Huaraz - Es ist eine ziemlich eindeutige Folge des Klimawandels: Forscher warnen vor einer Naturkatastrophe durch einen großen Gletschersee in den peruanischen Anden. Talabwärts des Palcacocha-Sees liegt die auch bei Trekking-Touristen beliebte Stadt Huaraz, die 1941 schon einmal nach dem Bruch eines Erdwalls überflutet wurde. Bei einem neuen Unglück wären die Folgen noch verheerender, mahnen die Forscher um Rupert Stuart-Smith von der University of Oxford im Fachblatt Nature Geoscience.

Der Fall dürfte auch in Deutschland aufmerksam verfolgt werden, denn ein Kleinbauer und Bergführer aus der Region führt deshalb vor dem Oberlandesgericht Hamm eine Zivilklage gegen den Energiekonzern RWE. Das Unternehmen habe – so der Kläger Saúl Luciano Lliuya – Anteil an der menschengemachten Erderwärmung und solle sich daher auch an den Schutzmaßnahmen für den Gletschersee finanziell beteiligen. Die aktuelle Studie steht jedoch in keinem direkten Zusammenhang zu der Klage.

Stadt mit 120.000 Einwohnern

Das Gebiet liegt in der Cordillera Blanca, einer der höchsten Gebirgsregionen des amerikanischen Kontinents, die bei Bergwanderern sehr beliebt ist. Ausgangspunkt für viele Gruppen ist die 120.000-Einwohner-Stadt Huaraz. Auf gut 3000 Metern gelegen, ist sie ideal, um sich an die Höhe zu gewöhnen.

Ende 1941 war die Stadt schon einmal Opfer einer Naturkatastrophe. Damals brach ein natürlicher Wall des gut 4500 Meter hoch gelegenen Gletschersees, sodass eine Lawine aus Wasser und Schlamm talwärts schoss und ein Drittel der Stadt zerstörte. Mindestens 1800 Menschen kamen ums Leben – es war die größte Flutkatastrophe des 20. Jahrhunderts in der Cordillera Blanca.

Seitdem ist der See drastisch angewachsen, wie die Forscher nach Auswertung von Luftbildern berichten. Demnach stieg die Fläche von 1948 bis 1995 zunächst leicht von 0,06 auf 0,08 Quadratkilometer. Als sich der Palcaraju-Gletscher danach um rund 200 Höhenmeter zurückzog, stieg die Wasserfläche auf 0,49 Quadratkilometer. Die Wassermenge betrug 2016 demnach 4,5 Millionen Kubikmeter.

Hohes Risiko für Flutkatastrophe

Modellierungen der Forscher ergaben, dass der Gletscherrückzug mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 99 Prozent auf den menschlich verursachten Klimawandel zurückgeht und sich nicht mit natürlichen Klimaschwankungen erklären lässt. Die Durchschnittstemperatur in der Region ist demnach seit 1880 um 1 Grad Celsius gestiegen.

Das Risiko für eine Flutkatastrophe schätzt das Team als sehr hoch ein – unter anderem wegen des rapiden Rückzugs der Eismassen und des dadurch enorm angewachsenen Wasservolumens. Zudem gefährde der auftauende Untergrund die Stabilität der umliegenden Hänge. Daher seien Schutzmaßnahmen dringend geboten, resümiert das Team.

„Weltweit ist der Rückzug von Gebirgsgletschern einer der klarsten Hinweise auf den Klimawandel“, sagt Co-Autor Gerard Roe von der University of Washington in Seattle. „Überflutungen bedrohen Orte in vielen Bergregionen, aber dieses Risiko ist besonders gravierend in Huaraz, ebenso wie andernorts in den Anden und in Ländern wie Nepal und Bhutan, wo anfällige Populationen im Weg möglicher Fluten leben.“

Dass der Palcacocha-See kein Einzelfall ist, zeigt eine ebenfalls gerade erschienene Studie im Journal of Glaciology. Darin rekonstruiert ein internationales Forscherteam, darunter Forscher aus Erlangen, in den zentralchilenischen Anden den Rückzug des Gletschers El Morado und die Folgen für den vorgelagerten See. Dessen Fläche stieg von 1955 bis 2019 von 0,01 auf 0,19 Quadratkilometer. Das Wasservolumen schätzen die Forscher auf 3,6 Millionen Kubikmeter. (dpa/fwt)