Berlin - Gemeinsam shoppen zu gehen, war für meine Freundinnen und mich in unseren Teenager-Jahren weniger Mittel zum Zweck als ein schöner Zeitvertreib. Regelmäßig tauschten wir Neuigkeiten über die Kleiderstangen von H&M hinweg aus, während wir nach einem neuen Teil für die nächste Party, ein Date oder einfach für den Auftritt in der Schule suchten. Unreflektierte Shopping-Touren gehörten damals zu meinem Alltag. Heute, mit 28 Jahren, setze ich keinen Fuß mehr in Fast-Fashion-Läden, und manchmal fällt es mir schwer.

Ich stand kurz vor dem Abitur, als mir bewusst wurde, dass meine Einkäufe bei "H&M", "Only" und "Tally Weijl" nicht fair waren. In der Schule standen Hungerlöhne in der Fast-Fashion-Industrie und politischer Konsum, wie der Boykott bestimmter Produkte, nicht auf dem Lehrplan. Dafür wurde aber in den Medien über Kinderarbeit in chinesischen Fabriken und von ausbeuterischen Löhnen berichtet. Ich verdrängte mein Wissen und kaufte trotzdem weiter in herkömmlichen Läden ein, weil bekannt wurde, dass auch teure Marken unfair produzieren ließen, ich aber keine weiteren Alternativen kannte und mich ohnmächtig fühlte.

Mit Fast Fashion konnten wir uns alles leisten

Als der erste "Primark" in Berlin eröffnete, ging ich mit drei Freundinnen zur Eröffnungsfeier in Steglitz – mit einem mulmigen Gefühl im Bauch und gleichzeitig mitgerissen vom allgemeinen Enthusiasmus für billige Mode. Der Subtext: Endlich können wir uns alles leisten. Bei Primark müssen wir keine Angst vor dem Preisschild haben. Im Gegenteil: Es wird uns freudig überraschen. Ich hielt ein T-Shirt in den Händen, sah die Ressourcen und die Arbeit – und das Preisschild: 3 Euro. Wie ist das möglich?

Der künstliche Geruch, die riesige, mit Kleidung vollgestopfte Halle und die vielen, teils rücksichtslos wühlenden Hände der anderen Kunden fühlten sich für mich absolut falsch an. Ich kaufte eine Hand voll Kleidungsstücke und kam nie wieder in den Laden zurück. Wenig später stürzte in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza ein. Bei dem schlimmsten Industrieunglück in der Geschichte des Landes wurden mehr als 1100 Menschen getötet, weil die Fabrikbetreiber sie trotz polizeilichem Verbot zwangen, in dem maroden Gebäude zu arbeiten und für Marken wie "Kik", "Primark", "Mango" und "Benetton" zu nähen. Wie hoch musste für die Näherinnen und Näher der Druck gewesen sein, dass sie sich für ihre Arbeit wissentlich in Lebensgefahr begaben?

Ein verqueres Bild von alltäglicher Frauenmode

In Deutschland sind junge Menschen einem ganz anderen Druck ausgesetzt. Im Studium konnte ich mir gerade mal Essen vom Discounter, meine Wohnung und meine Bildung leisten. „Toll!“ würde wohl eine der Näherinnen aus Bangladesch denken. „Durchhalten! Die fetten Jahre werden kommen“, hatte ich gedacht. Während dieser Zeit sah ich Fernsehserien, in denen vermeintlich normale Frauen täglich scheinbar mühelos aussehen wie Mode-Bloggerinnen zur Fashion Week.

Wie konnte es sein, dass die Kleiderschränke dieser Serienfiguren so groß waren wie mein eigener, sie aber in über 120 Folgen Kleidungsstücke nie ein zweites Mal trugen? Nie machten sie sich gegenseitig Komplimente über ihre perfekt abgestimmten Outfits – als wären sie eine Selbstverständlichkeit. Sex and the City, Gilmore Girls, Desperate Housewives waren alles Erfolgsserien, die ein völlig verqueres und unerreichbares Bild von alltäglicher Frauenmode konstruiert haben. Ich wusste das. Trotzdem nährten sie das Gefühl von Neid in mir.

Unerreichbarkeit ist wichtig für die Fast-Fashion-Industrie

Unerreichbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel in der Fast-Fashion-Industrie. Ohne sie hätte die Maschinerie keine Konsumenten mehr, die ständig auf der Suche nach dem nächsten vermeintlichen Schnäppchen sind. Denn wer alles hat, hat keinen Grund mehr etwas zu kaufen. Ewig neue „Must-Haves“ sorgen dafür, dass Menschen mit einem noch so vollgestopften Kleiderschrank glauben, mehr zu brauchen. Jedes Mal, wenn ich neue Trends entdeckte oder von neuen, tollen Kollektionen hörte, fühlte es sich an wie ein innerer Paukenschlag, der in mir einen Impuls für die nächste Shopping-Tour setzen sollte.

Aber je mehr ich mich mit der Mode-Industrie und ihren Auswirkungen auf mein Wohlbefinden beschäftigte, desto mehr erkannte ich, wie viel Fast-Fashion-Frust bereits in mir steckte. Den spürte ich insbesondere im vergangenen Jahr wieder deutlich, als "H&M" wohl versuchte den Feminismus zu kapern und T-Shirts mit dem Aufdruck „Feminism“ und darunter der populären Definition „Die radikale Ansicht, dass Frauen Menschen sind“ verkaufte. Was wohl die unterbezahlten Näherinnen bei der Herstellung dachten?

Meine faire Kaufentscheidung ist politisch

Vor zwei Jahren entschied ich darum, Hersteller von billiger Kleidung nicht mehr mit meinem Geld zu unterstützen. Wie eingangs erwähnt, war politischer Konsum während meiner Schulzeit kein Teil der Lehrpläne. Aber irgendwann hatte ich auch von selbst erkannt, dass ich bei jeder meiner Kaufentscheidungen meine Stimme für oder gegen einen Prozess abgebe. Das Problem ist, dass Konsumenten die Produktionsumstände hinter einem Kleidungsstück nicht kennen können, wenn sie sich nicht gezielt über sie informieren.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Verkäufer von Marken, die nicht durch die internationalen Siegel GOTS oder IVN als nachhaltig und fair zertifiziert wurden, sogenanntes „Greenwashing“ betreiben statt zuzugeben, Fast Fashion zu verkaufen. Sie verkaufen die Kleidung grüner als sie wirklich ist, in dem sie behaupten, dass der Hersteller sich „bemüht“ und auf einen nachhaltigen Produktionsprozess „schon versucht“ zu achten. Das habe ich auf meine Nachfrage hin tatsächlich bereits drei Mal gehört. Für mich ist das mittlerweile das Signal, den Laden zu verlassen.

Fair Fashion aus Bangkok?

In den zwei Jahren, in denen ich nun keine Fast-Fashion-Kleidung mehr kaufe, habe ich fast 600 Euro für drei Pullover, ein Kleid, ein T-Shirt, einen Body, 2 Slips und 3 BHs ausgegeben. Ich habe bei "Loveco" in Friedrichshain eingekauft, bei "Woodstories" und "Studio Hertzberg" in Neukölln, über "Avocadostore" online, bei "Dariadéh" in Wien und bei "Essentials For Zula". Letztere Marken gehen offen damit um, in Bangladesch und Thailand zu produzieren. Es ist ein Trugschluss, dass alle Kleidungsstücke, die aus Asien kommen, unter schlechten Bedingungen hergestellt wurden.

Beispielsweise arbeiten sowohl "Dariadéh" als auch "Essentials For Zula" ausschließlich mit GOTS-zertifizierten Stoffen und unter der Aufsicht der Fair Wear Foundation. Diese Organisation setzt und kontrolliert Standards wie das Verbot von Kinderarbeit (frühestens ab 15 Jahren), eine sichere Arbeitsumgebung und faire Löhne. Aber warum produzieren zwei österreichische Marken nicht in Österreich? Madeleine Alizadeh von "Dariadéh" argumentiert auf ihrer Onlineshop-Seite, dass die Marke in Bangladesch dabei helfen soll, bessere Standards zu setzen, statt sich zurück zu ziehen und die Länder der Fast-Fashion-Industrie zu überlassen. Mir liegt trotzdem die Frage auf der Zunge, ob die Produktion dort nicht auch einfach viel billiger ist.

Second-Hand-Kleidung von Flohmärkten – oder YouTubern

Wenn ich mit meinem Geld nun in Fair Fashion investiere, habe ich kein schlechtes Gewissen mehr. Ich mag das Gefühl, faire Hersteller zu unterstützen, damit sie mehr Gewicht in der Mode-Industrie bekommen. Ich kann mir nicht ständig ein neues Kleidungsstück kaufen und wertschätze meine Stücke viel mehr als früher. Und genau dort fängt doch bewusster Konsum an. Laut einer Greenpeace-Umfrage kauft jeder Deutsche durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke im Jahr, bei mir waren es im vergangenen Jahr sechs.

Ich habe aber auch ein paar gebrauchte Kleider in meinen Kleiderschrank aufgenommen. Second Hand ist für mich eine gute Möglichkeit, für kleineres Geld einkaufen zu gehen, ohne der Umwelt oder Menschen zu schaden. Zwischen März und Oktober gehe ich gerne mal sonntags zum Flohmarkt am Maybachufer. Eines meiner Lieblingskleider habe ich sogar über Instagram einer Frau abgekauft, der ich folge. Es lohnt sich, die Augen offen zu halten. Vor zwei Jahren veröffentlichte die YouTuberin Nilam Farooq ein Video, in dem sie ihren Kleiderschrank ausmistet. Ich sah eine wirklich schöne, pinke Bluse, die sie nicht mehr haben wollte. Ich schrieb sie an und freute mich wenige Tage später über meine neue Bluse.

Kleidung liegt auf der Straße

Ein paar Kleidungsstücke in meinem Schrank habe ich quasi auf der Straße gefunden. Es gibt in Berlin einige Orte, an denen Tauschkästen an Hauswänden angebracht sind, und in die Menschen Dinge reinlegen und herausnehmen können. So habe ich bereits ein schönes T-Shirt und diesen schönen, grauen Pullover für mich gefunden.

Es ist schon komisch: Bei Bücherboxen fühlt es sich nicht halb so bedürftig an, wenn man sich ein Buch herausnimmt wie bei Kleidung aus einer Tauschbox. Alte Bücher haben etwas Nostalgisches, Kleidung nicht. Dabei werden viele Kleidungsstücke tatsächlich nur so kurz getragen, dass sie oft wie neu in den Tauschboxen landen. Der Instagram-Account der Berlinerinnen Karina Papp & Anna Vladi zeigt, dass man aus Kleidung von der Straße einen Mode-Blog gestalten kann.

Auch zu Kleidertausch-Partys gehe ich gerne mal. Davon gibt es viele in Berlin. Beim Kulturlabor Trial & Error in Neukölln können sogar regelmäßig, jeden Dienstag und Donnerstag, kostenlos Kleider getauscht werden.

Brauche ich neue Kleidung oder eine Umarmung?

Ich finde die Kleider von Fast-Fashion-Läden immer noch ansprechend, wenn ich zufällig an ihnen vorbeigehe. Aber ich gehe bewusst weiter. Ich nehme auch bewusst wahr, wenn ich einkaufen gehen möchte. Doch im Gegensatz zu früher gehe ich nicht sofort in den nächsten Laden, sondern erstmal in mich. Ich frage mich, was diesen Impuls ausgelöst haben könnte. Möchte ich mich für etwas belohnen, frage ich mich, warum das, was ich getan habe, eine Belohnung nötig hat. Wie kann ich mich mit meinem Tun belohnen und nicht mit Dingen? Hatte ich vielleicht einen anstrengenden Tag und brauche einfach nur eine Umarmung? Ich gebe meinen Gefühlen und Bedürfnissen Raum, statt sie mit Kleidern zu überdecken.

Aber all das behebt noch nicht die Ursache des Problems. Denn der übermäßige und rücksichtslose Konsum von Kleidung ist nur ein Symptom von vorangegangenen Einflüssen – durch Medien, Freunden oder Familie. Ich bin viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, besonders Instagram nutze ich gerne. Ich habe beobachtet, dass nicht nur TV-Serien Neid in mir auslösen, sondern auch bestimmte Online-Profile. Ich fing an, zwischen Neid und Inspiration eine Grenze zu ziehen und alles, was mich nicht inspirierte, zu löschen. Ich folgte keinen Profilen mehr, die sich auf Oberflächlichkeiten fokussieren – weil ich das gezwungenermaßen auch tat, während ich mir die Inhalte ansah.

Im Prinzip ist es einfach: Wer seinen Fokus im Leben ändern möchte, sollte sich mit allem umgeben, was diesem Fokus entspricht. Die richtigen Vorbilder machen Veränderungen leichter. Für die Zukunft wünsche ich mir daher mehr medial präsente Vorbilder, die junge Menschen ermutigen, bewusst und verantwortungsvoll einzukaufen – oder eben auch mal gar nicht.

Anne Dittmann ist Redakteurin bei der Berliner Zeitung. Seit 2015 versucht sie, ihren Alltag möglichst nachhaltig zu gestalten. Hier berichtet sie regelmäßig über ihre Erfahrungen und gibt Tipps zu Themen wie Plastikmüllvermeidung, vegane Ernährung und einen nachhaltigen Konsum.