Das Leben ist wieder ein wenig komplizierter geworden. In den Herbstferien eben mal in die Sonne fliegen. Ohne nachzudenken. Nach Madrid vielleicht. Einfach nur noch mal kurz in die Wärme, bevor es Winter wird und kalt und nass. Das geht eigentlich nicht mehr. Aus moralischen Gründen.

Beim Fliegen ensteht besonders viel des fürs Klima schädlichen CO2

Und dabei wäre die Rechnung einfach. Mit dem Auto bräuchte man für die 2000 Kilometer von Berlin aus 22 Stunden, Pausen nicht eingerechnet. Mit dem Flugzeug sind es nur drei Stunden und etwa fünfzig Euro – trotz Herbstferien. Sonst wäre es noch günstiger. Für das Auto kostet allein das Benzin über 300 Euro, dazu kommen Fahrzeugverschleiß und Mautgebühren. Die Entscheidung liegt klar auf der Hand.

Allerdings ist mit dem Klimawandel das Fliegen in Verruf gekommen. Entsteht doch bei dieser Fortbewegungsart besonders viel klimaschädliches CO2 . Und das will kaum noch jemand. Man schämt sich also, wenn man trotzdem fliegt. In Schweden wurde für dieses Gefühl ein Wort erfunden: flygskam.

Auch die verpönten Flüge im Inland stiegen weiter an 

Die Flugscham prägt seit einiger Zeit auch deutsche Debatten. Seit die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg auch noch gezeigt hat, dass man gar nicht mehr fliegen muss, sondern den Atlantik auch mit einem Segelboot überqueren kann, ist es quasi ausgeschlossen, sich keine Gedanken über die eigene Fortbewegung zu machen.

Der britische Prinz Harry bekam das gerade zu spüren. Er musste sich rechtfertigen, weil er zwar eine Initiative zum nachhaltigen Massentourismus unterstützt, aber selber im Privatjet reist. Und trotzdem geht der Trend in eine andere Richtung. Es wird so viel geflogen wie nie zuvor.

Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl der Fluggäste, die im ersten Halbjahr von den 24 deutschen Hauptverkehrsflughäfen abhoben, gegenüber dem ersten Halbjahr ein Jahr zuvor um 4,1 Prozent auf 58,9 Millionen. Ziele wie die Türkei, Italien, Spanien haben Zuwachsraten, aber auch die verpönten Inlandsflüge legten weiter zu wie auch der Interkontinentalverkehr. Im Monat Juli des Jahres 2018 zählte die deutsche Flugsicherung 322.000 Flüge. Am 7. September desselben Jahres wurden erstmals mehr als elftausend Flüge an einem einzigen Tag gezählt. In diesem Jahr war der verkehrsreichste Tag bisher der 28. Juni mit 10.980 Flügen. Seit dem Ende der 90er-Jahre ist das deutsche Flugaufkommen um ein Drittel gestiegen, und es wird wohl noch weiter nach oben gehen. Die europäische Flugsicherungsagentur Eurocontrol geht davon aus, dass sich das Verkehrswachstum fortsetzen wird. Sie prognostiziert für Deutschland bis zum Jahr 2025 eine jährliche Steigerungsrate von 1,9 Prozent.

Die meisten Meschen empfinden beim Fliegen keine Flugscham 

Wie kann das sein, wenn doch gleichzeitig ein Bewusstsein für die negativen Auswirkungen der eigenen Lebensführung insbesondere die Nutzung von Flugzeugen für Reisen auf das Klima entstanden ist? Mittlerweile kann jeder ziemlich einfach überprüfen, wie stark er das Klima schädigt. Das Umweltbundesamt stellt auf seiner Internetseite einen CO2 -Rechner zur Verfügung, mit dem sich ermitteln lässt, wie die eigene CO2 -Bilanz aussieht. Für einen Flug nach New York hin und zurück fallen demnach 3,17 Tonnen CO2 an, für Madrid ist es immerhin noch eine Tonne. Aber wer fliegt überhaupt?

Erhebungen zufolge sind nur 18 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt schon mal geflogen und die Flugreisenden sind vor allem in den Industrienationen beheimatet. Die Forschungsgruppe Wahlen hat im zurückliegenden Juli bei einer Befragung von etwa Tausend zufällig ausgesuchten Bürgern herausgefunden, dass die Wähler der Grünen hierzulande am meisten fliegen. Gleichzeitig fühlt sich diese Gruppe am schlechtesten dabei. 58 Prozent der Grünen-Wähler bekannten sich zu Flugscham. Ein interessanter Widerspruch. In der gesamten Bevölkerung haben die meisten Menschen beim Fliegen kein schlechtes Gewissen.

Das Fliegen zu vermeiden ist oft unbequem und teuer

Woran es liegt, dass die Deutschen immer mehr fliegen, obwohl zumindest ein Teil von ihnen dabei ein unerhört schlechtes Gewissen hat, kann man sich schon denken. Solange eine Fahrt mit der Bahn von Berlin nach Frankfurt 130 Euro kostet, der Flug auf dieser Strecke aber nur 60 Euro, wird sich wohl entscheidend nichts verändern. Fliegen ist trotz gestiegener Ölpreise in den vergangenen Jahren sogar billiger geworden. Die deutschen Fluggesellschaften wuchsen um über vier Prozent. Und so darf man sich bestätigt fühlen beim Lesen der letzten Verbraucherumfrage des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. „Für 88 Prozent der Passagiere war der Ticketpreis bei der Buchung wichtig oder sehr wichtig“, schreibt der Verband in einer Veröffentlichung. Kein Wunder also, dass vor allem die Billigflieger wachsen. Im Winterhalbjahr 2018/19 verzeichneten Low-Cost-Flugverbindungen ab Deutschland laut DLR-Institut für Flughafenwesen und Luftverkehr einen Zuwachs von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig fielen die Preise.

Es gibt Vorschläge, etwas zu verändern, aber sie bringen Unbequemlichkeiten mit sich. Am häufigsten genannt wird die Forderung nach einer Kerosinsteuer. Aber gegen eine Besteuerung des Flugbenzins gibt es auch Widerstand. Schon ist von Ökodiktatur die Rede. Freiwillig wird aber vermutlich nichts anders werden. Die schon heute gegebene Möglichkeit, die beim Reisen erzeugten Treibhausgase durch eine Zahlung an Klimaschutzorganisationen zu kompensieren, nutzen jedenfalls nur sehr wenige Menschen.

Fliegen verursacht drei Prozent aller menschengemachten CO-Emissionen

Die Sache mit dem Fliegen ist kompliziert. „Global betrachtet verursacht Fliegen rund drei Prozent aller menschengemachten CO2 -Emissionen. Das klingt zunächst nicht viel, entspricht aber ungefähr der Summe aller deutschen Klimagasemissionen. In anderen Worten: Der Einfluss des internationalen Flugverkehrs aufs Klima ist mindestens so groß wie der von ganz Deutschland“, schreibt der Klimaforscher Sebastian Timmerberg in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung Die Zeit. Er spricht sich für eine Kerosinsteuer aus. Im Sinne des Klimaschutzes sei es an der Zeit, die staatliche Begünstigung von Flugreisen zu beenden. Er findet, ein Staat, der seine Aufgabe ernst nimmt, müsse gesellschaftlich erwünschtes Handeln belohnen und nachteiliges bestrafen.

Freunde der freien Entscheidung können natürlich trotzdem bei sich selber anfangen und in den Herbstferien einfach mal nicht fliegen. Ganz freiwillig. Fürs Klima.