Seit Corona reiht sich eine köstliche Mahlzeit an die nächste. 
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BerlinBei uns herrschen neuerdings paradiesische Zustände: Der Kühlschrank ist immer voll. Es ging mit der Hysterie der Hamsterkäufe los. Mittlerweile habe ich die Linsenvorräte schon leichtsinnig zu Suppen verkocht und auch die Fischstäbchensammlung im Tiefkühlfach ist nicht mehr. Vorräte und Essen sind ja letztendlich kaum voneinander zu unterscheiden, habe ich festgestellt.

Hatte ich früher, auch aus Gründen der Figur- und Finanz- und Rückenschonung, den Großeinkauf am Wochenende vermieden und immer nur bei Bedarf das Nötigste eingekauft, so schleppe ich nun mindestens (!) jeden zweiten Tag einen vollen Rucksack, plus links und rechts zwei gefüllte Stofftaschen nach Hause. Nicht, weil ich hamstere, sondern weil ich und die Kinder die ganze Zeit essen!

Bis vor Kurzem noch unspektakuläre Mahlzeiten

Bis vor Kurzem musste ich wegen Kita und Schule meistenteils nur für ein unspektakuläres Frühstück und Abendessen sorgen. Ich selbst aß tagsüber gar nicht oder kaum etwas, oder außer Haus. Aber jetzt reiht sich Frühstück an Vesper an Snack vor dem Mittagessen an Nachtisch an Picknick für unterwegs an Sofort- Hunger-beim- Nachhausekommen an Abendessen an Obsttellerchen und noch eine Butterstulle vor dem Zu-Bett-Gehen.

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Dazwischen werden in lockerer Form Schokolade, Schokoladenpuddings, Kekse, Äpfel, Joghurts, Gurkenscheiben, Tomaten und Ähnliches eingestreut. Früher hatten die Kinder beim Brotbelag meistens die Wahl zwischen Frischkäse, Gouda und Erdbeermarmelade, jetzt kommen Teewurst, Bierschinken, Mozzarella und Salami hinzu.

„Ich hab Hunger“, weckt mich die Kleine morgens. „Was gibt’s zum Mittag?“ „Ist das Abendessen bald fertig?“, fragt die Große stetig.

Geld für Theater und Ausflüge fließt in köstliches Essen

Warum sich beim Essen zügeln, wenn wir doch sonst schon auf so vieles verzichten müssen, scheinen die Kinder und ich zu denken. Ausflüge, Kino, Theater, Treffen mit Freunden sind jetzt nicht mehr möglich. Das gesparte Geld wandle ich in Oliven, Hummus, Büffelmozzarella, Bio-Sauerrahmbutter und gutes Brot vom teuren Bäcker um.

Das spartanische Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben ist vorbei. Jeder Tag ist ein Sonntag und jeden Tag gibt es ein Sonntagsmahl. Maßhalten fällt schwer und uns sowieso. Es ist ein menschlicher Urtrieb, habe ich mal gelesen, Vorräte aufessen zu müssen. „Wer weiß, wann es wieder so etwas Gutes gibt?“, denkt der Teil des menschlichen Gehirns, der vor Urzeiten fürs Überleben sorgte, aber heute mangels sonstiger Bewegung für Übergewicht.

Ach ja, Essen und Schlafen.

Wenn ich schon nirgendwo hingehen darf, dann lass ich mich eben gehen, sagt mein Körper und möchte zum Mittagessen auch noch den Mittagsschlaf. Aber die Völlerei tröstet nur kurzfristig und Phlegma macht depressiv. Zum Glück hat sich das Über-Ich mittlerweile eingeschaltet. „Nur Essen und Schlafen reichen nicht aus für Frohsinn und Lebensfreude“, sagt es: „Ihr braucht noch eine Droge: Sport!“