Der Wanderimker vom „Bombodrom“: Bernd Rümenapf bei seinen Bienen am Kornblumenfeld.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

RägelinDer Königinnenwald ist ein besonderer Ort. Dabei sieht er ganz und gar nicht so aus. In dem kleinen Waldstück stehen neben Laubbäumen auch die üblichen Brandenburger Kiefern, hoch und schlank. Der Acker daneben ist platt und weit. Nichts Besonderes.

Doch für einen Imker und seine wichtigsten Bienen ist diese Stelle ziemlich perfekt. Das Wäldchen steht auf leicht hügeligem Grund, sodass die Stelle wunderbar windgeschützt ist und die Insekten beim Flug nicht so schnell davongeweht werden. Auch gibt es hier einen Bach und damit Wasser für die Bienen. Außerdem ist das Wäldchen fernab des nächsten Dorfes, sodass die Bienen niemanden stören.

Hier in seinem Königinnenwald gründet Bernd Rümenapf gerade wieder ein paar neue Völker mit am Ende wohl mehr als zwei Millionen Bienen. Der Imker hat mehr als 30 kleine Wabenkästchen zwischen den Bäumen aufgestellt. In den Holzkisten sind die Waben, so groß wie Aktenordner. Dort lebt jeweils eine Königin. Rümenapf erzählt, dass auch deren Eier anfangs ganz normal aussehen. Sie werden nur deshalb zu einer Königin, weil die anderen Bienen sie mit dem legendären Gelée Royale füttern, einer Masse, die aussieht wie Nivea-Creme und bitter schmeckt.

Eine Arbeiterin wird meist nur sechs Wochen alt, eine Königin aber vier Jahre alt. Sie legt die Eier und prägt so die Eigenschaften ihres Volkes. Die Imker haben bei der Königinnenzucht ganz klare Ziele: Die Bienen sollen viel Honig produzieren und wenig stechen, also nicht allzu aggressiv sein – gleichzeitig aber sollen sie auch vital und widerstandsfähig sein. „Sie müssen sich gegen Wespen wehren können“, sagt Rümenapf.

Er öffnet ein Kästchen, in dem viele Bienen über die Waben krabbeln. „Jede Königin hat ihren Hofstaat mit jeweils etwa 300 Bienen“, erzählt er. Das ist der Anfang: Irgendwann fliegt die König hinaus, wird während des Fluges von acht bis zehn Drohnen begattet, die kurz danach sterben. Die Königin kehrt zurück und legt etwa 2000 Eier – und ihr Volk wächst und wächst. Bis es im August, wenn die Heide blüht, etwa 80.000 Tiere sind. Hier im Königinnenwald sind Rümenapfs Bienen dabei ganz ungestört.

Im Königinnenwald: In diese Kästen befinden sich die Waben, die so groß sind wie Aktenordner, mit den Königinnen.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

EINSAME WEITEN. Ziemlich ungestört ist die Gegend sowieso. Nach klassischen deutschen Bevölkerungszahlen sogar weitgehend unbewohnt. Denn Rümenapf lebt am Rande des einstigen „Bombodroms“, einer riesigen Heidelandschaft in Nordbrandenburg, die seit 1952 als Manövergebiet diente und in der die nachwachsenden Bäume immer niedergebrannt wurden, damit die Panzer der Sowjetarmee ein freies Schussfeld haben. Auf dem Truppenübungsplatz übten auch Bomber den Angriff.

Nach Jahren des erbitterten Protestes gab die Bundeswehr 2009 ihre Pläne auf, das Manövergebiet weiter zu nutzen. Nun steht die Kyritz-Ruppiner Heide, eine Landschaft fast so groß wie Berlin, in weiten Teilen unter Naturschutz. Beste Bedingungen also für Rümenapfs Bienen, die ihm seinen begehrten Heidehonig herstellen.

Der kräftig, würzige Heidehonig ist sein Verkaufshit und der Grund, warum Rümenapf auch nach dem Ende der DDR als Berufsimker vom Honig leben konnte. Auch als Rentner macht der 64-Jährige nun weiter und züchtet fleißig neue Königinnen. Nicht nur aus Gewohnheit, sondern weil er das für wichtig hält in Zeiten des Artensterbens – von dem besonders die Insekten betroffen sind. Rümenapf will dafür sorgen, dass es in seiner Gegend weithin ausreichend Bienen gibt und auch sauberen Honig.

Neben dem Weißtannenhonig aus dem Schwarzwald ist Heidehonig der seltenste und teuerste in Deutschland. „Viele glauben ja, dass er mehrheitlich aus der berühmten Lüneburger Heide kommt“, sagt der Imker aus dem Örtchen Rägelin. Doch das sei eher eine „Symbolheide“, mit wenig Platz für Bienen. „Ende August, wenn hier bei uns die Heide prachtvoll blüht, dann bringen Imker aus ganz Deutschland etwa 3000 Bienenvölker zu uns – auch aus der Region Lüneburger. Bei uns entsteht der meiste Heidehonig Deutschlands“, sagt er und lächelt stolz. In seinem Hofladen kostet das Glas einfacher Rapshonig 4 Euro, der Heidehonig aber 7 Euro. Er beliefert auch die Lüneburger. „Dort wird er dann für 12,99 Euro verkauft.“

INITIALZÜNDUNG. Dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Imker aufgaben, hat viele Gründe: Der Markt wird von oft verunreinigtem oder gepanschtem Billighonig zum Beispiel aus China überschwemmt. Außerdem wurden tödliche Insektenkrankheiten eingeschleppt, die in Zeiten des Klimawandels immer größere Schäden anrichten und ganze Bienenvölker verenden lassen. Und dann ist da noch das allgemeine Insektensterben, für das viele vor allem die ständige Intensivierung der Landwirtschaft verantwortlich machen.

Auch Laien können beobachten, dass immer weniger Fliegen und andere Insekten an den Frontscheiben der Autos kleben. Und die Fachleute wissen längst, dass ganze Insektenarten aussterben. Das, was in den 80er-Jahren das Waldsterben war, ist inzwischen das Insektensterben. Damals wurde die Angst um den deutschen Wald zur Initialzündung für die Umweltbewegung und für den Aufstieg der Grünen. Nun richtet sich der Blick auf die Insekten.

Bienenwagen am Feldrand: Bienen bestäuben 80 Prozent aller Pflanzen in der Natur.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dass sich im Jahr 2019 in Bayern der einst knochenkonservative Markus Söder schlagartig zu einem forschen halbgrünen CSU-Landesvater wandelte, lag vor allem dran, dass dort ein Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt einen überwältigenden Erfolg einfuhr: Im diesem durchaus ländlich geprägten Bundesland gaben 1,7 Millionen Bayern ihre Unterschrift – das waren 18 Prozent der Wahlberechtigten. Sie machten die Bienen-Rettung zum erfolgreichsten Volksbegehren in Bayern. Es folgten Nachahmer-Initiativen in Brandenburg und Baden-Württemberg, und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) fordert nun ein bundesweites Insektenschutzgesetz.

BUNTE FÜßE. Die Bienen von Bernd Rümenapf leben in der Heide quasi chemiefrei und damit paradiesisch. „Alles, was bei mir in den Honig kommt, ist ganz natürlich“, versichert er. „Ich will meinen Kunden nicht zumuten, dass Pflanzenschutzmittel drin sind. Und in dieser Gegend kann ich das garantieren.“ Die Heide sei nun mal riesig. „Da können Sie 15 Kilometer durch die Gegend laufen und treffen niemanden. Da gibt es nicht mal Handy-Empfang.“

Rümenapf kann ganz genau erkennen, was seine Bienen sammeln. Im Königinnenwald stehen auch drei alte Bauanhänger aus DDR-Zeiten, umgebaut zu Bienenwagen – verwittert von Wind und Wetter, aber standfest. Rümenapf erklärt, dass hinter den blauen und gelben Türen die Völker leben. Es ist zu sehen, dass einige Bienen immer am Einflugsloch stehen und unentwegt mit den Flügeln schlagen. Rümenapf erklärt, warum sie dies tun: Zum einen wedeln sie die Feuchtigkeit aus dem Bienenhaus, denn der Nektar, den die Bienen bringen, enthält viermal so viel Wasser wie später der Honig. „Aber jedes Volk hat auch einen individuellen Duft“, sagt er. „Der wird auch nach draußen gewedelt, damit die ankommenden Bienen ihr Zuhause erkennen.“

Die Bienen an der blauen Luke haben alle gelbe Füße. „Das sind die gelben Pollen vom Raps“, erklärt er. Er geht zu einem anderen Volk – und tatsächlich: Alle haben graue Füße. „Himbeere“, sagt Rümenapf und erklärt: Bei der Rosskastanie sind die Pollen ziegelrot, beim Klatschmohn sind sie schwarz, bei der Kornblume ebenfalls grau und bei der Heide schmutzig-gelb.

Der Fachmann erklärt, dass sich echte Bienen überhaupt nicht so verhalten wie Maja im Trickfilm. Sie fliegen nicht von der Rose zur Nelke und dann zur Sonnenblume. Die Bienen eines Volkes einigen sich am Anfang auf eine Nahrungsquelle, und dann werden erst mal nur solche Blüten angeflogen. „Das nennt man Blüten-Stetigkeit. Diese Eigenschaft sorgt dafür, dass wir sortenreinen Honig anbieten können wie Lindenhonig oder eben Heidehonig.“

LIEBLINGSINSEKTEN. Wenn es so etwas gibt wie die Lieblingsinsekten der Menschen, dann sind es nicht Kakerlaken, Heuschrecken, Fliegen und Käfer, sondern Libellen, Schmetterlinge und eben die Bienen. Letztere sind beliebt, obwohl auch sie mit einem Stachel bewaffnet sind. Allerdings sind sie nicht so aggressiv wie Wespen und nicht so nervig wie Mücken.

Das nutzen auch die Unterschriftensammler aus. Ihr Motto lautet in Bayern und Brandenburg: „Rettet die Bienen.“ Eine cleverer Schachzug. „Mit rettet die Mücken“ wäre der Erfolg deutlich kleiner gewesen. Es hätte wohl kaum jemand zugehört, wenn die Umweltschützer erzählt hatten, dass all die kleinen und großen Stecher, die Summer und Brummern, die Krabbler und Kriecher ganz, ganz wichtig sind, weil sie ziemlich am Anfang der Nahrungskette stehen. Und dass wegen des Insektensterbens nun immer weniger Vögel ausreichend Nahrung finden.

Fleißige Tiere: Bienen bei der Arbeit an den Waben.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Doch mit der Biene hatten die Umweltschützer einen Kronzeugen, den die Menschen mögen: Sie stechen nur im äußersten Notfall und liefern leckeren Honig, und sie bestäuben nicht nur die Obstbäume im Garten, sondern auch 80 Prozent aller Nutz- und Wildpflanzen auf den Feldern und in den Wäldern. Wegen dieser „Bestäubungsleistung“ – die auch alle anderen Insekten zusammen nicht ersetzen können – gilt die Biene nach Rind und Schwein als das drittwichtigste Nutztier des Menschen.

Doch überall gehen die Bestände zurück. In China hat das Bienensterben solche Ausmaße angenommen, dass in den Obstplantagen nun Arbeiter auf Leitern steigen, um die Blüten mit Pinseln zu bestäuben. Das zeigt, dass Bienen unerlässlich sind für eine erfolgreiche Ernte in der Landwirtschaft und damit für die Vielfalt auf dem Esstisch.

Und wenn es den Bienen draußen in der Natur gut geht, gilt das auch für andere Insekten. Bienen gelten als ein wichtiger Indikator für die Biodiversität. Und so konnte die Volksinitiative „Artenvielfalt retten“ in Brandenburg in diesem Januar 73.000 Unterschriften an das Potsdamer Landesparlament übergeben. Derzeit wird verhandelt, welche Forderungen die Regierung übernehmen wird.

Die Hauptforderungen sind, dass keine Pestizide in Naturschutzgebieten eingesetzt werden, dass mehr Flächen ökologisch bewirtschaftet werden und dass Landwirte nur subventioniert werden, wenn sie umweltgerecht handeln. Im Aufruf heißt es: „Schwerpunkt ist die Agrarförderpolitik. Ohne einen Wandel in der Landwirtschaftspolitik werden wir das Artensterben nicht aufhalten können.“ Das richtet sich vor allem gegen konventionelle Bauern.

VERHÄRTETE FRONTEN. Die Leute, die sich als Buhmänner der Nation dargestellt sehen, sind an diesem sonnigen Morgen mit 30 Traktoren in die Potsdamer Innenstadt gekommen – und mit sehr viel Wut im Bauch. Sie stehen nahe der Ministerien mit ihren Plakaten und mit ihren grimmigen Blicken. Die Bauern sind wütend auf die Agrarpolitiker, aber noch mehr auf die Umweltschützer. An ihren Traktoren steht: „No Farmers. No Food. No Future“. Einer der Männer sagt: „Wir Landwirte machen nur zwei Prozent der Bevölkerung aus, sollen aber neuerdings für 100 Prozent der Umweltschäden verantwortlich sein.“

Friedhelm Schmitz-Jersch, der Chef des Brandenburger Naturschutzbundes (Nabu), ist ein mutiger Mann und ein Optimist. An diesem Morgen lässt sich hier kein Politiker sehen, aber der langgewachsene, schmale Mann mit dem weißen Haar marschiert mit strammem Schritt zur Bauerndemo. Er weigert sich standhaft, die Landwirte als Gegner anzusehen. „Sie sind unsere Partner“, sagt er. „Und wir sehen uns als Anwälte der Natur.“ Dafür erntet er höhnisches Gelächter. Ein Mann ruft: „Sie sind dafür verantwortlich, dass die Landwirtschaft stirbt.“

Kontrahenten oder Partner: Landwirt Thomas Essig (l.), Nabu-Chef Friedhelm Schmitz-Jersch (r.).
Foto: Berliner Zeitung/Jens Blankennagel

Landwirt Thomas Essig aus Nordbrandenburg baut sich vor Schmitz-Jersch auf und sagt: „Wir spritzen nicht alles tot, wie Sie so gern behaupten. Wir müssen auch ganz genau nachweisen, wie viel Dünger wir ausbringen und wie viel Stickstoff. Ihr verbreitet Lügen.“

Die Argumente gehen hin und her. Der Nabu-Chef sagt, dass Antibiotika eigentlich nur dazu dienen sollten, Menschen im Ernstfall das Leben zu retten. „Aber in deutschen Ställen wird mehr Antibiotika eingesetzt als in deutschen Krankenhäusern“, sagt er. „Das stimmt nicht“, schallt es ihm entgegen.

Die Fronten sind so verhärtet, dass eine Einigung kaum möglich scheint. Das zeigt auch ein übergroßes Plakat an der Stoßstange eines Traktors. Darauf drei Porträtfotos: Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, daneben Agrarministerin Svenja Schulze von der SPD, sowie Jochen Flasbarth, langjähriger Nabu-Präsident und heutiger Staatssekretär im Umweltministerium. Dazu haben die Bauern einen Satz geschrieben, der ihrer Meinung nach alles sagt: „Sie säen nicht, sie pflegen nicht, sie düngen nicht und sie ernten nicht. Aber sie wissen alles besser!“

Ziemlich schnell kommt die Debatte nun beim Glyphosat an, dem umstrittenen Pflanzenschutzmittel. Thomas Essig sagt, dass da ganz viele Lügen verbreitet werden. „Es ist kein Insektenbekämpfer, sondern ein Unkrautbekämpfungsmittel.“ Es sei weltweit das am besten erprobte Mittel. Und bei richtiger Anwendung sei es auch nicht krebserregend. Die Bauern würden es vorbildlich einsetzen. Anders als viele Städter, die sich das Zeug kanisterweise für den Garten aus Polen holen. Völlig unkontrolliert. Dann erzählt Essig noch, dass es auffällig sei, wie unkrautfrei doch die Bahndämme überall seien. „Die Bahn spritzt auf den Gleisen mehr Glyphosat als die ganze Landwirtschaft zusammen.“

Große Behauptungen werden aufgestellt, und immer gibt es noch andere, die noch mehr Schuld tragen. Der Nabu-Chef sagt, die Vorwürfe würden sich nicht gegen die Landwirte persönlich richten, sondern gegen die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Landwirte und Naturschützer sollten doch gemeinsam dafür kämpfen, dass diese geändert werden. „Sie brauchen faire Preise und eine angemessene Bezahlung“, sagt er. Aber ein Fakt bleibe: Der Zustand der Natur habe sich in den vergangenen 40 Jahren verschlechtert. „Ein Hauptgrund ist die Intensivierung der Landwirtschaft“, sagt Schmitz-Jersch. Das sage auch das bauernfreundliche Agrarministerium.

Thomas Essig kontert: „Wenn eine Kuh einen Fladen fallen lässt, sind nach drei Minuten die Fliegen drauf. Aber Sie verbieten uns, dass wir Gülle auf die Felder bringen.“ Jeden Misthaufen müssten sie heute von Amtswegen ganz schnell beseitigen.

So geht es immer weiter hin und her. Die Bauern sagen, dass kaum noch jemand Mutterkühe auf der Weide hält, weil überall neue Einfamilienhäuser gebaut werden, in denen Städter wohnen, die sich über die Fliegen aufregen. Oder dass die Bauern früher auch dann gutes Geld bekamen, wenn ihr Korn einen größeren Anteil von Kräutern wie Kamille enthielt. Nun sollen aber möglichst wenige Kräuter drin sein. „Also wird alles andere weggespritzt“, sagt ein Bauer. „Mit negativen Folgen für die Insektenwelt. Daran sind nicht wir schuld. Das sind die Zwänge von außen. Das ist der Lebensstil von uns allen.“

DAS GIFT IN DEN PFLANZEN. In Potsdam geht das Pingpong-Spiel mit Fakten und Vorwürfen noch eine Weile weiter. Zweihundert Kilometer weiter nördlich öffnet Bernd Rümenapf drei Stunden später auf seinem Hof eine Tür, an der das Bild einer großen Biene hängt. Dahinter riecht es nach Honig, ganz schwer und süß. Der Imker zeigt, dass bei ihm die Handarbeit regiert. 40 große Kisten stehen da, in jeder sind neun Waben. Seine Frau Christine schabt mit einer „Entdeckelungsgabel“ den Wachs von den Waben, sodass der Honig herausfließen kann. Die Waben stellt sie dann in eine Zentrifuge. Dort werden sie geschleudert und unten läuft der süße Honig aus der Vorrichtung.

Alles Handarbeit: Christina Rümenapf kratzt mit einer Entdeckelungsgabel den Wachs von den Waben, damit der Honig rauslaufen kann.
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

Rümenapf erzählt, dass er viele Jahre zu den 100 Imkern bundesweit gehörte, die beim Bienen-Monitoring dabei waren. Dabei wurde jedes Jahr geprüft, wie sich die Völker entwickeln, wie viele Bienen sterben, auch die Pollen wurden auf Pflanzenschutzmittel überprüft. „Für das Bienensterben spielten die Pflanzenschutzmittel keine große Rolle“, sagt er. Da sei das Hauptproblem ein Bienenschädling namens Varroamilbe.

Trotzdem sei Glyphosat für Imker ein Problem, denn ein Kilo Honig dürfe nur 0,05 Milligramm davon enthalten. „Bei Brotgetreide sind es 10 Milligramm, also 200-mal mehr.“ Und jeder Bundesbürger esse 75 Kilo Brot im Jahr, aber nur maximal ein Kilo Honig. „Sie können also über Brot viel Glyphosat aufnehmen, aber wenn mein Honig den Grenzwert überschreitet, darf ich ihn nicht mal mehr verschenken, sondern muss ihn vernichten.“

Das Hauptproblem in der modernen Landwirtschaft sind seiner Meinung nach die Monokulturen. Riesige Felder mit Mais oder Raps. „In Monokulturen gibt es immer auch dominante Schadinsekten, die oft sehr anpassungsfähig sind. Wir brauchen aber eine breite biologische Vielfalt, dann gibt es auch natürliche Gegenspieler zu den Schadinsekten. Monokulturen verlangen nun mal nach viel Pflanzenschutzmitteln.“

Damit nicht genug. Rümenapf erzählt von einer Gruppe von Insektengiften, die in der breiten Öffentlichkeit noch recht unbekannt sind. Sie tragen den schwierigen Namen Neonicotinoide. Wenn andere Gifte auf dem Acker versprüht werden, kleben sie eine Weile auf den Pflanzen und werden dann vom Regen auch wieder abgespült. „Doch diese Nervengifte werden von den Pflanzen aufgenommen“, erklärt er. In Ahornbäumen soll das Gift vier Jahre lang wirksam sein. Wenn Bienen den Saft solcher Pflanzen saugen, können sie sich vergiften. „Das Gift wirkt nicht sofort tödlich. Aber die Bienen verlieren die Orientierung, finden nicht zum Bienenstock zurück. Das Gift setzt sie auch unter einen ewigen Dauerstress, bis sie sterben.“

Rümenapf steht er auf. Er will das Thema wechseln, will auch von den schönen Dingen erzählen. Von seinem unendlichen Wissen über Bienen und die Imkerei, die zu den ältesten Berufen der Welt gehört. Er zeigt den Raum, in dem er Hunderte Wabenkisten lagert – und er erzählt. Dass auch bei den Bienen die Männchen die Faulen sind und die Frauen die Arbeit machen. Dass fast jeder Honig normalerweise hart wird, dass dies aber verhindert werden kann, wenn der Honig gleich nach dem Schleudern gerührt wird. Dann bilden sich keine so großen Kristalle. Er erzählt und erzählt.

Mit Warnschild: Die Leute sollen ihnen nicht zu nahe kommen.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK. Er erzählt auch, dass seine Liebe zu den Bienen eigentlich nur eine Liebe auf den zweiten Blick war. Sein Vater war Lehrer und Imker, und er musste ihm als Junge immer helfen. „Mein Bruder sagte, dass er eine Allergie hat, also musste ich ran“, erzählt er. „Das hat mich ziemlich angekotzt: Die anderen sind am Wochenende an den See zum Baden, und ich kam montags mit einem dicken Auge von den Stichen in die Schule.“ Er studierte dann Pädagogik, Mathe und Physik. „Ich dachte, damit bin ich raus aus der Nummer.“

Doch nach dem Studium mussten Lehrer in der DDR drei Jahre lang an jenem Ort arbeiten, der ihnen vom Staat zugewiesen wurde. So landete er in dem Dorf, in dem er noch immer lebt. Für den jungen Lehrer wurden im alten Schulhaus zwei Zimmer hergerichtet. „Ohne Toilette und fließend Wasser, das war eigentlich untragbar.“ Dann lernte er seine Frau kennen, und als das erste Kind geboren wurde, wollten sie raus aus der Enge des Schulgebäudes. Doch das Geld reichte kaum. Da erinnerte er sich an die Imkerei. „Für eine Tonne Honig gab es 14.000 Mark“, sagt er. „So viel konnte ich als Lehrer niemals verdienen. Und da es in der Schule auch aus politischen Gründen nicht so leicht war, hab ich gekündigt und wurde Imker in einem Obstbaubetrieb.“ Damals hatte er 120 Völker, jetzt nur noch etwa 30. Nun beliefert er Hotels und Bioläden und kann die Nachfrage nach seinem begehrten Heidehonig gar nicht mehr befriedigen.

Dann steigt Bernd Rümenapf in seinen Kleinbus, fährt über Land und will seine Völker in den Kornblumen kontrollieren. Den Bienen drohen vielfältige Gefahren, aber nicht nur durch Gifte und Krankheiten, sondern auch direkt durch Menschen. Auf einem Feld hat er ein Dutzend Bienenkästen aufgestellt. Dazu das Warnschild: „Vorsicht Bienen“ und ein Schild zur Abschreckung: „Achtung Videoüberwachung“. Denn Diebe stehlen in der Landwirtschaft nicht nur Kisten voller frisch gestochenem Spargel oder Erdbeeren am Feldrand oder ganze Kuhherden von der Weide, sondern auch Bienenvölker.

Rümenapf schaut eine Weile über das Feld und genießt den Blick auf die knallblauen Kornblumen. Dann geht er zu seinen Bienen und schaut, wie die Pollen an ihren Füßen aussehnen. „Grau“, sagt er zufrieden. „Kornblume.“ Dann erzählt er, dass Kornblumen die Lieblingsblüten der meisten Bienen sind. „Selbst wenn nebenan Linden blühen, fliegen sie zur Kornblume.“

Wieder erzählt er und erzählt. Irgendwann blickt er auf, schaut seinem Gegenüber kurz prüfend in die Augen und sagt: „Von Bienen können ich Ihnen drei Tage lang etwas erzählen, und Sie wüssten immer noch nicht mal die Hälfte.“ Dann lächelt er und erzählt weiter.