Berlin - Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat Coca-Cola vorgeworfen, mit seinen zuckerhaltigen Getränken mitverantwortlich für Krankheiten wie Fettleibigkeit oder Diabetes zu sein. Der Verein fordert das Unternehmen auf, sein sogenanntes Influencer-Marketing, das gezielt junge Leute anspricht, zu stoppen.

Von der neuen Bundesregierung erhofft sich die Organisation die Einführung einer Herstellerabgabe, wie sie am Freitag in Großbritannien in Kraft treten soll. Allerdings will in Deutschland derzeit kein Regierungspolitiker nach einer Zuckerabgabe rufen. Die neue Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) stellte am Mittwoch fest, dass es zu verlockend klinge, eine zusätzliche Steuer für Fertigprodukte in Deutschland zu erheben. Vielmehr müsse es eine Gesamtstrategie zur Reduzierung von Fett, Zucker und Salz in Lebensmitteln geben, so Klöckner weiter.

In dem Bericht, den Foodwatch am Mittwoch in Berlin vorstellte, wird die Arbeit des Getränkeherstellers beleuchtet. Dort heißt es, dass der Konzern versuche, durch gezielte Lobbyarbeit Regulierungen wie Werbeverbot oder Sondersteuern zu „torpedieren“. Zudem würde der Konzern versuchen, „mit gekauften Wissenschaftlern Zweifel an der Schädlichkeit von zuckerhaltigen Getränken zu säen“. So würde Coca-Cola die Behauptung streuen, dass ein Mangel an Bewegung und nicht Zuckerkonsum für Fettleibigkeit und Diabetes verantwortlich sei.

84 Liter Zuckergetränke im Jahr

Nach Angaben von Foodwatch belegen 80 Prozent der Studien, die unabhängig finanziert wurden, einen Zusammenhang von Übergewicht und dem Konsum von Zucker. Studien, die von Lebensmittelherstellern finanziert wurden, seien zu einem gegenteiligen Ergebnis gekommen.

„Natürlich weiß wohl jedes Kind, dass Cola und Limo nicht gesund sind. Aber es geht nicht um ein bisschen zu viel Zucker – schon eine Dose am Tag fördert ernsthafte Krankheiten“, sagt Foodwatch-Kampagnen-Chef Oliver Huizinga. „Zuckergetränke von Coca-Cola sind flüssige Krankmacher“. Laut der WHO sind Zuckergetränke eine wesentliche Ursache für Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes. In Deutschland sind etwa 6,7 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt.

Im Schnitt trinkt der Deutsche 84 Liter Zuckergetränke im Jahr. Die stärksten Konsumenten sind männliche Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, die durchschnittlich einen halben Liter pro Tag trinken. Die Amerikanische Herzgesellschaft etwa rät zu maximal 240 Millilitern pro Woche.

In Deutschland gilt jeder vierte Erwachsene und jeder zehnte Jugendliche als fettleibig. Der Volkswirtschaftler Tobias Effertz errechnete, dass Adipositas gesamtgesellschaftliche Kosten in Höhe von schätzungsweise 63 Milliarden Euro jährlich verursacht.

Influencer-Marketing in der Kritik

Doch warum steht Coca-Cola im Fokus? Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker verweist auf die Dominanz der Marke. Der Marktanteil von Coca-Cola liegt in Deutschland bei rund 36 Prozent (3,6 Milliarden Liter im Jahr) und ist damit so hoch wie die der Plätze zwei, drei und vier zusammen. Weltweit ist die Firma Marktführer im Segment „Erfrischungsgetränke“. Auch gibt der Konzern viel Geld für Werbung in Deutschland aus. 2017 lagen die Kosten bei 172,6 Millionen Euro – weltweit 3,3 Milliarden Euro.

Rücker kritisierte, das Geld fließe in „perfide Marketingstrategien“. Coca-Cola kooperiere mit sogenannten Influencern (vergleichbar mit Markenbotschaftern), die die junge Zielgruppe im Internet ansprechen. Neun der 20 meistabonnierten Youtuber Deutschlands waren bereits im Coca-Cola-eigenen Youtube-Kanal „Coke TV“ zu sehen. 24 Youtuber, die für Coca-Cola Werbung machten, haben mehr als eine Millionen Follower.

„Niemand möchte Zucker oder Coca-Cola verbieten“, sagt Rücker. Doch Coca-Cola müsse seine Werbemaßnahmen überdenken. Die Debatte über den Konsum von Zucker und die Verantwortlichkeit von Großkonzernen müsse geführt werden.

Vorbild Großbritannien

Coca-Cola nahm, trotz Einladung, nicht an der Pressekonferenz teil. Zeitgleich war ein Interview mit Patrick Kammerer, Mitglied der Coca-Cola-Geschäftsleitung auf der Konzern-Internetseite zu lesen. „Die Einladung zur Pressekonferenz war in Wahrheit eine Vorladung an den von Foodwatch aufgestellten Pranger.“ Der Konzern entwickle sich stetig, erklärt Kammerer. „Das Thema, um das es geht, ist wichtig. Und wir sind ein Teil in einem größeren Puzzle. Übergewicht ist ein Problem in vielen Ländern. Wir sind offen für einen konstruktiven, lösungsorientierten Dialog darüber, welchen Beitrag unser Unternehmen dabei leisten kann.“

Er berichtet, dass der Konzern plane, den Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken bis zum Jahr 2020 um zehn Prozent zu senken. Die Bedingung von Zuckerkonsum und Fettleibigkeit hält er nicht für ausreichend belegt. Er fordert, sich bei der Suche nach der Ursache für Fettleibigkeit nicht ausschließlich auf Lebensmittel zu konzentrieren, sondern auch den Lebensstil der Menschen und die Gesamt-Kalorienaufnahme in den Blick zu nehmen.

„Wir sollten einen Blick nach Großbritannien werfen“, fordert dagegen Martin Rücker. Dort greift ab Freitag eine Unternehmenssteuer auf Limonade. Zuckergehalte von mehr als fünf oder acht Gramm je 100 Milliliter werden fortan mit hohen Abgaben belegt. Unterstützung erhielten die Verbraucherschützer von neuen Forschungsergebnissen, die in der britischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden. Demnach könnten zusätzliche Steuern auf Limonaden ein wirksames Mittel gegen die Zunahme nicht übertragbarer Krankheiten sein.