

Hat uns im Westen der Sars-Schock gefehlt, um den Wert der Masken erkennen zu können?

Ich glaube schon. In vielen Ländern Asiens hat sich mit der damaligen Epidemie das Masketragen etabliert. Vor 100 Jahren, als die spanische Grippe ausbrach, gab es in einigen Teilen der USA auch eine Maskenpflicht. Wenn diese Erfahrung nicht vor so langer Zeit gewesen wäre, hätte man im Westen auch nicht solche Probleme mit dem Maskentragen gehabt.

Ist Covid-19 ein Weckruf?

Es ist wahrscheinlich so, dass es irgendwann eine Pandemie mit einem Erreger geben wird, der gefährlicher ist als Sars-CoV-2. Möglicherweise erleben wir das nicht mehr, aber sie wird kommen - und dann wäre es gut, wenn sich ins gesellschaftliche Bewusstsein eingeprägt hat, dass Masken gegen die Verbreitung von Atemwegsinfektionen helfen können.