Die Temperatur liegt bei Minus 86 Grad. Das hält niemand lange aus – auch nicht, wenn es hilft.
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BerlinZur Badekleidung tragen sie Mütze, Schal, Handschuhe und dicke Socken. Das Gesicht ist durch eine Maske geschützt, wie sie sonst nur Chirurgen im OP anlegen. Dann öffnet sich die Kühlschranktür. Kältewolken wabern über den Boden. Jetzt ein paar mutige Schritte: Und schon stehen die Patienten in sibirischer Kälte. Frank Ruppenthal schließt hinter ihnen schnell die schwere Stahltür. Jeden Morgen bricht am Wannsee die Eiszeit an. 

Dort, wo die Patienten im Badeanzug jetzt von einem Fuß auf den anderen treten, fällt das Thermometer auf minus 60 Grad. Das ist so kalt wie Sibirien im Winter. Doch die Tiefkühlzelle ist nur der Vorraum. 30 Sekunden später öffnet sich eine zweite Tür. Jetzt kommt die eigentliche Kältekammer. Vier Quadratmeter ist sie groß. Hier herrschen eisige Temperaturen wie im Weltraum: 110 Grad minus! Willkommen in Berlins ungewöhnlichster Rheuma-Station. Willkommen in der Wannseer Kältekammer.

Nach der Kältebehandlung können Gelenke plötzlich besser belegt werden

Sie steht im Immanuel-Krankenhaus an der Königstrasse. Bei minus 110 Grad gefriert hier sogar der Schmerz. Das ist der Sinn der Kältetherapie. „Die meisten unserer Patienten leiden an entzündlichem Gelenkrheuma oder an rheumatischen Krankheiten wie Bechterew und Psoriasis-Arthritis“, erklärt Frank Ruppenthal. Der leitende Physiotherapeut ist für die Therapie in der Kältekammer zuständig. Täglich schleust er bis zu hundert Patientinnen und Patienten in kleinen Gruppen durch den arktischen Kälteschock.

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Der Aufenthalt in der Tiefkühlkammer dauert aber nur höchstens drei Minuten. In dieser Zeit heißt es, ständig in Bewegung zu bleiben. Dann ist der Ausflug schon wieder beendet. Ein angenehmes Wärmegefühl macht sich breit, sobald man sie wieder verlässt. Das Wichtigste aber: Die Schmerzen sind nahezu weg. Oder haben wenigstens  vorübergehend abgenommen.

Durch die Kälte werden entzündungshemmende Menchanismen in Gang gesetzt

Denn nach der Kältebehandlung können die Rheumatiker ihre kranken Gelenke plötzlich wieder viel besser bewegen. Sie gehen dann gleich zur Krankengymnastik und machen Übungen, die sonst wegen der Schmerzen gar nicht möglich wären. Auf diese Weise erhalten sie ihre Gelenke trotz Rheuma einigermaßen beweglich. In der Regel sind mindestens zehn Anwendungen erforderlich, um eine spürbare und anhaltende Wirkung zu erzielen.

Die Haut kühlt sich demnach auf etwa acht Grad Celsius ab. „Die Körpertemperatur bleibt aber während dieser drei Minuten in der Regel stabil“, sagt Chefarzt Andreas Krause, der die Abteilung für Rheumatologie am Immanuel-Krankenhaus Berlin leitet. „Die Kältereize verdrängen hier den Schmerzreiz.“ Durch die Kälte sollen schmerz- und entzündungshemmende Mechanismen in Gang gesetzt werden. „Unsere Behandlung löst mehrere entzündungshemmende Mechanismen aus“, sagt Frank Ruppenthal.

95 Prozent der Schmerzpatienten kann so geholfen werden

„Die Schmerzweiterleitung aus den Gelenken wird gebremst. Das Blut fließt verstärkt in das Innere der Muskulatur, die dadurch mehr Sauerstoff und Nährstoffe erhält. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass wir 95 Prozent der Schmerzpatienten mit der Kältetherapie helfen können.“ Die Kältetherapie schafft nicht nur ein deutlich verbessertes Lebensgefühl für die Betroffenen, sondern hilft auch, schmerzlösende und entzündungshemmende Medikamente (Antirheumatika) einzusparen.

Viele Menschen berichten, dass sie sich nach ihrem ersten Kälteerlebnis viel freier bewegen können. Die Ganzkörperkältetherapie steigert die Leistungsfähigkeit und verbessert das Allgemeinbefinden. Diese Möglichkeit möchte Chefarzt Andreas Krause möglichst vielen seiner Patienten bieten. Der Spezialist leitet die Abteilung für Rheumatologie am Immanuel-Krankenhaus Berlin.

Dazu gehört auch eine Rheuma-Tagesklinik. Dafür braucht man allerdings eine  Einweisung vom Arzt und eine Kostenübernahmeerklärung der Krankenkasse für eine teilstationäre Behandlung. Auch ambulante Patienten sind willkommen, die die Kosten jedoch selbst tragen müssen.