Rauchschwaden von einem Waldbrand in der radioaktiv belasteten Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl. 
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MoskauJetzt dröhnen jeden Morgen Hubschrauber, auf dem Marktplatz von Tschernobyl steht ein Feldlager für Feuerwehrleute aus dem ganzen Land. „Die herrenlosen Hunde haben sich an die Lage gewöhnt, einige sind zum Hubschrauberlandeplatz umgezogen, andere machen Besuche in die Zeltstadt der Löschmannschaften“, schreibt der Nuklearökologe Denis Wischnewskyj. „So begehen wir dieses Jahr den 26. April.“

Seit über drei Wochen brennt in der Zone von Tschernobyl der Wald, auch am 34. Jahrestag der Reaktorkatastrophe sind die Feuer noch nicht gelöscht. Insgesamt wurden 35000 Hektar von den Flammen erfasst, über 1000 Feuerwehrleute sind mit 230 Fahrzeugen im Einsatz, außerdem drei Hubschrauber und drei Löschflugzeuge.

Aber angesichts großer Trockenheit befürchten Umweltschützer, dass die Brände in den atomar verseuchten und 260.000 Hektar großen Wäldern noch immer nicht gelöscht werden können. „Die Brandherde befinden sich oft in unzugänglichen Gehölzen, sind für Löschfahrzeuge nicht erreichbar“, sagt Ljudmila Bogun, Bloggerin und Tschernobyl-Expertin, unserer Zeitung.

Zwar gelang es, die Feuer in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks sowie eines großen atomaren Endlagers zu löschen. Aber an vielen Stellen schwelen oder brennen noch Grasböden, Fallholz, Baumstümpfe und Stämme. Auch unterirdische Torflager sollen Feuer gefangen haben. Abgesehen von der akuten Gefahr drohen Klimawandel und wachsende menschliche Fahrlässigkeit, die Waldbrände in der Sperrzone zum chronischen Problem zu machen.

Und die Einwohner Kiews brauchen seit Wochen starke Nerven. In der ukrainischen Hauptstadt wurde nach dem Ausbruch der Waldbrände in der Sperrzone erhöhte, aber durchaus noch zulässige Radioaktivität gemessen. Vergangenen Dienstag, die Flammen hatten sich laut Augenzeugen dem Unglücksreaktor von 1986 schon auf 200 Meter genähert, löschte ein Wolkenbruch die meisten Feuer. Wenige Tage später verhüllten neue Rauchwolken die ganze Stadt. Zum Glück kein radioaktiver Rauch, er stammte diesmal von Waldbränden aus der westlichen Nachbarregion Schytomyr. Aber vergangenes Wochenende lag der Luftverschmutzungsindex mit 361 Punkten siebenmal über der zulässigen Norm, Kiew war an diesem Tag die schmutzigste Stadt der Welt.

Expertin Bogun sagt, abnorm stürmische Winde hätten die nur noch glimmenden Feuer neu entfacht. „Ein regelrechter Sandsturm tobte, und das in unseren Breiten.“ Sergij Gaschtschak vom Tschernobyl-Zentrum für Atomare Sicherheit und Radioökologie schreibt auf Facebook, die verwilderten Kiefernmischwälder, aus denen die Zone zu 70 bis 80 Prozent bestehe, seien durch milde Winter mit sehr geringen Niederschlägen ausgetrocknet worden, ebenso Wasserläufe und Torfmoore. „Kaum irgendwo in Europa gibt es solch einen Umfang toter, hängender oder liegender Baumstämme. Eine wertvolle Komponente für ein neu wachsendes Ökosystem, aber im dürren Zustand reiner Brennstoff.“

Nach Ansicht der Umweltschützer haben es die ewig klammen und oft korrupten Behörden versäumt, in dieser Taiga Brandschneisen anzulegen. Jetzt redet Innenminister Arsen Awakow von gezielter Brandstiftung, einer seiner Berater spekuliert auf Facebook über Provokateure, die mit dem Feuer Panik säen wollten. Aber bei den bisher gefassten Verdächtigen handelt es sich um Dorfeinwohner, die zu Düngezwecken Altgraswiesen abbrennen wollten. „Wegen der Quarantäne“, glaubt Sergij Mirny, Gründer und Chefökologe des Reiseunternehmens Tschernobyl Tour, „haben die Leute aus lauter Langeweile Gras angezündet.“

Außerdem strömten immer mehr illegale Touristen, „Stalker“ in die Sperrzone. „Früher waren die meisten Stalker Philosophen“, sagt Ljudmila Bogun, „sie betrachteten die Zone als Heiligtum.“ Aber es tauchten zunehmend Idioten auf, die sich betränken, grillten, in Ruinen Partys veranstalteten. „Jetzt stellen sie Videos ins Netz, auf denen das AKW Tschernobyl schon brennt.“

Die EU hat der Ukraine Hilfe angeboten, will unter anderem die Region per Satellit überwachen, um neue Brandherde schneller zu entdecken. Aber der radioaktiv besonders verseuchte „rothaarige Wald“ in der Zone ist zum Teil schon abgebrannt.

Und im 110 Kilometer südwestlich gelegenen Kiew wurden schon Cäsium-Werte von 200 Mikrobecquerel gemessen – ein noch ungefährlicher Wert, der aber die natürliche Konzentration um das 200-fache übersteigt. „Wir reden von Cäsium, weil es gut erforscht ist“, erklärt der Atomwissenschaftler Ivan Kovalets der Zeitung Fakty. Im Gegensatz zu Strontium und anderen hochaktiven Radionukliden, die viel schwieriger zu messen seien. „Cäsium hin oder her, es ist unbekannt, was hinter solch einem ungewöhnlich hohem Wert steht.“ Niemand weiß, was der Rauch der Tschernobyler Waldbrände nach Kiew und anderswo tragen kann.