Berlin - Die Jannowitzbrücke in Berlin-Mitte am späten Nachmittag. Der Verkehr staut sich. Autos schieben sich aus einer Seitenstraße in die Kreuzung. Ein Mann brüllt aus dem offenen Seitenfenster: „Nu’ fahr doch endlich, du Affe!“ Ein Fahrradfahrer zeigt seinen ausgestreckten Mittelfinger, weil er sich angesprochen fühlt, obwohl er gar nicht angesprochen ist. Irgendwo vorne an der Ampel hupt jemand, und jemand anderes hupt zurück. Der Gestank von Abgasen liegt in der Luft, dazu eine gefühlt tropische Hitze – und jede Menge Aggressivität.

Berlin steuert auf ein besonders heißes Wochenende zu. Die Stadt wird schwitzen. Und ihre Bewohner werden nicht immer freundlich miteinander umgehen. Denn mit steigender Hitze steigt auch die Aggressivität, die sich in Worten Bahn brechen kann, mit einer Hand auf der Hupe und manchmal sogar der Faust im Gesicht eines Gegenübers.

Hitze begünstigt Gewalt und Kriminalität. Das belegen zahlreiche Studien. Viele stammen aus den USA. Zum Beispiel vom John Jay College of Criminal Justice, New York State, aus dem vergangenen Jahr. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass hohe Temperaturen, kombiniert mit Luftfeuchtigkeit, die Zahl der Delikte in die Höhe treibt. Demnach verübten Täter zwischen 18 und 21 Jahren bei Hitze 47 Prozent häufiger Diebstähle. Schwere Übergriffe nahmen um 44, Einbrüche um 41 und Raub um 43 Prozent zu.

Autofahrer hupen bei Hitze schneller

In einem Experiment wiesen Douglas Kenrick und Steven MacFarlane Mitte der Achtzigerjahre einen Zusammenhang zwischen Hitze und aggressivem Verhalten von Autofahrern nach. Sie stellten eine Situation an einer Ampel nach, bei der ein Wagen das grüne Signal ignorierte. Je höher die Temperatur, desto schneller hupten die Hinterleute. Und 2017 wies eine Studie den Einfluss von Hitze und Straßenlärm auf Leistung, Stimmung und Sozialverhalten nach.

„Hitze wirkt als Verstärker“, sagt Konfliktforscher Andreas Zick. Der Professor an der Universität Bielefeld befasst sich intensiv mit dem Einfluss des Klimas auf Gewaltbereitschaft und Kriminalität. Er ist auch mit den Gegebenheiten in Berlin bestens vertraut. „Grob zusammengefasst, können wir aufgrund großer Studien aus Klimazonen sowie Feldstudien und Experimenten festhalten, dass Hitze ab einem bestimmten Punkt als unangenehm, ärgerlich, eben aversiv empfunden wird.“ Das erleichtere negative Gefühle, die sich gegen andere richten könnten.

Allerdings macht Hitze allein nicht gewalttätig und kriminell. Andere Faktoren müssen dazukommen. Berlin bietet einige. Mit einer Durchschnittstemperatur von 13,4 Grad ist die Stadt eine der wärmsten in Deutschland. Tropennächte mit Temperaturen jenseits der 20 Grad häufen sich, sie erschweren einen tiefen und gesunden Schlaf. Müdigkeit und Erschöpfung zehren an den Nerven. Das sind die Folgen des voranschreitenden Klimawandels. Gleichzeitig wandeln sich Berlins Bevölkerung und die Bedingungen, unter denen sie lebt.

Bis zum Beginn der Pandemie ist die Hauptstadt rasant gewachsen. Der Platz wird knapper, ob im Straßenverkehr, in Bus und Bahn, auf öffentlichen Plätzen oder in Parks. Gleichzeitig wächst die soziale Ungleichheit. Die Preise ziehen an, das Leben wird teurer, wer arm ist, wird noch ärmer. „Alle Daten, die uns vorliegen, zeigen, dass diese Faktoren eine große Rolle spielen“, sagt Konfliktforscher Zick. „Menschen  denken dann, sie wären ohnehin abgehängt und diese Gesellschaft würde immer mehr einem Verteilungswettbewerb gleichen.“ Die Grundstimmung wechselt ins Aggressive. Der Boden ist bereitet für Gruppen, „die diese Aggression bedienen und die Aggression mit scheinbarer Rechtfertigung in Gewalt überführen können“, erläutert Zick.

An manchen Orten der Stadt verdichten sich diese Probleme wie unter einem Brennglas. In jenen Freibädern etwa, wo die Gewalt zwischenzeitlich eskalierte, in Pankow, in Neukölln, in Kreuzberg. Manchmal geht zu große Hitze eine tückische Allianz mit zu viel Testosteron ein, mit überschüssigen männlichen Hormonen. Manchmal lässt Alkohol während einer tropischen Nacht die letzten Hemmungen fallen, führt zu Auseinandersetzungen an Party-Hotspots wie der Warschauer Brücke.

Häusliche Gewalt kann verstärkt auftreten

Häusliche Gewalt kann ebenfalls an heißen Tagen verstärkt aufbrechen. Diesen Schluss legen jedenfalls Daten aus Russland nahe. Einer Analyse aus dem Jahr 2020 zufolge stieg dort an hochsommerlichen Wochenenden für Frauen zwischen 25 und 44 Jahren das Risiko, getötet zu werden. Durchschnittlich 1,4 pro eine Million Einwohnerinnen, rechneten  Wissenschaftler aus erhobenen Daten hoch, wurden Opfer von Gewalt, während der Woche dagegen nur 0,53. Die Vermutung: An den freien Tagen waren die Frauen länger mit potenziell aggressiven Partnern zusammen.

Enge begünstigt Gewalt. In Berlin leiden vor allem Menschen in sozialen Randlagen unter diesem Effekt. Quartiere wie Heerstraße Nord zum Beispiel, wo sich nicht selten eine mehrköpfige Familie mit wenigen Quadratmetern begnügen muss. Hochhäuser prägen das Stadtbild, Flächen sind weitgehend mit Asphalt und Beton versiegelt. Im Sommer staut sich die Hitze, stärker als in Gegenden wie Dahlem mit einer aufgelockerten Bebauung. „Die Daten zeigen, dass es eher Gebiete sind, die ohnehin schon hohe Belastungen für ihre Bewohner mit sich bringen“, sagt Zick. „Zum Glück sind die Bedingungen in Deutschland überhaupt nicht vergleichbar mit den Regionen, in denen Hitze eher mit Gewalt einhergeht.“

Slums in Brasilien etwa stehen in diesem Ruf, doch die Realität sieht dort zum Teil längst anders aus. „Neue Möglichkeiten der Raumgestaltung und der Abkühlung in südamerikanischen Favelas belegen, dass sich mögliche Hitze-Effekte auf Gewalt bremsen lassen, wenn Menschen die Gelegenheit haben, sich frei  und ohne Angst vor Aggression an kühleren Orten zu bewegen“, sagt Zick. Der Konfliktforscher leitet daraus für Berlin ab: „Ich würde sehr dringend dazu raten, den Effekt des Klimawandels auf die städtische Bebauung und die Raumplanung jetzt schon sehr ernst zu nehmen.“

Metropolen wie Barcelona hätten Millionen in Begrünung investiert, sagt Zick: unter anderem in Verkehrsberuhigung, Entschleunigung, in den Umbau öffentlicher Plätze. Berlins Senatsverwaltung will sich nach eigenem Bekunden ebenfalls auf diesen Weg machen. Allerdings, sagt Zick: „Da ist noch viel  Luft nach oben bei der Frage nach einer lebenswerten Stadt.“ Für die Koalition ergibt sich nämlich ein Dilemma; sie will bis 2030 insgesamt 200.000 neue Wohnungen bauen, 30.000 davon durch Nachverdichtung. Freiflächen gehen verloren.

Und noch ein ganz anderes Problem gilt es zu lösen, in Berlin, in der gesamten Republik: „Eine wissenschaftliche Begleitforschung ist notwendig, allein um mit mehr Daten bessere Steuerungsmöglichkeiten wie auch eine Rechtfertigung für einen ökologischen Stadtumbau zu haben.“ Der Zusammenhang von Hitze und Gewalt ist für Deutschland bisher weitgehend unerforscht. Die meisten Erkenntnisse dazu stammen aus Ländern außerhalb von Westeuropa. Mit Blick auf die Bundesregierung sagt Zick: „Es wäre klug, einen Forschungsauftrag zu vergeben, damit wir endlich verlässliche Antworten geben können.“

Konfliktforscher: Der Mensch gewöhnt sich nicht an Hitzestress

Auf zwei Dinge ist nämlich Verlass: Der Klimawandel schreitet unvermindert voran. Prognosen zufolge werden in Berlin im Jahr 2050 die Temperaturen denen ähneln, die heute in Canberra/Australien herrschen, wenn nicht rasch gegengesteuert wird. Und noch etwas ist gewiss: Dass der Mensch sich irgendwann an den Hitzestress gewöhnt, scheint ausgeschlossen zu sein. „Leider können wir an diesen evolutionären Effekt nicht einfach glauben“, sagt Zick. Die Erfahrung lehrt: Auf Hitzewellen und Dürren folgt in Ländern, die davon regelmäßig heimgesucht werden, oft eine Welle der Gewalt. „Angesichts der Daten, die uns vorliegen, müssten wir evolutionär klüger leben“, sagt Zick, „aber das tun wir eben nicht.“

Ein Mechanismus mag jedoch leise Hoffnung wecken. Bei 26 Grad steigen Aggression und Gewaltbereitschaft, ab 29 Grad flacht die Kurve wieder ab, jenseits der 33 Grad beruhigt sich der Mensch. Extreme Hitze macht träge. Zu träge, um sich zu prügeln, zu pöbeln, auszuticken. Was zu beweisen wäre. Zum Beispiel an diesem Wochenende in Berlin.

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