Ein Mundschutz soll gegen die Infektionsgefahr helfen. 
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BerlinUS-Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo sind überzeugt, das neuartige Coronavirus habe seinen Ursprung in einem chinesischen Forschungslabor. Infolge eines Laborunfalls sei es entwichen, sagen sie. Das ist eine Variante der Behauptungen über den Pandemiebeginn. Eine andere postuliert, bei Sars-CoV-2 handle es sich um ein künstliches Virus, das absichtlich in die Welt entlassen wurde.

Die Gründe für eine solche Manipulation reimt man sich unterschiedlich zusammen. Die einen behaupten, Microsoft-Gründer Bill Gates stecke dahinter. Er wolle mit seiner Gesundheits-Stiftung eine Zwangsimpfung erreichen oder beabsichtige, alle Menschen digital zu überwachen und die Weltbevölkerung zu reduzieren. Andere vermuten ein chinesisches Waffenlabor als Drahtzieher oder behaupten, Geheimagenten hätten das Virus verbreitet.

Fakt ist: Die Frage nach dem Ursprung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 können Wissenschaftler auch mehr als vier Monate nach seiner Entdeckung nicht mit Sicherheit beantworten. Vielleicht wird sie sogar für immer unbeantwortet bleiben. Wissenschaftler können aber durchaus beurteilen, wie plausibel und wahrscheinlich die jeweiligen Hypothesen zum Ursprung sind.

In dieser Hinsicht liegt nach wie vor das gängige Szenario vorn, demzufolge Sars-CoV-2 durch zufällige genetische Veränderung auf natürlichem Weg entstanden und dann von Tieren auf den Menschen übergegangen ist. „Auf diese Weise kam es auch bisher schon zu Krankheiten, die für den Menschen neu und gefährlich sind – beispielsweise HIV, das zuvor bei Affen kursierte, neue Grippeerreger, die von Geflügel oder Schweinen übergesprungen sind, oder Ebola, ein Virus, das sonst bei den zu den Fledertieren zählenden Flughunden vorkommt“, sagt Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Gießen, der für die Berliner Zeitung einen prüfenden Blick auf folgende drei Hypothesen geworfen hat.

Hypothese 1: Sars-CoV-2 ist künstlich erzeugt worden

Als „äußerst unwahrscheinlich“ wertet Friedemann Weber die Variante, der zufolge Sars-CoV-2 das Resultat einer gezielten genetischen Veränderung sein soll. „Dagegen spricht zum Beispiel, dass das Virus Tricks auf Lager hat, die man vorher nicht kannte.“ Dass jemand solche biologischen Kapriolen quasi am Reißbrett durch Manipulation der Erbgutsequenz finde, sei schwer vorstellbar.

So hat das Virus die Wissenschaft zum Beispiel dadurch überrascht, dass es sich besser an menschliche Zellen binden kann, als die Sequenzdaten vermuten lassen. Das liegt vor allem an der Beschaffenheit des sogenannten Spike-Proteins an der Außenseite des Erregers. Mit diesen kleinen Stacheln, die ihm das charakteristische Aussehen verleihen, bindet sich das Virus an die Außenwände menschlicher und tierischer Zellen und durchdringt sie.

Bevor dies geschieht, muss das Spike-Protein jedoch durch ein Enzym in zwei Teile gespalten werden. Bei den bisher bekannten Sars-Viren wird für diese Aktivierungsspaltung ein Enzym gebraucht, das sehr speziell und nicht sehr effektiv ist. Bei Sars-CoV-2 jedoch hilft ein anderes Enzym dabei, die Verbindung zwischen den beiden Hälften zu kappen. Das – aus Sicht des Virus - Geniale daran: Das Enzym, es heißt Furin, kommt beim Menschen in vielen Gewebetypen vor und ist hochaktiv.

Ein Wissenschaftler, der gezielt ein besonders tückisches Virus kreieren will, hätte nicht vorhersehen können, dass diese neue Erbgutsequenz einen solchen Effekt hat.

Friedemann Weber, Virologe, Universität Gießen

Es gab von Forschern sogar schon einmal Versuche im Labor, die Spaltstelle im Spike-Protein eines sogenannten Pseudovirus in diese Richtung zu verändern. Sie hatten aber ergeben, dass der Eintritt in die Zellen damit gar nicht verbessert wird. Sars-CoV-2 hat durch sehr überraschende genetische Umwege dies nun aber doch geschafft. „Das muss durch natürliche Selektion optimiert worden sein“, erklärt Weber. „Ein Wissenschaftler, der gezielt ein besonders tückisches Virus kreieren will, hätte nicht vorhersehen können, dass diese neue Erbgutsequenz einen solchen Effekt hat.“

Mit dieser Auffassung steht der Gießener Forscher nicht allein da: Ein Team um Kristian Andersen vom Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien, kam im Fachjournal Nature Medicine bereits Mitte März zur gleichen Einschätzung. Die Experten sehen noch ein weiteres Argument, das gegen eine gezielte Genveränderung spricht: „Wenn jemand versucht hätte, ein neues Coronavirus als Krankheitserreger zu entwickeln, hätte er es aus dem Rückgrat eines Virus konstruiert, von dem bekannt ist, dass es Krankheiten verursacht“, schreiben die Wissenschaftler. Das erscheint auch Friedemann Weber einleuchtend. In den Sequenzdaten von Sars-CoV-2 finde sich aber keinerlei „Fingerabdruck“ von bereits bekannten Viren.

Sars-CoV-2- unter dem Elektronenmikroskop. Mit den Spike-Proteinen – den  kleinen Stacheln, die ihm das charakteristische Aussehen geben – bindet sich das Virus an die Außenwände menschlicher oder tierischer Zellen und durchdringt sie.
Foto:  NIAID-RML/AP

Weber erteilt auch den Mutmaßungen des französischen Medizinnobelpreisträgers Luc Montagnier eine klare Absage. Der 87-Jährige, der zu den Entdeckern des Aids-Erregers zählt, hatte verkündet, bei Sars-CoV-2 Teile des HI-Virus entdeckt zu haben, die offensichtlich von Menschenhand eingefügt wurden. „Das ist Unsinn. Jeder Doktorand kann diese Behauptung widerlegen, wenn er die Daten vergleicht“, so Weber. Montagnier zähle zu den Forschern, die von der Realität abgedriftet seien. Der Franzose verbreite zum Beispiel auch die Information, dass eine gesunde Ernährung, Antioxidantien und Hygiene im Kampf gegen Aids wichtiger seien als einschlägige Arzneimittel. Noch dazu sei er überzeugt von der Heilkraft der Homöopathie. „Man kann einfach nicht mehr ernst nehmen, was Luc Montagnier behauptet“, erklärt Weber.

Hypothese 2: Sars-CoV-2 ist aus einem Labor entwichen

Die von Donald Trump und einigen anderen verbreitete These, Sars-CoV-2 sei durch ein Versehen oder fehlerhaften Umgang aus einem Labor entwichen, ist schwieriger zu überprüfen. Es klingt sogar irgendwie einleuchtend. Denn Chinas einzige Forschungseinrichtung mit einem Labor der höchsten Sicherheitsstufe 4, das Institut für Virologie, hat ausgerechnet in Wuhan seinen Sitz, wo die Pandemie ihren Anfang nahm. Noch dazu befindet sich das Gebäude offenbar nicht weit von dem Markt, der von Anfang an als Ausgangspunkt vermutet wurde, weil dort unter anderem Wildtiere gehandelt werden. Ist dieser Markt also fälschlicherweise ins Visier geraten?

Der Leiter des Labors, Yuan Zhiming, hatte Vorwürfe, das Coronavirus sei dort freigesetzt worden, bereits vor längerer Zeit zurückgewiesen. Und auch sonst fehlen jegliche Indizien dafür. Trump und Pompeo behaupten zwar, signifikante Belege dafür zu haben. Rausgerückt haben sie diese bislang aber nicht. Vor einigen Tagen wurde nun bekannt, dass westliche Geheimdienste die Theorie von einem Laborunfall als Ursprung der Pandemie mit dem Coronavirus offenbar für „höchst unwahrscheinlich“ halten. Der US-Nachrichtensender CNN zitierte drei Quellen, die anhand der Erkenntnisse der Five Eyes genannten Geheimdienst-Allianz der USA mit Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland entsprechenden Verdächtigungen widersprachen.

Wenn tatsächlich an diesem neuartigen Coronavirus bereits im Labor geforscht worden ist, hätte man schon Publikationen darüber oder über eng verwandte Vorgänger-Viren sehen müssen.

Friedemann Weber, Virologe, Universität Gießen

„Es ist höchst wahrscheinlich, dass es auf natürliche Weise aufgetreten und die Infektion von Menschen durch natürliche Interaktion zwischen Mensch und Tier erfolgt ist“, habe ein Diplomat gesagt. Auch China hatte die Anschuldigungen zurückgewiesen. Kommentare in chinesischen Staatsmedien sahen eine Strategie der US-Regierung darin, China die Schuld zuzuschieben, um von eigenen Versäumnissen in der Pandemie abzulenken.

Auch jenseits des Hickhacks zwischen den USA und China findet Friedemann Weber die Laborunfall-Theorie eher unwahrscheinlich. „Wenn tatsächlich an diesem neuartigen Coronavirus  bereits im Labor geforscht wurde, hätte man schon Publikationen darüber oder über eng verwandte Vorgängerviren sehen müssen“, bemerkt er. Die Forschung in China sei  hoch kompetitiv und stehe unter einem unheimlichen Publikationsdruck. Dass da ein neuartiges Virus entdeckt wird und sogleich aus dem Hochsicherheitslabor entkommt, hält er für schwer vorstellbar.

Hypothese 3: Sars-CoV-2 ist natürlichen Ursprungs und von Tieren auf den Menschen übergesprungen

Seit der Entdeckung des neuartigen Coronavirus gehen Wissenschaftler mehrheitlich davon aus, dass der Ausgangspunkt der Corona-Pandemie in der Natur zu suchen ist. Das haben zum Beispiel die Forscher um Kristian Andersen im März in ihrer Studie in Nature Medicine bekräftigt. „Durch den Vergleich der verfügbaren Genomsequenzdaten für bekannte Coronavirus-Stämme konnten wir sicher feststellen, dass Sars-CoV-2 durch natürliche Prozesse entstanden ist“, schreiben sie.

Friedemann Weber kommentiert: „Es ist klar, dass das Virus nicht gebastelt wurde, sondern komplett bio ist, und es ist ziemlich sicher, dass es in einem Tier evolviert hat.“ Vermutlich habe es seinen Ursprung in Fledermäusen. In diesen Tieren finden sich nämlich viele Varianten von Coronaviren.

Eine davon, sie trägt die Bezeichnung RaTG13, stimmt in ihrer Erbgutsequenz zu 96 Prozent mit der von Sars-CoV-2 überein. „Sie gilt sozusagen als Urahn, hat die Fledermaus aber wohl schon vor mehr als zwanzig Jahren verlassen“, erläutert Weber. Die letzten genetischen Kniffe, durch die das Virus es geschafft hat, Menschen effizient zu infizieren und von Mensch und zu Mensch weitergegeben zu werden, entstanden vermutlich in einem Zwischenwirt. „Welches Tier das gewesen ist, weiß man bislang nicht.“

Ein plausibles Szenario ist, dass das Virus von der Fledermaus in eine Marderhund-Farm eingedrungen ist und irgendwann – sehr wahrscheinlich mehrfach – auf Menschen übersprang.

Friedemann Weber, Virologe, Universität Gießen

Der Charité-Virologe Christian Drosten hat Marderhunde im Verdacht. Das erscheint auch dem Gießener Experten plausibel, denn Marderhunde werden in China auf Farmen für die Pelzzucht gehalten – sie haben also mehr Nähe zu Menschen als Fledermäuse. „Ein plausibles Szenario ist, dass das Virus von der Fledermaus in eine Marderhund-Farm eingedrungen ist und irgendwann – sehr wahrscheinlich mehrfach - auf Menschen übersprang“, betont Weber. Das könne in der Farm oder auf einem Markt geschehen sein. Auch das schon zu Anfang häufig diskutierte Pangolin (Schuppentier) könnte der gesuchte Zwischenwirt gewesen sein.

„Wenn es zu solchen Zoonosen, also zum Überspringen eines Krankheitserregers vom Tier auf den Menschen kommt, ist das meist kein einmaliges Ereignis“, erläutert der Experte. Die Viren bräuchten in der Regel mehrere Anläufe, bis sie durch zufällige genetische Veränderungen derart ausgestattet sind, dass sie den Artensprung schaffen.

„Diese vorangegangenen Versuche könnte man sogar nachweisen, indem man Blutproben von Einwohnern aus der Region um Wuhan untersucht, die in der Zeit vor der Pandemie gewonnen wurden. Auf diese Weise könnte man Antikörper gegen diese frühen Varianten von Sars-CoV-2 finden“, erläutert Friedemann Weber. Die Weltgesundheitsorganisation WHO strebe eine solche Untersuchung an, China lasse sie jedoch nicht zu. Dieses Verhalten sei schwer zu verstehen. Denn damit ließe sich ja auch ein einmaliges Überspringen, wie es bei einem Laborunfall geschehen wäre, ausschließen.

Weber vermutet, dass eine solche Untersuchung den chinesischen Behörden schlicht peinlich ist. „Denn dabei würde sich dann auch zeigen, dass die Infektion schon länger in der Region wütete und eben nicht umgehend unter Kontrolle gebracht wurde, wie es bislang dargestellt wurde“, sagt der Virologe. Er erinnert an die für asiatische Kulturen typische Angst vor Gesichtsverlust. Sollte diese Angst dahinter stecken, wäre das taktisch nicht gerade geschickt. Denn auf diese Weise gären die Mythen um den Ursprung des Virus wohl weiter.